Frei von Gott, Humor und Erotik: Salzburgs neuer „Jedermann“

Tobias Moretti (Jedermann) und Mavie Hörbiger (Werke) © Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Ist Michael Sturmingers säkularisierte Neudeutung des traditionellen Salzburger „Jedermann“ wirklich der Aufreger der Festspielsaison 2017 oder einfach nur langweilig?  

Der Wettergott grollte schon bei den ersten beiden zwei Aufführungen: Lange Regenduschen ließen den neuen Salzburger „Jedermann“ ins Festspielhaus wandern, wo denn die Domfassade im nach oben begrenzten Breitwand-Format  mitsamt neuen neonfarbigen Torbögen nachgebaut ist. Weil Regisseur Michael Sturminger, der im April die Neuinszenierung übernommen hatte und einen säkularisierten „Jedermann“ auf die Bühne bringt, weder den echten noch den nachempfundenen Dom zum Einsturz bringen kann, hat er einen Vorhang ersonnen, der das allzu prächtige Gotteshaus immer wieder verhüllt, die Kulisse zum Kammerspiel macht. Und er hat kräftig im Originaltext Hugo von Hofmannsthals gerührt, gekürzt und geändert – vor allem wenn’s denn zu katholisch wird. Sogar den Dom will er umbauen, der neue Jedermann. Und daraus einen Liebestempel machen.

Ein „Jedermann“ ohne Glauben, Gott und Sakrament, der abschließend dem Tod den Todeskuss selbst auf den Mund drückt: Das könnte durchaus eine Alternative zu alten Sehgewohnheiten sein in einer Zeit, in der Religionen den Weltfrieden gefährden. Wäre es spannungsgeladen durchinszeniert. Es könnte auch ein Skandal sein, wäre das Ganze provokativ auf die Spitze getrieben und amüsant auf die Bühne gestellt. Allerdings hapert es überall: Größtenteils fehlen die Interaktionen zwischen den Figuren. Jedermanns Mutter läuft stets von rechts nach links über die Bühne, ist mit Edith Clever traumhaft besetzt, aber sehr äußerlich, elegant-gefasst inszeniert. Die Buhlschaft der ob ihrer expressiven Ausdruckskraft so hochgepriesenen Stefanie Reinsperger wirkt statt wie eine starke, selbstbewusste Frau wie das nettes Mädchen von nebenan, das sich leider in den falschen Klamottenladen verirrt und zum Sahnebaiser-Kleid aus rosa Tüll gegriffen hat (Bühne und Kostüme: Renate Martin und Andreas Donhauser). Sie weiß nicht so recht, was sie mit Jedermann anfangen soll und der umgedreht auch nicht. Erotik ist verbannt aus dieser Welt, die eine heutige sein soll. Aber auch Humor: Die Szenen des Teufels (Hanno Koffler) und des Mammon (Christoph Franken) – sonst sichere Lacher – plätschern ereignislos an den Zuschauern vorbei. Bloß nicht erinnern, lautet das Motto. Nicht erinnern an die letztjährige, prall-spielfreudige Inszenierung mit ihren Anklängen an Puppen- und Straßentheater des seit 2013 erfolgreichen Regie-Duos Julian Crouch und Brain Mertes. Eigentlich sollte sie ja noch drei Jahre laufen, doch erzwang die Umbesetzung wichtiger Hauptrollen eine Weiterentwicklung der Inszenierung und damit aufgrund einiger Missverständnisse eine Absetzung.

Doch: Ist der neue „Jedermann“ ein echter Aufreger, wie viele schon jetzt meinen? Oder doch einfach nur ein fader Abend, bei dem man letztlich froh ist, dass er auf gut 1 Stunde 40 gekürzt wurde? Immerhin hat dieser neue „Jedermann“ Tobias Moretti. Und das ist schon mal was. Er will anders sein als alle anderen vor ihm. Ein gelangweilter Neureicher mit cooler Sonnenbrille, ein verzogenes Kind, das von einer Party in die andere taumelt und sich wundert, dass keine/r mit ihm gehen will, wenn’s denn ernst wird. Stark wird Moretti erst, als es ans Sterben geht. Die schauerlichen Jedermann-Rufe mitsamt Domgeläut in der Tafelszene bleiben diesmal aus: Nur Jedermann selbst hört sie. Er hält sich die Ohren zu, taumelt, wimmert, schreit. Und doch ist er kein Rasender, sondern ein zutiefst Verunsicherter, der im Angesicht des Todes leise wird, nachdenklich, grübelnd. Weltklasse ist, wie Moretti das spielt, ergänzt auf Augenhöhe von der zarten und doch so bezwingenden und fordernden Mavie Hörbiger als Inkarnation seiner „Guten Werke“. Es ist die einzige echte und tiefe Szene, die einzige, die bewegt – fast eine Liebesszene. Muss dieser Jedermann erst lernen, sich selbst zu lieben, bevor er ins Grab geht?

Tatsache ist: Vieles, zu vieles geht in dieser Neudeutung nicht auf. Vielleicht war es einfach das falsche Stück fürs Team Sturminger/Moretti. Bleibt abzuwarten, was die Salzburger mit ihrem Lieblings-Traditionsstück in der gerade erst eröffneten Festspielzeit und in den nächsten Jahren werden anfangen können. Das fröhlich bunt gewandete, prachtvolle Dirndl und schicke Tracht  ausführende Publikum blieb jedenfalls nicht aufgerüttelt oder gar aufgebracht, sondern nur ratlos und ermüdet zurück. Irgendwie schade.

Von Barbara Angerer-Winterstetter

 

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