Auf einen Kaffee mit … Erol Sander

(Auf einen Kaffee mit ... Erol Sander, Foto: Peter Weissbock)

crescendo: In einer Ihrer beiden Heimaten, der Türkei, gibt es einen Brauch: Ist der Kaffee ausgetrunken, wird die Tasse auf die Untertasse gestülpt und man wartet, bis der Kaffeesatz vom Tassenboden auf die Untertasse verläuft. Aus dem Sud, der in der Tasse verbleibt, lässt sich nun die Zukunft lesen.
Erol Sander: Meine Heimat ist zwar Deutschland. Aber den Brauch kenne ich natürlich. Meine Eltern stammen ja aus der Türkei, und ich bin dort geboren worden. Wir haben die Tasse umgedreht und Oma hat dann alles gelesen.

Gut. Nehmen wir mal nicht die Tassenhälfte beim Henkel, denn da geht es um Ihre Gefühlswelt und von der wird ja reichlich in der Klatschpresse berichtet.
ES: O ja. Das stimmt allerdings …

Sprechen wir über die andere Hälfte, da geht es um Beruf und Geld. Was wäre passiert, wenn Sie weiter Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert hätten?
ES: Ich wusste nicht so recht, was ich anfangen sollte, deshalb habe ich mich da eingeschrieben. Und das Wirtschaftsstudium wollte ich zunächst beenden, aber mit der Schauspielerei ging das nicht zusammen. Eigentlich wollte ich immer Schauspieler werden. Auf dem Internat am Chiemsee, auf dem ich war, gab es eine Theatergruppe, in der ich unbedingt mitspielen wollte. Leider durfte ich nicht, weil ich mit den Sprachen Probleme hatte.

Richard Burton, der charismatische und großartige Schauspieler, sagte einmal, Schauspielerei sei „kein Beruf für einen gestandenen Mann“.
ES: Ich will natürlich nicht meine Branche in Misskredit bringen, aber ja, wir spielen eben immer. Und trotzdem muss man ein gestandener Mann sein, weil man ja den auch spielen muss. Man muss etwas Männliches an sich haben, entsprechende Charaktereigenschaften und natürlich die Technik, die sehr wichtig ist. Ich kann Burton nicht ganz zustimmen. Andererseits geht er auf etwas ein, was wichtig ist: die Unsicherheit. Ein guter Schauspieler stellt sich immer wieder infrage. Man kann sich immer verbessern.

Immer wieder werden Sie auf Ihr Äußeres und gutes Aussehen reduziert. Nervt das nicht?
ES: Nun, ich war ja über zehn Jahre Model, und ich kenne natürlich solche Dinge. Ich sehe mich anders als andere Menschen. Es kommt auf die Ausstrahlung an.

Der Regisseur Ingmar Bergman war der Ansicht, manche Schauspieler müssten sich erst ein Gesicht „antrinken“, damit sie ein „Typ“, ein Charakter, werden.
ES: Möglich. Ich kenne auch Schauspieler, die schlafen acht Tage nicht und trinken acht Tage lang und sind trotzdem auf dem Punkt.

Ihr Repertoire an Charakteren reicht von Prinz Pharnakes in Oliver Stones „Alexander“ über den Kommissar in „Mordkommission Istanbul“ bis hin zu Winnetou sowie Hebbels König Etzel und dem Bassa Selim in Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Wie unterschiedlich sind die Arbeitsweisen?
ES: Die Oper gibt es ja seit vielen Jahrhunderten. Wenn jemand Sänger ist, dann kennt er das ganze Repertoire in- und auswendig, kann jeden Ton treffen. Und das erschwert es dem Schauspieler, in der Oper mitzuwirken, denn man muss genauso präzise sein, extrem präzise. Auch in der Intonierung. Da gibt es keinen Mikroport wie im Fernsehen, der die Stimme unterstützen würde. Es geht zwar auch um Schauspielerei und Ausstrahlung. Doch noch wichtiger ist die Stimme, die Sprache. Im Film kann man auch mal in die Umgangssprache verfallen oder die Szenen nachdrehen. In der Oper aber nicht. Da muss jedes Wort, jeder Ton sitzen, koordiniert mit den anderen Sängern und dem Orchester. Als Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg war alles in dieser Hinsicht etwas lockerer. Da saß ich auf einem Pferd und habe nicht unbedingt die normale deutsche Sprache gesprochen. Allerdings brauchte ich eine extrem gute Fitness. Denn die Vorstellung war zweimal täglich, sechsmal in der Woche, vor ungefähr 8.000 Zuschauern live.

Wie haben Sie sich auf die Sprechrolle des Bassa Selim vorbereitet?
ES: Mit dem Bassa Selim trat ich erstmals an der Pariser Opéra Garnier an. Und in diesem Jahr auch an der Semperoper in Dresden. Ich versuche zu verstehen, in welchem Kontext Mozart dies geschrieben hat. Schwierig war für mich auch, mich auf die Rolle zu konzentrieren, wenn die Dame neben einem die schönste Arie der Welt singt und man Gänsehaut bekommt. Die Gänsehaut musste ich erst einmal ablegen, um von ihrem Gesang weg in die Sprachform überzugehen, in der meine Partie als Bassa Selim geschrieben ist. Gar nicht so einfach.

Bassa Selim ist so etwas wie eine unreligiöse Instanz. Er appelliert an die Humanität der Menschen, an die Toleranz. Sein Gegenspieler Osmin, der den Islam vertritt, aber verachtet den Bassa, weil er ihn für zu schwach hält. Gibt es für Sie so etwas wie den idealen Fürsten?
ES: Das wünschen wir uns. Ein wirklich guter Fürst wäre einer, der alle Werte, alle Religionen, alle Traditionen respektiert. Es gibt aber leider immer wieder Menschen, die aus der Reihe tanzen. Das war schon immer so und wird auch immer so sein. Ein zusätzliches Problem: Selbst wenn wir den idealen Fürsten gefunden hätten … dieser Fürst hätte auch Familie, die sich einmischen könnte oder würde. Und zudem wäre das Problem mit einem Fürsten nicht gelöst. Es braucht den immer wiederkehrenden demokratischen Prozess, der ja auch eine ständige Auseinandersetzung beinhaltet. Demokratie ist zwar manchmal sehr zäh und kommt irgendwie nicht weiter, aber sie ist wichtig. Und das beste politische System.

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