Fußball-Operette

Foto: Jan-Pieter Fuhr

Skandal, Korruption und Emotion – Fußball ist idealer Stoff für die Theaterbühne. In Augsburg feiert Paul Abrahams Operette Roxy und ihr Wunderteam Premiere.

Wahre Operettenkomponisten lieben Skandale in Politik und bei den oberen Zehntausend, liefern sie doch die Basis für ihr Geschäftsmodell: die Parodie. Und wo findet sich besserer Stoff als bei den Extravaganten, bei den Mächtigen, die alles haben? Die geraten, weil am meisten beobachtet, besonders oft in absurde und groteske Situationen. Fündig könnte man derzeit auch in der Welt des Fußballs und der FIFA werden: Schmiergeldzahlungen und Steueroasen wie die Cayman-Inseln, für Fußballprofis, die gefräßiger sind als die dortigen Krokodilkaimane.

Die wahre Operette um die Machenschaften des Herrn Blatter steht zwar noch aus, dafür aber hat Anfang Dezember am Theater Augsburg eine Fußballoperette von 1936 Premiere: Roxy und ihr Wunderteam von Paul Abraham (1892–1960). Für den Sohn eines jüdisch-ungarischen Kaufmanns, dessen verwegenes Leben selbst Stoff für eine Operette hergeben würde, begann der Aufstieg im Berlin der 1930er-Jahre. Er war zur rechten Zeit am rechten Ort, ein Hit jagte den nächsten, weil er wie kein anderer den Nerv der Zeit in seinen Jazz- und Revue-Operetten traf, stets grell und frech. Und da man damals den Fußball genauso liebte wie heute, musste auch ein musikalischer Fußballschwank her.

Abrahams ungarische Urfassung von Roxy wurde unter dem Titel 3:1 für die Liebe Ende 1936 in Budapest uraufgeführt und so begeistert gefeiert, dass 1937 gleich eine Filmadaption am Plattensee nachgeschoben wurde, die unter dem Titel Die entführte Braut lief. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits alle Operetten jüdischer Autoren oder Komponisten von den Spielplänen in Nazi-Deutschland verschwunden. Kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland gelang es 1937 am Theater an der Wien, eine deutschsprachige Version von Roxy durchzubringen. Über Paris, Casablanca und Havanna floh Abraham schließlich in die USA, wo sein Leben eine tragische Wendung nahm. Seine Syphiliserkrankung veränderte sein Bewusstsein. Dazu kamen finanzielle Schwierigkeiten: Im „Mutterland des Jazz“ wünschte man sich europäische Walzerseligkeit und Romantik, und die konnte Abraham nicht liefern. Nachdem man ihn in der Nähe des Broadway aufgegriffen hatte, wo er mitten auf der Straße ein imaginäres Orchester dirigierte, wurde er 1946 in ein Krankenhaus eingeliefert, in dem er zehn Jahre blieb. Er starb 1960 in Hamburg in geistiger Verwirrung.

Die komplette Partitur zu Roxy bleibt verschollen. Aus dem unvollständigen Orchestermaterial der ungarischen Urfassung und dem Klavierauszug aus dem Film Die entführte Braut erstellten Henning Hagedorn und Matthias Grimminger eine „bühnenpraktische Rekonstruktion“, auf die auch Regisseur Martin G. Berger für die Augsburger Aufführung zurückgreift. Im Libretto lässt Abraham die Ungarn gegen die Schotten spielen, in Augsburg probt derzeit der FC Augsburg, eine Mannschaft von Tänzern und Musicaldarstellern. „Die Kostümabteilung sucht noch Fanartikel in den deutschen Nationalfarben. Wir brauchen noch Schals, Perücken, Mützen, Caps, Hawaiiketten“, lacht Intendant André Bücker, selbst ein bekennender Fußballfan.

Ein echter Fußballer ist auch dabei: Jimmy Hartwig. Als Kind wurde der Sohn eines GI als „Neger“ beschimpft, dann verdiente er Millionen als Trainer und Nationalspieler, verlor sie wieder und erkrankte mehrfach an Krebs, den er überwand. Heute tritt er als Schauspieler auf, spielt Shakespeare, Brecht und Büchner, liest Heine und wird nun in Augsburg in der Rolle des Franz Szatmary, genannt „Der Baron“, singen und tanzen. Zudem „coacht er das ganze Ensemble. Er kann einfach alles“, schwärmt der Intendant.

Zur Aufführung 1937 in Wien kam seinerzeit die gesamte österreichische Fußball-Nationalmannschaft. Obwohl sie nicht auf der Bühne stattfand. Ob der FC Bayern zur Premiere kommen wird?

Roxy und ihr Wunderteam
Premiere 9.12.2017, weitere Vorstellungen bis 7.6.2018
Infos: Tel. +49-(0)821-324 49 00
www.theater-augsburg.de

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