„Fidelio“ im mentalen Gefängnis-Labyrinth

Der Skandal-Regisseur Calixto Bieito gab sein Debut an den Münchner Staatsoper / Jonas Kaufmann in seiner dritten Münchner Partie als Florestan

Von Barbara Angerer-Winterstetter

Unter anderem seit seinem Stuttgarter „Parsifal“ ist er für drastische Bilder bekannt: Der katalanische Regisseur Calixto Bieto, der am Dienstag abend in München sein Staatsopern-Debüt mit Beethovens „Fidelio“ gab. Für die Gefängnis- und Befreiungs-Oper mit dem Sieg der treuen Gattenliebe und der Gerechtigkeit – eine typisch Beethovensche Schluss-Apotheose (siehe auch 5. wie 9. Symphonie) – hat Bühnenbilderin Rebecca Ringst ein raumfüllendes Labyrinth aus allerlei Metall und Neonröhren gebaut, das faszinierend ausgeleuchtet wird (Licht: Reinhard Traub). Nicht unbedingt ein Gefängnis, sondern eher ein mentales Labyrinth, in dem jede der handelnden Personen gefangen ist.

Gleich zu Beginn zitiert Leonore einen Text von Jorge Luis Borges – er heißt passenderweise „Labyrinth“ und spiegelt wie die anderen in die Oper eingefügten Sprechtexte eindrucksvoll Verwirrung und Verloren sein im Leben wieder. Verloren in ihren Gefühlen sind auch die handelnden Personen: Leonore, die durch die Macht der Liebe ihren Gatten Florestan befreien will und immer wieder von Zweifeln geschüttelt wird, Marzelline und Jaquino , die in ihrer Liebe nicht zusammenkommen, Rocco, den vor allem das Geld interessiert – und der bei Bieito in den vielen Jahren seiner Gefängnistätigkeit schon längst die Grenzen der Menschlichkeit überschritten hat und weit entfernt vom Väterchen-Image so manch anderer Aufführung ist. Wie die anderen Menschen, die schon zur Ouvertüre (hier statt der Fidelio-Ouvertüre die beeindruckend aufpeitschende „Leonore III“) gleich Insekten in schwindelerregende Höhen des Labyrinths klettern und dabei an Wände und Stäbe wie an elektrische Zäune prallen, ist auch der politische Gefangene Florestan ein Gefangener seiner selbst, zeigt deutliche Spuren von Hospitalismus und kämmt sich ständig manisch das Haar.

Im ersten Teil vor der Pause wirkt die Personenführung, die Bieitos eigentliche Stärke ist, durch die vielen Kletteraktionen etwas eingeschränkt; greifbare Profile entwickeln sich dafür im zweiten Teil umso intensiver. Das mächtige Labyrinth klappt langsam zu einem tiefen Dauerton schräg nach hinten weg, aus grün ausgeleuchteten Höhen schweben Menschen seltsam unwirklich an Seilen herab. Es ist, als ob die Zeit stehen bliebe oder ins Wasser versunken sei: Das Gefühl des seit Jahren gefangenen Florestan wird hier beklemmend wie noch nie umgesetzt. Ein ebenso magischer Moment ist nach der „namenlosen Freunde“ des geretteten Paares Florestan-Leonore zu erleben. Hier gibt es keine ekstatische Umarmung, sondern ein vorsichtiges, unsicheres Herantasten an den anderen, eine seltsame Fremdheit zwischen den Liebenden. Ein Moment, der nach jahrelanger Trennung nachvollziehbar ist wie kein anderer. An diesem Punkt lässt Bieito das Stück stillstehen und senkt in Käfigen von oben ein Streichquartett (Sonderlob fürs Odeon-Quartett!) herunter, das Beethovens „heiligen Dankgesang“ aus dem Streichquartett 132 a-moll spielt. Ein Gänsehaut-Effekt, den man nicht vergessen wird.

Zur Schluss-Apotheose kommt der Minister Don Fernando dann in zweideutiger Joker-Maske und richtet irritierend die Pistole auf Florestan. Eine Scheinerschießung, die tatsächlich die letzten Fesseln löst und das Paar aus seiner Erstarrung löst? Oder gilt der Schuss doch dem Bösewicht Pizarro? Etwas beklemmend Unheimliches haftet diesem Schlussbild an – auch wenn die Freude am Ende entfesselt wird und den Sieg der Liebe feiert.

Überraschend viel Jubel und nur wenige Buhs gab es fürs Regie-Team, überraschend viele für Dirigent Daniele Gatti, der in Bayreuth wie in Salzburg und jetzt auch in München die Geister scheidet. Auffallend wie stets seine höchst unterschiedlichen Tempi – von extrem gedehnt bis überdreht schnell. Seine kontrastreiche Interpretation fügt sich jedoch nahtlos ins Bühnengeschehen ein. Die Sängerriege an diesem Abend wurde eindeutig dominiert durch Jonas Kaufmann, der nach Lohengrin und Cavaradossi nun seine dritte Partie an der Münchner Staatsoper singt: Die Höhen in der gefürchteten Florestan-Arie kommen einwandfrei, wenngleich sein sehr baritonal gefärbter, manchmal etwas eng klingender Tenor in punkto Timbre Geschmackssache ist. Seine Spezialität – die Nuancen im Piano auszuloten und sein warmes Mezzavoce – sind allerdings weiterhin betörend.

Was man von Anja Kampes Leonore leider nicht behaupten kann: Zwar bringt sie extrem viel lyrische Fähigkeiten mit und eine sichere Mittellage, die Höhen aber klingen im Laufen des Abends immer gequälter. Höchst positiv fallen Wolfgang Koch als stimmgewaltiger Pizarro und Franz-Josef Selig als Rocco auf – und auch über die Besetzung der undankbaren Partien Marzelline (Laura Tatulescu), Jaquino (Jussi Myllys) und Don Fernando (Steven Humes) kann man nicht klagen. Klanglich höchst differenziert präsentiert sich der Chor der Bayerischen Staatsoper unter Sören Eckhoff.

Alles in allem: Ein bewegendes Oper-Ereignis, das beileibe kein „Schocker“ geworden ist, sondern ein Stück Regietheater, das berührt und nachwirkt.

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Kommentare

  1. Franco
    2. Januar 2011 at 15:07

    Kaufmann war alles andere als großartig. Er ist auch kein Lohengrin im Sinne Wagners. Das ist Florian Vogt. Unerreicht, Sandor Konya. Und das italienische Fach sollte Kaufmann ganz lassen. Keine italianità, nicht die nötige Eleganz, kein Singen con attacca. Er klingt halt deutsch. Sähe er nicht gut aus, niemand würde sich dearart unkritisch mit ihm befassen wie die unerschütterliche Gemeinde. Die klatschen sogar wenn er hustet.

  2. Baerbl Wagner
    10. Januar 2011 at 13:13

    Ich war sechsmal im Fidelio;dreimal konnte ich Jonas Kaufmann auf der Bühne erleben-zweimal R.D.Smith -der Einspringer am 26.12.war eine einzige Katastrophe.Stimmlich hat mir R.D.Smith sehr gut gefallen, aber seine darstellerischen Fähigkeiten waren doch sehr dürftig.Die ganze Inszenierung lebt von dem intensiven Spiel von Jonas Kaufmann. Von seiner stimmlichen Faszination ganz zu schweigen! ( Das Husten gehört hier zur Rolle dazu!)

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