ECHO KLASSIK 2017: Joyce DiDonato

Foto: Brooke Shaden

Preisträger der Kategorie “Sängerin des Jahres”

Händel, Purcell, Monteverdi u.a.: “In War & Peace”, Joyce DiDonato, Il pomo d’oro, Maxim Emelyanychev (Erato / Warner)

Die Mezzosopranistin Joyce DiDonato wird für ihr Album „In War & Peace“ ausgezeichnet – nun sucht sie bei Berlioz Inspiration und setzt die Botschaften der Oper auch im Leben um.

Wenn Musik die Möglichkeit ist, das Chaos der Welt zu ordnen, dann ist Joyce DiDonato so etwas wie eine Grenzgängerin zwischen Kunst und Wirklichkeit. Auf der einen Seite ein gefeierter Mezzosopran, der jedem Operncharakter ein Leben aus Fleisch und Blut einhaucht, auf  der anderen Seite ein Mensch, der mit beiden Füßen in unserer Zeit steht und versucht, sich nicht von der Komplexität der Welt unterkriegen zu lassen.

Für eine Sängerin wie Joyce DiDonato sind Opern von Händel, Purcell oder Monteverdi keine pure Unterhaltung, kein Soundtrack einer fernen Zeit, sondern emotionale Modelle, die helfen könnten, ein bisschen Ordnung in unser Emotionschaos und in das Zusammenleben unserer Zeit zu bekommen.

DiDonato wurde in einem kleinen Ort in Kansas geboren – seither zählt sie zu den wichtigsten Mezzosopranen und kennt die Welt. Eine Welt, die ihr zunehmend Angst bereitet: „Ich fühle ich mich zuweilen der Versuchung ausgesetzt, in den Turbulenzen und dem Pessimismus zu versinken, der alle Bereiche unseres Lebens durchdringt“, sagt sie, „der Gefahr, dem Lärm des Aufruhrs zu erliegen, der unseren Geist verwüsten kann. Und doch bin ich eine kämpferische, stolze, bereitwillige Optimistin.“ Ihren Optimismus feiert die Sängerin mit ihrer Stimme, vor allen Dingen aber mit den großen Opern und großen Komponisten als Kronzeugen. Sie lehren uns Gelassenheit, Ruhe, Muße – Dinge, die gerade in aufgekratzten Zeiten wichtig erscheinen. „Können wir, statt uns dem unaufhörlichen Lärm unserer grundlegenden Ängste zu unterwerfen, Gelassenheit wählen und es wagen, diese Ängste zum Schweigen zu bringen?“, fragt DiDonato und hat genau das in ihrem Album „In War & Peace“ versucht, mit ihrer samtenen, zutiefst emotionalen Mezzo-Stimme, mit einem Repertoire, in dem sie sich zwischen die Fronten der Welt stellt und es immer wieder schafft, die Zeit für einen Augenblick anzuhalten.

Musik ist ein Spiegel des Lebens, und eine Vollblut-Künstlerin wie Joyce DiDonato weiß, dass wir im Leben für die Bühne lernen und auf der Bühne für das Leben, dass Kunst und Realität sich bedingen, wenn sie einen Sinn haben sollen. Gerade weil unser Leben und unsere Zeit oft groß und unüberschaubar erscheinen, ist es der Amerikanerin umso wichtiger, in die Charaktere der Opern hineinzulauschen, um am Ende ganz konkret handeln zu können. Die Erkenntnis kommt bei ihr durch die Stimme.

So hat sie gerade gemeinsam mit dem Ensemble Il pomo d’oro ein Flüchtlingscamp in Griechenland besucht und versucht, das Chaos der Welt auf die Begegnung von Mensch zu Mensch zu schrumpfen. Dabei hat sie festgestellt, dass die Musik auch hier, wo Menschen in existenzieller Not leben, vielleicht keine Heilung, wohl aber Räume des Nachdenkens, der Einkehr, der Überlegung schaffen kann. „Harmony through music“, das Motto ihrer mit dem ECHO KLASSIK ausgezeichneten Aufnahme, ist mehr als das Motto für die Musik, die Joyce DiDonato interpretiert – es ist das Motto ihres Lebens.

Und auch in ihrem neuen Projekt geht es wieder um Menschlichkeit, um Krieg und Frieden. DiDonato wird in der Gesamtaufnahme von Hector Berlioz’ „Les Troyens“ zu hören sein, einer großen Oper um den trojanischen Krieg, um die Flucht nach Karthago und die tragische Liebe von Dido und Aeneas. Eine Oper, die mehr ist als eines der Schlüsselwerke des 19. Jahrhunderts – sie ist ein Spiegel auch der Wirren unserer Zeit. „Die Kunst vereint, überwindet Grenzen, verbindet, was getrennt ist, beseitigt Rangunterschiede, mildert Unruhen, bedroht die Macht und den Status quo“, sagt Joyce DiDonato, „und sie erhebt auf wunderbare Weise den Geist.“ In ihrer Stimme ist ihr wichtigstes Credo allgegenwärtig: „Musik ist der Weg des Tapferen zum Frieden.“

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