Frau Bariton

Lucia Lucas ©Johannes Kaplan, Maske: Dorothee Sonntag-Molz

Lucia Lucas lebte als Mann. Seit 2014 lebt sie als Frau – nicht jedoch auf der Bühne. Eine tägliche Transformation.

Lucia Lucas ist Baritonistin. Moment mal. Frauen sind doch in der Regel So­pran, Mezzosopran oder Alt, Männer Tenor, Bariton oder Bass? Dass dieses System an seine Grenzen kommt, zeigt sich schon, wenn man versucht, Countertenöre darin unterzubringen. Lucia Lucas ist trans und das beste Beispiel dafür, dass wir anhand einer Singstimme nicht auf das Geschlecht einer Person schließen können. Vor wie nach ihrer Geschlechtsangleichung steht sie auf der Opernbühne – früher als Bariton, seit 2014 als Baritonistin. Dass sich der Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung mit ihrer Bühnenkarriere vereinbaren lassen könnte, hielt sie nie für möglich: „Ich hatte immer im Hinterkopf, zuerst Karriere zu machen und danach meine Geschlechtsangleichung zu machen.“ Die Amerikanerin kam vor sieben Jahren nach Deutschland, sang zuerst an der Deutschen Oper Berlin, dann am Badischen Staatstheater Karlsruhe. „Bis zu meinem Coming-out war ich unsichtbar. In der Presse bekam ich ordentliche Kritiken – ‚solide gesungen‘ und so weiter. Danach änderte sich das.“

Doch eigentlich hatten die Operationen und auch die Hormonbehandlung so gut wie nichts an ihrem Gesang oder ihrem Repertoire geändert. Weiterhin verkörpert sie die Machos und Bösewichte, die das Baritonfach bereithält. Doch ihr Verhältnis zu den Rollen hat sich gewandelt: „Da ich nun keinen Mann mehr im realen Leben spielen muss, fällt es mir leichter, diese Rollen auf der Bühne zu verkörpern. Rollen wie Fritz Kothner aus den Meistersingern, Monterone in Rigoletto oder Biterolf in Tannhäuser waren für mich wie ein Fenster, durch das ich in die Zukunft blicken konnte, wie es wäre, wenn ich mich nicht für die Geschlechtsangleichung entschieden hätte. Für jede Vorstellung verwandelte ich mich in der Maske, ich bekam graues Haar und wurde auf alt geschminkt. Es war, als ob ich 50 oder 60 Jahre alt wäre. Der Gedanke damals, noch 20 bis 30 Jahre ohne die Geschlechtsangleichung weiterzuleben, machte mich wütend. Wenn ich diese Rollen jetzt spiele, ist das nicht mehr so, weil sich mein privates Aussehen jetzt so sehr von dem auf der Bühne unterscheidet.“ Im Herbst 2014 brachte sie mehrere Operationen hinter sich, die ihrem Gesicht weiblichere Züge verliehen. Vor allem für die Kollegen, die mit ihr auf der Bühne interagieren, ist es einfacher, wenn sie zum Beispiel einen Kunstbart trägt. Der Unterschied zwischen ihrem Bühnenkörper und ihrem privaten Körper ist also entscheidend. Für die Bühne ruft sie die männlichen Verhaltensweisen, Gesten und Haltungen wieder ab, die sie als Kind erlernt hatte, um sich gesellschaftlich anzupassen.

Derzeit sind Fotografien von Lucia Lucas im Rahmen der Ausstellung „Wohin, wohin?“ im Badischen Landesmuseum Karlsruhe zu sehen. Der Fotograf Johannes Kaplan fing in mehreren Fotoserien schlaglichtartig verschiedene Aspekte ihres Lebens ein und gibt damit zum Teil sehr private Einblicke in das (Seelen-)Leben der Sängerin: „Mein Anliegen ist es, ehrliche, authentische Eindrücke ohne unnötige Effekte zu vermitteln. Ich will nicht irgendein Klischee bedienen.“ Fotos im Abendkleid hängen neben Aufnahmen, die in ihrer Garderobe im Theater entstanden sind oder sie zusammen mit ihrer Ehefrau Ariana Lucas, ebenfalls Opernsängerin, in ihrer Wohnung zeigen. Gleichzeitig erklingt eine Aufnahme von Lucia Lucas’ Fliegendem Holländer – einer Rolle, mit der sie sich besonders verbunden fühlt. Die Fotos, die allesamt nach ihrer Geschlechtsangleichung entstanden sind, beleuchten auf metaphorische und teils abstrakte Weise, was sie in den letzten Jahren durchlebt hat. Zeitweise war Johannes Kaplan selbst verblüfft, wie sich die Ausstrahlung der Sängerin vor der Kamera veränderte: „Der Kunstbart wurde ihr in der Maske des Staatstheaters zwei Stunden lang mühevoll angeklebt. Tatsächlich hat er auch eine starke Verwandlung ihrer Persönlichkeit bewirkt. Als ich sie anschließend in Männerkleidung fotografiert habe, kam das aggressiv Männliche sehr stark zum Vorschein.“

Die Tristesse, die in manchen Bildern mitschwingt, ist nicht zufällig. Lucia Lucas selbst fällt es schwer auszudrücken, was sie mit den Fotos verbindet. Es sind Erinnerungen vor allem an die Zeit in Karlsruhe, die sie immer noch aufwühlen. Denn „das Härteste in Karlsruhe war nicht meine Geschlechtsangleichung, sondern damit umzugehen, wie andere mich wahrnehmen. Ich habe meine Geschlechtsangleichung für mich selbst gemacht – für niemand anderen –, aber ich kann mich nicht von meinen Mitmenschen abschotten.“ In den ersten Monaten nach ihrem Coming-out nahm sie sich viel Zeit, mit Kollegen über ihre Geschichte zu sprechen. Das rege Interesse und die Neugierde – eine Phase, die sie heute als „honeymoon period“ bezeichnet – flauten zum Teil ab. Manche zeigten weiterhin viel Verständnis, manche keines. Schiefe Blicke, abfällige Kommentare und vor allem menschliche Enttäuschung prägten diese Zeit, in der ihre Frau ihr ein Fels in der Brandung war.
Seit Herbst 2016 ist sie freischaffend tätig und zurzeit auf der Wuppertaler Opernbühne zu sehen. Ein Neuanfang für sie, auch künstlerisch: Derzeit steht sie als Celio in Die Liebe zu den drei Orangen auf der Bühne – im Abendkleid. Mehr und mehr stößt die Transfrau szenische Neuinterpretationen an, die das Geschlecht in der Oper neu denken. Doch letztlich ist ihr eines viel wichtiger: „Natürlich gibt es Menschen, die mir wegen meiner Geschichte Aufmerksamkeit schenken, aber ganz unabhängig von meiner Situation bin ich einfach Sängerin. Ich mache Karriere, obwohl ich trans bin, aber nicht weil ich trans bin.“

Jasmin Goll

Die Ausstellung von Johannes Kaplan mit Fotografien von Lucia Lucas  läuft noch bis Dezember 2017 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe.

Lucia Lucas ©Johannes Kaplan

Lucia Lucas ©Johannes Kaplan

Lucia Lucas ©Johannes Kaplan

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