Elektra: Nervenmusik und Seelendrama

(Foto: A.T.Schaefer)

Lorenzo Fioroni inszeniert eine ungewöhnliche „Elektra“ am Theater Augsburg. Dirk Kaftan dirigiert großartige Nervenmusik 

Endlich: Kein antikisierender Ruinenraum im Halbdunkel, der sonst allerorten das Bühnenbild zu „Elektra“ beherrscht. Dafür ein weißer Raum mit offenen Türen, der nicht minder unheimlich ist: denn hier belauscht jeder jeden und die Seelenzustände liegen in grell-weißem Licht quasi auf dem Seziertisch. Regisseur Lorenzo Fioroni, der den Opern-Schocker aus der Feder von Richard Strauss und Hugo von Hoffmannsthal fürs Theater Augsburg neu inszeniert hat, versetzt die Atriden-Tragödie in eine Art Kommune mit Hippie-Batik, Matratzen am Boden und Parolen an den Wänden. Make love, not war! Denn der Krieg (der trojanische oder der 2. Weltkrieg) hat mit all seinen Grausamkeiten verdrängt zu werden, ebenso wie der grausame Mord an Agamemnon – koste es, was es wolle. Und das ist viel: Klytämnestra, die wie Milva mit rotem Lockenkopf auftritt, ist aufgrund von Alpdruck spiritistisch geworden, Chrysothemis leidet unter einer Art Hospitalismus und will ins Freie, Elektra ist vergiftet von Hass, eine Psychopatin. Sie lebt in der Augsburger Neuproduktion in einem Messi-Zimmer, vollgestopft mit Erinnerungen an die Vergangenheit und an Papa Agamemnon – hier ein General, der seine Frau betrügt (auch der historische Agamemnon hatte die Seherin Kassandra zu gleichem Zweck nach Hause mitgebracht). Elektra löst ihr Trauma durch Serienmord: Zuerst ist gar nicht Stück-konform, aber musikalisch nachvollziehbar die Schwester Chrysothemis dran, dann folgen Mutter Klytämnestra und Stiefpapa Aegisth. Orest, der ersehnte Bruder und Rächer, darf nur als Stimme aus dem Off auftauchen, die in Elektras Kopf spukt.

Dieses Blutbad mündet schließlich in eine Rückblende als Schlussbild: Im Hause Agamenon wird dessen und Orests Heimkehr zünftig und so harmonisch, wie Elektra es sich erträumt, gefeiert – mit Dirndl und Lederhosn und allen (wiederauferstandenen) Familienmitgliedern. Und zu Elektras stampfendem Schlusstanz wird’s gar Blasmusik-selig. Auch wenn der Bilderrausch von Paul Zollner (Bühne) und Annette Braun (Kostüme) hier wie im gesamten Stück optisch bezwingend ist, erschließt sich der Bayern-Seitenhieb nicht wirklich. Insgesamt aber ist diese Inszenierung ein großer Wurf, echtes Musiktheater.

Dass das Ganze zu einer der besten Augsburger Produktionen wird, dafür sorgt vor allem Dirk Kaftan am Pult der glänzend musizierenden Augsburger Philharmoniker. Schon ab dem ersten Ton, der wie ein Beil den Raum durchschneidet, wird klar, dass Kaftan kompromisslose Nervenmusik dirigiert, packend bis zur letzten Sekunde, modern-kantig und doch von typisch Strauss’schem Klangsog. Unglaublich! Elena Nebera (als Gast in Augsburg) ist eine dramatische Elektra, die auf kluge Gestaltung setzt – und Sally du Randt hat als Chrysothemis ganz große Momente und singt mit einer Inbrunst, dass es eine Freude ist. Ebenso atemberaubend: Kerstin Descher als Klytämnestra mit großer Stimme und klarer Diktion. Helden- und Charaktertenor Gerhard Siegel als Aegisth und Stephen Owen als Orest runden eine Ensembleleistung ab, die auch in den kleinen Partien Ihresgleichen sucht. Kein entspannender, aber ein unglaublich spannender Abend!

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