Flötenkönigin, Leichenreiter und zeitlose Referenz

(CD: PATCHWORK - Magalhães, Bizjak; Label: Evidence)

Von der Zähmung der Eleganten aus der Holzblasfamilie: Mozart, der der Flöte ihre wichtigsten Konzerte schenkte, sprach von einem „Instrument, das ich nicht leiden kann“. In der Tat gibt es kein Instrument, das von so vielen gespielt wird und dabei so wenige große Musiker hervorgebracht hat.

Nun fiel mir zufällig ein Album in die Hände, das all diese Erfahrungen schlagartig obsolet macht: Für Evidence haben die brasilianische Flötistin Raquele Magalhães und die serbische Pianistin Sanja Bizjak das Duo-Album „Patchwork“ aufgenommen, dessen Qualität alles überstrahlt, was ich seit Jahrzehnten an Flötenmusik gehört habe. Das vortrefflich zum Durchhören geeignete Programm vereinigt George Enescus Cantabile et Presto und die Sonaten von Erwin Schulhoff, Sergei Prokofjew und des polnisch-stämmigen US-Amerikaners Robert Muczynski (1929–2010). Raquele Magalhães besticht mit einer so kraftvollen wie geschmeidigen und unerschöpflich vielseitig nuancierten Tongebung, mit lebendig erfülltem Forte und ätherisch feinstem Pianissimo, mit kristallklarer Artikulation und biegsam gegenwärtigem Ausdruck in jedem Augenblick. Blitzsauber und rhythmisch makellos ist ihr Spiel ohnehin. Mit Sanja Bizjak hat sie eine Partnerin von pianistisch höchstem – und äußerst verfeinertem Karat, die sie nie überdeckt, die nie das Klavier schlägt und deren Bewusstsein für die melodische und harmonische Gestaltung, für die kontrapunktische Struktur in kultiviertester Weise geschärft ist. Die beiden zusammen bilden eine fantastisch eingespielte Einheit, welche mit Klarheit und Tiefgang ebenso wie mit Spontaneität und sanglicher Emphase fesselt. Jeder einzelne Satz ist in seinem spezifischen Charakter verwirklicht, und neben der sinfonischen Dimension der großen Prokofjew-Sonate ist es vor allem die so kapriziöse wie zusammenhängend dichte Musik von Muczynski mit ihren herrlich empfundenen Dissonanzen, die besonders fasziniert.

Juha Kangas, der große Streichorchestermentor, legt mit dem von ihm 1972 gegründeten Ostrobothnian Chamber Orchestra eine weitere CD mit Musik seines 2008 verstorbenen Freundes Pehr Henrik Nordgren, des eigentümlichsten finnischen Komponisten seit Sibelius, vor. Diesmal sind es zwei späte Klavierkonzerte – das zweite Konzert mit Streichern und Schlagzeug von 2001 und das Konzert für die linke Hand von 2004 –, die von Henri Sigfridsson vortrefflich gespielt werden, und der Edith Södergran-Gesangszyklus op. 123, den Monica Groop innig darbietet. Das Orchester versteht diese Musik in einer authentischen Weise, die fernab aller Routinen der Welt liegt. Nordgrens Tonsprache vereinigt abgründige Tragik und Verzweiflungüber das Leiden in der Welt mit verwegen hintergründigem Humor zu einer magischen Klangwelt, die Cluster als lebensdurchpulste Wesenheiten erstehen lässt, verrätselte Absurditäten organisch integriert und in der so kargen wie leidenschaftlichen Melodik an Mussorgski anzuknüpfen scheint. Im Linke-Hand-Konzert, basierend auf einer japanischen Geistergeschichte von Lafcadio Hearn, entführt uns der „Leichenreiter“ in die unendlichen Weiten des Unterbewusstseins.

Am 6. November 2012 starb der große ungarische Pianist und Dirigent Zoltán Kocsis, der die letzten 20 Jahre die Geschicke der Ungarischen Nationalphilharmonie in Budapest lenkte. Bei Celestial Harmonies ist das letzte Vermächtnis dieser legendären Zusammenarbeit erschienen, aufgenommen im Sommer vergangenen Jahres. Neben Franz Liszts fahl schillernden Trois Odes funèbres (ohne Gesang) erklingt das 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms, gespielt von Sándor Falvai. Alle Beteiligten agieren auf singulärem Niveau, die kontrapunktische Faktur des Kopfsatzes habe ich nie so klar und sinnfällig gehört, das Spektrum vom machtvollen Pesante bis zur Zartheit der lyrischen Themen ist in höchster Könnerschaft und erlesener Kultur, mit Liebe zu jedem Detail verwirklicht und vermittelt unwiderstehlich den großen Zusammenhang. Eine zeitlose Referenz.

Raquele Magalhães
&
Sanja Bizjak:

„Patchwork“

(Evidence)

 

Pehr Henrik Nordgren:
„Storm – Fear“

(Alba)

 

Kocsis & Falvai:
„Brahms & Liszt“

(Celestial Harmonies)
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