Ein Anruf bei … Eike Grunert

(Ein Anruf bei Eike Grunert, Foto: Maria Goeth)

Wir hatten keinen Etat, aber jede Menge Enthusiasmus!
Ein Anruf bei Eike Grunert, der vor 20 Jahren mit „Così facciamo“ sein eigenes Opernunternehmen gründete – ganz nebenbei. Im „richtigen“ Leben ist der gebürtige Bremer Rechtsanwalt.

crescendo: Herr Grunert, Sie sind Jurist, aber vor 20 Jahren kamen Sie auf die Idee, Ihr eigenes Opernunternehmen zu gründen?
Eike Grunert: Ja, ich bin Rechtsanwalt, Partner in einer mittelständischen Kanzlei in München. Zur Bühnenkunst kam ich im zarten Alter von 16 Jahren, als ich mit meinen Freunden im evangelischen Gemeindehaus Bad Tölz eine Theatergruppe gründete, in der ich auch selbst mitspielte. Schon diese Theaterstücke hatten immer sehr viel mit Musik zu tun. Wir haben Klassiker der Moderne mit Musik garniert und als Potpourri aufgeführt. Aus dieser Gruppe hat sich Ende der 90er-Jahre ein Opernensemble entwickelt. Damals war ich halbfertiger Jurist, war kein Sänger, kein Instrumentalist und bin erst mal ausgestiegen. Nach einiger Zeit kamen die anderen Gruppenmitglieder zu mir und sagten: „Uns fehlt jemand, der uns organisiert, Geld besorgt, uns eine Struktur gibt. Willst du unser Manager sein?“

Das hat gleich funktioniert?
EG: Nein. Ich hatte ja noch gar keine Erfahrung in dem Bereich. Ich war gerade mit meinem juristischen Staatsexamen an der Universität Passau fertig und habe meine Promotion zu einem Urheberrechtsthema – also auch im Theaterbereich – vorbereitet. Ich überlegte mir, dass ich verschiedene Freunde, Bekannte und andere vernetzen muss, um voranzukommen.

Und dabei kam die Spezialisierung auf Barockoper?
EG: Von künstlerischer Seite aus kam das Ensemble aus Nikolaus Harnoncourts Meisterkursen für historische Aufführungspraxis, wo sich die heute noch maßgeblichen Mitglieder kennengelernt haben. Also sagten wir uns: Wir versuchen es einfach mal mit Barockoper. Meine Überlegung war: Wo kann man das anbieten, wo es so was noch nicht gibt? In Dresden gab es 1999 eine Theatermesse, wo wir hingegangen sind und einige Ausschnitte aufgeführt haben. Und wir haben festgestellt, dass es auf dem Gastspielmarkt kaum Ensembles gibt, die professionell Barockopern anbieten.

Und dieses Konzept hat funktioniert?
EG: Es war ein langer und steiniger Weg. Ein Freund hat uns ein Zeitfenster bei einem Mini-Festival, der Dresdner Theaternacht, gegeben. Wir bekamen die Kleine Szene der Semperoper für einen Samstagabend und einen halben Vorbereitungstag. Wir hatten keinen Etat für Gagen, keinen Etat für Bühnenausstattung, keinen Etat für gar nichts. Aber wir hatten engagierte Leute, einen tollen Regisseur, fantastische Sänger und Instrumentalisten. Wir haben uns eine Woche in der Münchner Musikhochschule zusammengesetzt, mit dem Ziel, ein paar Kernszenen aus Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ zu proben. Am Ende der Woche hatten wir das ganze Stück durchinszeniert. Das war ein großer Erfolg, reduziert auf das Wesentliche: die Story auf sieben Personen eingedampft, mit einem flexiblen Bühnenbild, das in einen halben VW-Bus passte.

Das ist euer Charakterisikum geblieben?
EG: Geblieben ist der Spirit, mit den vorhandenen Möglichkeiten etwas zu machen. Nicht darauf zu warten, dass man einen Sponsor oder eine große Institution im Rücken hat, die einem das feinsäuberlich finanziert. Allerdings haben wir uns extrem weiterentwickelt. Bei „Poppea“ haben wir ein kleines Video produziert, mit dem ich Klinkenputzen gegangen bin. Nach zwei Jahren konnten wir sie dann in einer kleinen Tournee mit sieben Gastspielen in ganz Deutschland wiederaufführen. Da hat das Geld schon für ganz auskömmliche Gagen gereicht, für Fahrtkosten – die Ausstattung war immer noch ziemlich spartanisch. Über die Jahre kamen sieben Produktionen dazu. Je mehr Erfolg wir im Gastspielmarkt hatten, das heißt auch die Produktionskosten auf mehreren Schultern verteilen konnten, desto üppiger ist das Ganze geworden. Wir machen derzeit etwa alle zwei Jahre eine Neuproduktion im Cuvilliés-Theater München mit anschließender Gastspieltournee. Inzwischen haben wir eine recht konstante Sängerbesetzung und brauchen kaum noch Castings. Für die Zukunft wünschen wir uns unter anderem, noch Monteverdis schwer zu besetzenden „Ulisse“ zu realisieren, denn dann hätten wir zusammen mit „Poppea“ und „Orfeo“ seinen Opernzyklus komplett.

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