Es lebe die Opulenz! Neue Bildgewalt in der Oper

(c) Wilfried Hösl

Ein wabernder, pulsierender Venus-Fleischberg wölbt sich über die halbe Bühnenbreite. Seine gedunsenen Wülste sondern großflächig Sekrete ab. Es ist ein Bild, das anekelt und den Überdruss des Helden an dieser Umgebung plausibel macht. Es ist aber auch ein Bild, das in seiner Überfülle und Plakativität fasziniert und eine eigentümliche, verführerische Ästhetik entwickelt. Anhand der aktuellen „Tannhäuser“-Inszenierung von Romeo Castellucci an der Bayerischen Staatsoper hat sich unsere Autorin Gedanken zur neuen Bildersprache in der Oper und zur Zukunft des Regietheaters gemacht.

Übersatt hat man sich in den vergangenen Jahren an der kargen, kahlen Optik des personenzentrierten Regietheaters gesehen. Und schon wieder öffnete man die Saaltür – der Vorhang war längst abgeschafft – zu einer farb- und freudlosen, weitgehend unmöblierten, grimmigen, geometrischen Schwarz-Weiß-Welt. Es regierte der graue Anzug – oder die Nacktheit. Die einzige Unmäßigkeit lag in zuweilen großflächig über weiße Wände verteilten Mengen Theaterbluts oder unmotiviert verschmierten Bühnenexkrementen. Kein Platz für Buntheit. Kein Platz für echte Bildgewalt. Der Zuschauer sollte ganz auf die Aktion geworfen sein. Auf die bedeutungsschwere Interaktion der Darsteller. Mit Erschrecken bemerkte man im ablenkungsfreien Raum  die Absurdität eines 300 Kilo schweren Lohengrins oder einer bewegungsunwilligen  Primadonna. Plötzlich sollten sie schön und jung sein, die Sängerinnen und Sänger. Und spielen sollten sie können wie ihre Kollegen vom Sprechtheater. Ob das hohe F  bäuchlings und überhängend überhaupt noch zu singen sei, war ein immerwährender Kampf zwischen musikalischer und szenischer Leitung.

Es war keine schlechte Zeit. Aus Rampen wurden Bühnenräume – leere zwar, aber tapfer und bedeutungsvoll durchschrittene. Zuweilen wurde es eintönig, saß man doch oft gut und gerne 30 Meter vom Geschehen entfernt und konnte die filigrane Regiearbeit in der linken Hand der Protagonistin nur eingeschränkt goutieren.

Am Sonntag hatte an der Bayerischen Staatsoper der neue „Tannhäuser“ in der Regie von Romeo Castellucci Premiere. Seine Bildmächtigkeit steht für einen aktuellen Trend. Castellucci kommt von der Bildenden Kunst, und viele seiner Szenen erinnern an Gemälde: Die nacktbrüstige, langhaarige Amazonen-Armada im Venusberg, die mit ihren pechschwarzen Jagdbögen erst das Bild eines gewaltigen Auges, dann eines Ohres mit ihren Pfeilen beschießt. Die Pilgerschar, die einen gigantischen Goldklumpen nach Rom trägt, um mit individuellen kleinen Goldklumpen zurückzukehren. Die Wartburg, die selbst zum Organismus wird, indem sich ihre riesigen, wehenden Gaze-Schleier permanent bewegen, neu sortieren, Räume schaffen. Oder die visuelle Überlagerung dreier Zeitebenen im dritten Aufzug: Die noch „lebenden“ Sänger im Vordergrund, ihre zunehmend verwesenden Leichen aufgebahrt in der Mitte und völlig ad absurdum getriebe Zeitangaben („Hier vergehen hundert Millionen Milliarden Milliarden Milliarden Jahre“ etc.) im Hintergrund. Zwar darf das Theaterblut auch bei Castellucci nicht fehlen, doch kreiert es aus einem Rohr auf eine kolossale Drehscheibe gespritzt im symmetrischen Zerfließen eine formvollendete Blutsonne. Dass da zwischendurch ein echtes Pferd über die Bühne trappelt, fällt kaum mehr auf.

Das Auge ist zurück. Die Bildmacht ist zurück und vielleicht so stark wie nie. Das hat sich an der Bayerischen Staatsoper noch vor der Intendanz Bachler mit den poppigen Barock-Comicwelten unter David Aldens Regie angekündigt, später mit Produktionen wie Hermann Nitschs vom Bild her gedachter Inszenierung von Messiaens „Saint François d’Assise“ fortgesetzt und natürlich im Neo-Zirkus – inklusive 3D-Brillen und einem schlittschuhfahrenden Opernchor – etwa in „Turandot“ der fabelhaften Theatergruppe La Fura dels Baus. Doch im Gegensatz zu Castellucci gelingt letzteren ein ungehemmter Fluss zwischen den Bildern. Das Bild wird Prozess.

Dagegen versagt Castellucci. Zwischen Gemälde und Gemälde schafft er keinen Übergang. Statt Entwicklung herrscht Stagnation. So schießen etwa die Amazonen rund 15 Minuten lang in fast identischer Weise auf ihr Ziel. Der Venus-Fleischklumpen wabert monoton. Der Chor ist eine entindividualisierte Masse. Um Personenführung hat sich der Italiener nicht geschert. Die Sänger könnten ebensogut von der Seitenbühne singen. Da wirkt eine – stimmlich wie immer zuverlässig wunderbare – Anja Harteros im Herumstehen fast gealtert oder hemmt die mangelnde Agilität einen zwar stimmstarken, aber für einen Tannhäuser zu wenig differenzierten und zu Beginn etwas näselnden Klaus Florian Vogt. Nur bei Christian Gerhaher passt die Statik beinahe zu dessen faszinierender musikalischer Neuschöpfung der Rolle des Wolfram von Eschenbach. Mit großer Intelligenz, radikal vom Text her gedacht und der Klarheit und Lyrik eines Liedsängers erschafft er einen gerade dadurch starken, berührenden Wolfram, der kaum einer Aktion bedarf.

crescendo-Kolumnist Axel Brüggemann hat in seinem Artikel „Radikal umdenken!“ den Irrwitz eines zwanghaften Regietheaters entlarvt, in dem nahezu pathologisch jedem Alten eine neue Aussage übergestülpt wird… ob die Vorlage und deren neues Gewand wollen oder nicht! Brüggemann sieht einen Ausweg in einem rigorosen Hinwenden zu zeitgenössischen Opernkompositionen. Das ist eine Lösung, ja! Tatsächlich zeichnet sich in den bildorientierten Regiearbeiten aber bereits eine Abkehr von der hysterischen Neukonzept-Vergewaltigung alter Stoffe ab. Die nächste Wagner-Oper muss nicht im konkreten und dadurch zuweilen trivialen Trump-Tower oder in einer Casting-Show spielen. Über kluge, opulente Bebilderung kann eine andere, packende Art der Abstraktion geschaffen werden. Zurück zu einer neuen Sinnlichkeit! Nur sollte dabei nicht vergessen werden, Bild und Bild auch klug und dramaturgisch packend zu verführerischer Eskalation zu verbinden – denn das konnte Regietheater ja eigentlich immer schon ganz gut!

Maria Goeth

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