ECHO KLASSIK 2017: Kent Nagano

Foto: Anna Hult

Preisträger der Kategorie “Dirigent des Jahres”

Richard Strauss: “Eine Alpensinfonie”, Kent Nagano, Göteborger Symphonikern (Farao Classics)

Kent Nagano erhält den ECHO KLASSIK für seine Interpretation der „Alpensinfonie“ mit den Göteborger Symphonikern. Ein Gespräch über die tiefe Welt hinter der Oberfläche.

crescendo: Herr Nagano, Ihre Interpretation der Alpensinfonie ist besonders: keine radikale Klangwucht, sondern eher zurückgenommen, eine Innen- statt eine Außenwelt. Warum haben Sie diesen Ansatz gewählt?

Kent Nagano: Die Inspiration für diese Musik sind die Alpen, ihre Größe, ihr Mysterium, ihre Schönheit und ihre Anziehungskraft. Die Größe hat aber nichts mit Bombast zu tun, nicht einmal, wenn der Sturm aufzieht. Die wahre Kraft liegt im Inneren – für mich ist das ein magnetisches Spiel von Innen und Außen. Auf der einen Seite gibt es die Idee der Pastorale, ähnlich wie Beethovens sechste Sinfonie: Ein Reflex gegenüber der Natur, gelenkt von Impressionen und Staunen. Strauss reflektiert darüber hinaus eine Lebensphilosophie, die an Nietzsche angelehnt ist. Uns ging es darum, diese Vielschichtigkeit durch größtmögliche Transparenz zu verdeutlichen.

Strauss erzählt die Wanderung durch die Alpen – aus der Sicht des Wanderers. Was konkret sieht er dabei?

Es geht, glaube ich, auch um die Furcht um und vor der Größe der Natur, vor ihrer Unendlichkeit. Gleichzeitig dreht sich alles um dem psychologischen Mikrokosmos, ist also eine Reise in das Innere des Menschen, die durch das Außen provoziert wird. Es geht um eine menschliche Philosophie, welche durch die Natur angeregt wird. Sie wird durch dauernd wechselnde Gefühle dargestellt: Traurigkeit, Freude, Mut oder Angst. Das ist die Seele der Musik, und die gilt es, hörbar zu machen.

Romantische und spätromantische Komponisten nutzen immer wieder die Natur, um den Menschen an sich zu erklären. Welche Naturbegegnungen haben Sie persönlich besonders beeindruckt?

Die Region in der ich meine Kindheit verbracht habe, die spektakuläre Pazifikküste Kaliforniens mit ihren dramatischen Klippen und Bergen hat mich durchaus beeindruckt. Und ähnlich wie in der Alpensinfonie habe ich gespürt, dass ich die wütenden Wellen oder die noble Stille wahrgenommen habe – und das Gefühl hatte, dass die Natur die Zeit stehenlassen kann. Das ist eine Erkenntnis, die mich bis heute auch in der Musik bewegt.

Strauss’ Musik ist zuweilen sehr plakativ…

… Es ist wahr, es gibt viel Oberflächigkeit in dieser Musik. Aber das ist die Musik von Beethoven, Brahms oder Bruckner auch, selbst jene von Mozart. Letztlich arbeitet jedes Meisterwerk mit plakativen Elementen, denn gute Musik besteht immer aus Funktion und Effekt. Und hier wird es spannend: Hinter der Oberfläche des Effekts passieren viele Dinge, die wesentlich tiefer liegen. So gesehen ist Strauss plötzlich überhaupt nicht mehr eingängig oder stereotyp, sondern erfüllt von einer filigranen Menschen-Vision, die sich hinter der Oberfläche entwickelt.

Die Arbeit mit dem Göteborger Orchester scheint sehr intensiv gewesen zu sein. Warum haben Sie die CD ausgerechnet mit diesem Orchester aufgenommen?

Gerade die Alpensinfonie erfordert Souveränität und Kontrolle, Disziplin, technische Fähigkeit, Freiheit und immer wieder Sensibilität und Imagination, um die nötige Klarheit zu erreichen. Das GSO hat all diese Dinge und begegnet der Partitur mit einer außerordentlichen Überzeugungskraft und Intensität, die nur durch Begeisterung und den unverrückbaren Glauben an die Botschaft der Musik möglich ist.

Der Zyklus geht nun mit dem „Heldenleben“ und „Tod und Verklärung“ weiter…

Worauf ich mich sehr freue. Der ECHO zeigt, dass wir etwas Besonderes schaffen und ist eine große Ehre, weil er das gesamte Team auszeichnet, alle die sich hingegeben haben, natürlich das Orchester, aber auch das Produktionsteam um Felix Gargerle und FARAO classics – und am Ende gebührt der ECHO eben auch Richard Strauss und seinem Genie.

Welche Wanderung würden Sie noch gern unternehmen?

Es gibt viele spannende Wege, aber in Wahrheit wandere ich jeden Tag. Und zwar durch die schönste Landschaft von allen: durch das Reich der Vorstellung. Hier gibt es keine Zäune, keine Grenzen, keine Limits – hier halte ich mich am liebsten auf, da eine neue Entdeckung hinter jeder Ecke lauert.

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