Der große Unbekannte: Frieder Bernius

(Frieder Bernius; Foto: Jens Meisert)

Mit dem Stuttgarter Kammerchor gründete Frieder Bernius vor 50 Jahren eines der besten Ensembles der Welt, das mit Preisen regelrecht überschüttet wurde und wird. Von Bernius selbst liest man hingegen selten. Wir trafen den Meister hinter dem Kollektiv zu seinem 70. Geburtstag.

crescendo: Man nennt Sie den Felix Magath der Chorszene …
Frieder Bernius: Das kommt daher, weil ich mich in einem Interview einmal als Fußballfan bezeichnet habe. Und als begeistert von Menschen, die ein System haben. Der Fußballtrainer Felix Magath hat eines und steht dazu, auch wenn es mal nicht so sympathisch daherkommt. Felix Magath wurde daher auch als „Quälix“ bezeichnet. Ich selbst kann auch unerbittlich sein, wenn es um Qualität geht. Manchen geht es aber zu weit, wenn sie sich mit einem System auseinandersetzen sollen. Ich stehe dazu.

Erklären Sie mir Ihr „System“!
F.B.: Ich bereite zu Beginn der Zusammenarbeit die Sänger so vor, als würden sie eine Solopartie singen. Sie sollen dabei aber auch die Partien kennenlernen, die die anderen singen. Für den Zusammenklang spielt dabei die exakte Klangfarbe der Vokale eine wichtige Rolle. Wichtig ist für mich auch, es mit keiner anonymen Masse zu tun zu haben, auf die ich keinen individuellen Einfluss habe.

Über Jahrhunderte sang man im Chor zu Gottes Lob, dann kamen die bürgerlichen Revolutionen mit ihren Liedertafeln und Sängerbünden. Warum singt man heute im Chor?
F.B.: Sänger erwarten von ihrer Ausbildung in erster Linie eine solistische Karriere und ein Engagement im Theater. Doch gibt es tatsächlich auch Sänger, die gerne im Ensemble singen, dort vielleicht aufgewachsen sind und erlebt haben, dass es auch schön sein kann, gemeinsam Musik zu machen.

Der soziale Aspekt spielt also eine große Rolle?
F.B.: Sicher. Aber nicht im Sinn von bloßer Geselligkeit, sondern auch, um gemeinsam etwas Herausragendes zu leisten. Als künstlerischer Leiter muss ich bei neuen Bewerbern herausfinden, welches Stimmfach, wie viel Musikalität und stilistische Erfahrung vorhanden sind. Natürlich auch, ob jemand wirklich interessiert ist, länger mitzuarbeiten oder nur sporadisch Geld verdienen beziehungsweise fremde Kontinente kennenlernen möchte. Der Kammerchor Stuttgart ist ein Projektchor, was den Vorteil hat, die Sänger nach stilistischen Kriterien aussuchen und quantitativ entsprechend einsetzen zu können. Ein Projektchor kann aber nur Tagessätze zahlen, ohne soziale Absicherung. Wir arbeiten alle freiberuflich, mich eingeschlossen. Gott sei Dank gibt es die Künstlersozialkasse. Das ist nicht einfach, das gebe ich zu.

Schon deshalb dürften zu Ihnen nur die wirklich Motivierten kommen.
F.B.: Ja. In der Arbeit mit einem Rundfunkchor etwa muss der Leiter mehr oder weniger alle Sänger einsetzen, weil sie alle fest angestellt sind. Ich kann aber entscheiden, je nach Werk, wie viele und welche Sänger ich brauche. Ich kann zum Beispiel die Matthäus-Passion mit 13 Sängern pro Chor aufführen, wie es Bach in seinem berühmten „Entwurf“ an den Leipziger Stadtrat übermittelte.

Sie werden 70, wirken sehr vital …
F.B.: … mein jüngster Sohn ist gerade zehn Wochen alt! Ich hoffe, noch weiterhin künstlerisch tätig zu sein. Mein Vater ist 92 geworden …

Der altehrwürdige Konfuzius sagte: „Mit 15 Jahren strebte ich nach Wissen …“
F.B.: Da wusste ich, dass ich Musiker werden will. Ich habe Geige, Klavier und Orgel gespielt und beim Messias, den meine Mutter, eine Kirchenmusikerin, aufführte, mitgespielt; auch mit 17 einen eigenen Jugendchor aufgebaut. Mit 20 gründete ich den Kammerchor. 1974 eine erste Rundfunkaufnahme, 1975 die erste Schallplattenaufnahme. Und im Fono Forum stand: … hier hat die Zukunft schon begonnen …“ 1982 gewannen wir den ersten Deutschen Chorwettbewerb. Ich wollte es wissen.

