Ein Anruf bei … Dirigent Thomas Hengelbrock

(Thomas Hengelbrock 2016)

Ein Anruf bei Dirigent Thomas Hengelbrock, der bereits in der spektakulären frisch fertiggestellten Elbphilharmonie proben durfte.

crescendo: Herr Hengelbrock, ganz direkte Frage: Wie klingt sie denn jetzt, die neue Elbphilharmonie?
Thomas Hengelbrock: Sie klingt wirklich ganz fantastisch! Sie hat eine ausgesprochen gelungene Mischung zwischen Sinnlichkeit und Deutlichkeit, zwischen großer Wärme und schöner Mischung des Klangs und zugleich einer großen Durchhörbarkeit. Es ist außerdem bemerkenswert, dass der Klang wirklich auf allen Plätzen wunderbar ist – von ganz unten bis hinauf unters Dach.

Hatten Sie denn Einfluss auf das akustische Fein-Tuning des Bauwerks?
TH: Nein, das war auch in der Bauplanung nicht vorgesehen. Es gab einen Entwurf des Innenarchitekten, beziehungsweise – was die akustischen Parameter angeht – von Herrn Toyota. Dieser wurde dann auch eins zu eins umgesetzt.

Na dann haben wir ja Glück gehabt, dass es so gut geklappt hat …
TH: Nicht nur Glück! Herr Toyota hat wirklich ein Meisterstück abgeliefert. Er war in den vergangenen zwei Monaten in allen Proben dabei und hat selbst immer wieder gesagt: „I’m so happy, I’m so happy!“

Wie geht man als Dirigent grundsätzlich an die Akustik eines neuen Hauses, insbesondere eines so großen, heran?
TH: In dem Fall ist die Akustik so anders als in der Hamburger Laeiszhalle, dass sich das Orchester da komplett neu finden und aufstellen muss. Wir haben sehr viel experimentiert: mit den Sitzpositionen, mit der Podesterie, mit der Aufstellung. Das sind Prozesse, die Zeit brauchen und je nach Repertoire auch sehr verschieden sind. Eine bestimmte Aufstellung funktioniert für einen bestimmten Saal sehr gut, für einen anderen nicht – da steht man als Dirigent in der Elbphilharmonie vor den gleichen Aufgaben, wie man sie im Grunde genommen als Dirigent überall in der Welt hat … Aber es ist schön, wenn man diese Aufgaben an einem der bestklingenden Orte der Welt bewältigen kann.

Sie sind ein Meister der historisch informierten Aufführungspraxis. Müsste man nicht auch die Räumlichkeiten dazu historisch passend wählen?
TH: Es ist wichtig, dass man sich um die Aufführungsbedingungen, die manchmal in eine Partitur eingeschrieben sind, kümmert. Nehmen Sie zum Beispiel eine große Messe von Johann Caspar von Kerll: Die hat ein sehr langsames, harmonisches Tempo, ist für die Aufführung in ganz großen Kirchen und Kathedralen geschrieben. Wenn wir eine solche Musik in einem sehr trockenen Konzertsaal aufführen, verliert sie schnell ihren Reiz und Zauber. Es gibt Musik, die sich wirklich nur in Kirchen entfalten kann, die mit einer langen Nachhallzeit rechnet. Und es gibt genau das Gegenteil: Kammermusik, die für kleine Räume geschrieben ist, die eine unheimliche Deutlichkeit und Transparenz verlangen.

Gab es Räume, die Sie ganz besonders inspiriert haben?
TH: Als junger Künstler spielte ich zum ersten Mal im Orchester des Concertgebouw. Als alle anderen Musiker weg waren und der Saal komplett leer war, stelle ich mich dort hin und spielte Tschaikowsky, Bach-Chaconne und vieles mehr. Ich konnte mich nicht satthören am Klang dieses herrlichen Saales.

Wie ist Ihre Vision vom perfekten Raum?
TH: Es gibt schon einige Räume, die speziell für klassisches Konzertrepertoire gebaut wurden und den Anforderungen sehr gut genügen wie eben das Concertgebouw in Amsterdam, der Musikvereinssaal in Wien, die Philharmonie in Paris und ab sofort ganz sicher die Elbphilharmonie. Aber ich möchte jetzt auch mal ganz explizit das Konzerthaus in Dortmund nennen und nicht zu vergessen eines der schönsten Häuser, die es überhaupt in Europa gibt: den wunderbaren alten Saal in Wuppertal, der leider viel zu wenig bespielt wird, was der Finanznot der dortigen Kommunen geschuldet ist.

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