François-Xavier Roth: Kultur ist Sprache ohne Worte

(Francois-Xavier Roth; Foto: Agentur)

Mit dem Kölner Gürzenich Orchester und dem Ensemble Les Siècles leitet François-Xavier Roth zwei ganz unterschiedliche Klangkörper. crescendo verrät er, wie sehr sich das gegenseitig befruchten kann – und was es für Konsequenzen hat, dass die Tuba zu Ravels Zeiten dreimal kleiner war als heute.

crescendo: Für Ihre aktuelle CD-Einspielung mit dem Ensemble Les Siècles haben Sie Ravels Ballett Daphnis & Chloé ausgewählt. Warum?
François-Xavier Roth: Das Werk ist einerseits Teil eines großen Projektes von Les Siècles zu den berühmten Ballets Russes unter Djagilew. Begonnen hatten wir mit den drei Balletten von Strawinsky: Sein L’Oiseau de feu (Der Feuervogel) war unser erstes Projekt. Zum anderen arbeiten wir an einem weiteren Projekt zu den Werken von Ravel. Les Siècles ist ein Orchester, in dem die Musiker originale Instrumente benutzen, und wir wollen damit die Farben von mehr als 100 Jahren noch mal suchen und finden, dadurch den Klang wiederholen.

Was heißt es konkret, den Klang zu wiederholen? Daphnis & Chloé wurde 1912 uraufgeführt, da denkt man nicht sofort an historische Instrumente.

F.-X.R.: Man denkt, es ist 1912, es ist schon moderne Musik – oder fast. Aber gibt es einen Grund, mit diesen Instrumenten zu spielen? Vielen Leuten ist nicht klar, dass Instrumentenentwicklung im 20. Jahrhundert etwas so Schnelles war. Vor dem Zweiten Weltkrieg spielten in allen Orchestern zum Beispiel die Streicher mit Darmsaiten, da war kein Metall, kein Stahl. Das entsprach dem damaligen Geschmack, das war logisch, nach Beethoven, Brahms und Mahler. Und es gab auch besondere und unterschiedliche Schulen für Blasinstrumente in jeder Region Europas. Dabei war Frankreich für eine ganz besondere Klangfarbe der Holz- und Blechbläser sehr berühmt. Man konnte in dieser Zeit sehr einfach verschiedene Orchester mit einer ganz eigenen Klangkultur finden. Nach dem Krieg veränderte sich das – und zwar nicht nur in der Musik, sondern auch in anderen Bereichen: Wir wollten einen internationalen Standard erreichen. In Orchestern werden mehr und mehr die gleichen Instrumente gespielt. Das kann man auch sehr gut an den Instrumentenbauern sehen: Wie viele Firmen gibt es aktuell in der Welt, die beispielsweise Flöten herstellen? Insgesamt vielleicht weltweit nur zehn. Zur Zeit von Ravel konnte man mehr als 30 unterschiedliche Instrumentenbauer für ein Instrument nur in Paris finden. Ein anderes sehr starkes Beispiel: die Tuba. Heute ist eine Tuba ein sehr großes Instrument, aber die Version, die Ravel kannte ist ungefähr dreimal kleiner … Mamma mia! Diese damaligen Klangfarben mit diesen besonderen Instrumenten, den Streichern mit Darmsaiten und Schlaginstrumenten, die viel kleiner waren als heute. Das macht einen total anderen Klang.

Wenn die Instrumente viel kleiner sind und auf Darmsaiten gespielt wird, klingt das Orchester viel leiser. Das sind unsere Ohren nicht mehr gewohnt. Wie hat das Publikum diesen veränderten Klang angenommen?
F.-X.R.: Als wir Strawinskys Le sacre du printemps auf Originalinstrumenten im Konzert gespielt hatten, war das erst einmal ein Schock für das Publikum. Aber bei Daphnis & Chloé haben alle Leute gesagt, dass sie noch nie etwas so Rundes und Weiches mit unglaublichen neuen Farben gehört hätten.

Welchen Unterschied macht es, mit Les Siècles oder mit dem Gürzenich Orchester zu musizieren?
F.-X.R.: Les Siècles ist ein Orchester, das von mir gegründet wurde. Es ist ein Projektorchester. Das ist ganz anders als mit dem Gürzenich Orchester, mit dem man nach festem Spielplan Oper und Konzert spielen muss. Das Gürzenich arbeitet zunächst sehr intensiv in Köln, und erst danach denken wir an die Tour. Mit Les Siècles sind wir immer auf Tour. Wir haben eine Residenz in der Philharmonie Paris und in verschiedenen anderen Sälen. Mit einem Projektorchester kann man viel experimentieren. Aber am Ende ist es doch gleich: Wir machen Musik zusammen. Letztlich ist es ein gegenseitiges Geben und Nehmen: Ich nehme viel von Les Siècles, ich nehme viel vom Gürzenich und von allen anderen Orchestern, mit denen ich arbeite. Und das ist das Gute an einem Dirigenten: Wir sind wie ein Schwamm und nehmen alles in uns auf – die besten Aspekte von jedem Orchester und bringen die zu anderen Orchestern.

Derzeit denken Sie aber auch an eine Tour mit dem Gürzenich – das Orchester reist nach Asien?
F.-X.R.: So ist es. Das Gürzenich Orchester hat einen engen Kontakt nach Asien, sie haben dort schon regelmäßig gespielt. Ich bin sehr, sehr zufrieden, dass wir dort musizieren können, weil es ein ganz anderes Publikum und eine ganz andere Kultur ist. Und ich freue mich, weil es unsere erste gemeinsame interkontinentale Tour ist. Ich denke, dass das Tourneeprinzip nicht nur aus einem musikalischen Aspekt etwas so Wichtiges ist, sondern auch aus einem menschlichen: der Kontakt zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen, verschiedene Meinungen. Mit Kultur kann man vieles erklären, ohne Worte. Durch Musik kann man also viel
verstehen.

Auch das musikpädagogische Programm „ohrenauf!“ des Gürzenich, das kürzlich in der Kategorie Produktion mit dem elften Junge Ohren Preis für Musikvermittlung ausgezeichnet wurde, darf mit auf Tour. Welchen Stellenwert hat Musikvermittlung für Sie?
F.-X.R.: Was das betrifft, sind wir sehr dynamisch. Für mich ist die Arbeit mit und das Programm für Kinder etwas enorm Wichtiges. Wir machen das sehr gerne und mit vollem Herzblut. Es ist ein Teil von unserem „Gesicht“, weswegen wir das Programm unbedingt mit auf Tour nehmen.

TERMINE
14.04.2017: Köln, Philharmonie;
04., 05.05.2017: Köln, Philharmonie;
07.–09.05.2017: Köln, Philharmonie

Ensemble Les Siècles; Foto: Agentur

Ensemble Les Siècles; Foto: Agentur

Maurice Ravel:
„Daphnis & Chloé“
Les Siècles

(Harmonia Mundi)
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