„Mit 30 Jahren war ich in mir gefestigt“, sagt Konfuzius weiter.
F.B.: Na ja … Ich habe in dem Alter zwar eine Professur bekommen. Mir allerdings von einer Hochschule vorschreiben zu lassen, mit wem ich arbeiten soll, war damals nichts für mich. Aber es gab noch einen weiteren Punkt: Wie schafft man es als Musiker, das, was man mit dem Kopf dank musikalischer Begabung versteht und hören kann, auf den Körper zu übertragen und als Dirigent dem Ensemble zu vermitteln? Im Unterschied zu einem Orchester, das man am längeren Zügel führen kann, muss man Sänger „mitziehen“. So dachte ich jedenfalls 20 Jahre lang und bin immer wieder daran verzweifelt. Es war ein „Zu-viel-Wollen“ und ein nicht „Loslassen-Können“, eine regelrechte Verbissenheit, die dann auch zu einer Krise geführt hat. Eine Heilpraktikerin empfahl mir asiatische Techniken. So bin ich zu Qigong gekommen, das mir sehr geholfen hat und noch hilft.

„Mit 40 gab es keinen Zweifel mehr.“
F.B.: So gesehen ja, denn da wusste ich, dass die Alte Musik in Stuttgart einen neuen Impuls brauchte. Ich gründete ein Alte Musik-Festival in Stuttgart – heute das Festival Stuttgart-Barock – und nur wenige Jahre später das Barockorchester Stuttgart, um die Musik des 18. Jahrhunderts historisch informiert interpretieren zu können. Aber persönliche Entwicklung darf nicht aufhören. „Es ist des Lernens kein Ende“, sagt Robert Schumann.

„Mit 50 kannte ich des Himmels Willen.“
F.B.: Ja, wenn man Krise als Entscheidungshilfe versteht. In derselben Zeit sind auch persönliche Beziehungen zerbrochen.

Last but not least: „Mit 70 könnt ich unbedenklich folgen des Herzens Wünschen, ohne je das rechte Maß zu übertreten.“
F.B.: Das rechte Maß kann ich selbst nicht beurteilen. Aber ich konnte mir einige Herzenswünsche erfüllen. Bisher haben wir nur über die Schubladen gesprochen, in die ich meistens gesteckt werde. Aber für mein gesamtes Repertoire bräuchte ich mindestens fünf Schubladen. Es reicht von Monteverdi, Schütz, Zelenka und Bach über Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn und Brahms bis zu Schönberg und Ligeti. Der Nachteil eines Projektchors wie des Kammerchors Stuttgart ist, dass die zur Verfügung stehende Zeit für Neue Musik oft nicht reicht. Für meine Jubiläen war mir aber ein besonderes Anliegen, das Requiem von Ligeti zu veröffentlichen, das wir vor zehn Jahren mitgeschnitten haben. Ein anderer Schwerpunkt ist die Wiederentdeckung von Komponisten aus dem Südwesten: Opern und Sinfonien von Jommeli, Danzi oder Kalliwoda. Doch es gibt immer wieder finanzielle Hürden und Probleme für freie Institutionen wie die des Musikpodiums Stuttgart, das meine Aktivitäten bündelt. In den 80er-Jahren hat Lothar Späth, der noch zu der Spezies Politiker gehörte, die die Künste begeistert gefördert haben, in Baden-Württemberg einiges auf den Weg gebracht. Dieser Einsatz hat mir vieles ermöglicht. In den letzten 20 Jahren waren die Zuschüsse aber gedeckelt. Erst jetzt wird es allmählich wieder etwas besser.

TERMINE
14.6.2017: Braunschweig;
15.6.2017: Dortmund;
16.6.2017: Fürth;
7.7.2017: Eltville;
8.7.2017: Passau

Aktuelle CD:

Felix Mendelssohn Bartholdy:
„Lieder im Freien zu singen“
Kammerchor Stuttgart,
Frieder Bernius

(Carus)
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