„Ehrlich, das ist das Linzer Theater?“

Musiktheater Linz (c) Peter Philipp März

Das Landestheater Linz ist eines der wenigen Thaterhäuser, die über eine eigene Musicalsparte verfügen. 2013 gönnten sich die Linzer außerdem einen spektakulären Musiktheater-Neubau.

Bei jeder Hausführung im mittlerweile vier Jahre alten Musiktheater Linz sieht man in die gleichen ungläubigen Gesichter, selbst dann, wenn es sich um erfahrene Theaterleute handelt. Die schieren Dimensionen des Großen Saals mit seiner 32-Meter-Transportdrehscheibe, die flexible BlackBox samt Cabaret-Bühne BlackBox Lounge, die edlen Materialien in Saal, Foyer und Backstage-Bereich, die Integration von Proben-, Orchester- und Ballettsälen, Kostümwerkstätten, Fundus, Schreinerei, Schlosserei und, und, und … – all das scheint zu belegen, in Linz funktioniere die Kulturförderung nach dem Tischlein-deck-dich-Prinzip. Dabei ist das Musiktheater einer der wenigen Kulturbauten der letzten Jahrzehnte, deren Finanzierung exakt nach Plan verlief. Und dazu ging die mutige Idee des damaligen Intendanten Rainer Mennicken, neben die vier vorhandenen Sparten Oper, Tanz, Schauspiel und Junges Theater eine Musicalsparte mit fixem Solistenensemble zu setzen, besser auf, als man sich vorher träumen ließ.

Mennicken lockte mit seinem Konzept den sowohl im subventionierten als auch kommerziellen Theater versierten Regisseur Matthias Davids nach Linz, der Aufbau und Weiterentwicklung der Sparte übernahm. Da es keine Vorbilder gab, mussten viele Entscheidungen getroffen werden – über Ensemblegröße, Team, Spielplangestaltung, Art und Intensität der Zusammenarbeit mit den anderen Sparten. Viele der damaligen Entscheidungen haben sich als goldrichtig erwiesen, trotzdem wird ständig an der Feinjustierung gearbeitet.

Aus über 700 Bewerbungen wurde das zunächst 7-, mittlerweile 10-köpfige Fixensemble zusammengestellt, das Ende 2012 seine Arbeit im fast fertiggestellten Musiktheater aufnahm. Als Eröffnungsstücke wurden die ÖE von Die Hexen von Eastwick im Großen Saal und die „Showtime“ Seven in Heaven in der BlackBox Lounge gezeigt, die zur Hauseröffnung am 13. und 14. April 2013 Premiere hatten. Insgesamt wurden in den bislang etwas über vier Spielzeiten 21 Musicals auf fünf Bühnen (neben den drei Musiktheaterbühnen auch das Schauspielhaus und die Kammerspiele im alten Landestheater) gezeigt, von Kammermusicals (Babytalk, Hedwig and the Angry Inch) über die großen Klassiker (Show Boat mit über 120 Darstellern und Musikern) bis zu modernen Pop-Musicals (Ghost – Nachricht von Sam mit anschließender Übernahme für eine zehnmonatige Spielzeit ins Stage Theater des Westens Berlin).

Spannend ist die Möglichkeit, neben großen Publikumsmagneten wie Les Misérables, Singin‘ in the Rain oder The Who’s Tommy auch weitgehend unbekannte Entdeckungen ins Programm zu nehmen. So konnte sich Linz z. B. die Rechte an der Europäischen Erstaufführung von Préludes sichern, einer recht avantgardistischen „musikalischen Fantasie für Konzertflügel, Keyboards und Laptop“ von Dave Malloy über die dreijährige Schaffenskrise Sergej Rachmaninows nach dem Misserfolg seiner ersten Sinfonie und deren Bewältigung mit Hilfe eines Hypnosetherapeuten – nicht unbedingt ein typischer Musicalstoff. Es spricht für das Linzer Publikum, dass – wie bei fast allen Musicalproduktionen – auch hier die Kartennachfrage nicht annähernd befriedigt werden konnte.

Das Musical als Genre ernstzunehmen und seine Vielfalt zu zeigen, war und ist das Ziel in Linz. Voraussetzung dafür ist ein hochklassiges, flexibles und mit Bedacht zusammengestelltes Fixensemble, die Optimierung technischer Bedingungen wie Sound- und Lichtdesign und die von gegenseitigem Respekt geprägte Zusammenarbeit mit den anderen Sparten und dem Bruckner Orchester. An Ideen für die künftige Fortentwicklung des Musicals in Linz mangelt es nicht; so sind beispielsweise mehrere Uraufführungen in Planung.

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