Gautier Capuçon: Der Prinz Eisenherz des Cellos

Aus einem mittelalterlichen Ort in den französischen Alpen stammend, eroberte sich Gautier Capuçon die Begeisterung von Millionen von Zuhörern: unfehlbar, geradlinig, weltoffen und mit spektakulärer Expressivität.

Unterm Eiffelturm haben sie eine Bühne aufgebaut, mit Sternchenhimmel und Mood-Beleuchtung. Das Orchester rollt einen Klangteppich aus, dann setzt der Cellist ein: strahlendes Lächeln, weiße Smokingjacke. Schon während er die ersten Töne von Massenets Méditation de Thaïs aufglühen lässt, schwenken die Menschen draußen auf dem Marsfeld ihre Handytaschenlampen, und als das Stück verlischt, bricht die Menge in Jubel aus wie bei einem Rockkonzert.
Wenn sich ein klassischer Musiker für so ein populäres Format hergibt, kann er sich darauf gefasst machen, von den Vertretern einer elitären Kunstauffassung an den Pranger gestellt zu werden. Die Attribute sind schnell bei der Hand: oberflächlich, anbiedernd, unseriös. An Gautier Capuçon perlt so etwas ab. Auch abseits des Open-Air-Konzerts ist er sich nicht zu schade, das breite Publikum anzusprechen. Als Juror der französischen Fernsehshow „Prodiges“ („Wunderkinder“) erreicht er Millionen, da begleitet er schon mal eine kleine Ballerina mit dem berühmten Schwan von Saint-Saëns.
Mögen die Puritaner auf ihn eindreschen, Capuçon ist als Interpret über den Verdacht einseitiger Seichtigkeit erhaben. Mit seinen 36 Jahren hat er alle Stationen absolviert, die es für eine Weltkarriere braucht. Er konzertiert mit Martha Argerich, dem Quatuor Ebène und den Wiener Philharmonikern. Seine Diskografie zeugt von seiner Liebe zur Kammermusik, es finden sich aber auch die Cellokonzerte von Haydn, Schostakowitsch und Lutosławski darin. Kurz, Capuçon kann es sich leisten, ein Album nur mit Lieblingsstücken herauszubringen. „Intuition“ erscheint im Februar und präsentiert gleichsam auf dem Silbertablett, dramaturgisch lose gefügt, lauter cellistische Pralinen: Salut d’amour von Elgar ist dabei und die Vocalise von Rachmaninow, der Schwan und Thaïs, aber auch Musik von Scott Joplin und Piazzolla.

"Wenn ich sechs Stunden geübt hatte, hat meine ­Mutter angedeutet, dass es auch noch mehr ­hätten sein können"

„Die Auswahl ist ganz und gar persönlich“, sagt Capuçon an einem Wintermorgen beim Interview in der Hamburger Speicherstadt, er kommt gerade aus Paris. „Ich habe schon jahrelang davon geträumt, eine Platte mit Charakterstücken zu machen und damit eine Geschichte zu erzählen – oder eigentlich mehrere Geschichten. Aus meiner Kindheit, meinen frühen Pariser Jahren mit meinem Lehrer Philippe Muller oder meiner Studentenzeit in Wien.“ Der zierliche Mann versinkt fast hinter dem riesigen Holztisch, doch wendet er sich seinem Gegenüber auf diese geschmeidige Weise zu, die in Deutschland das Etikett französischer Höflichkeit trägt. Alle paar Sekunden kämmt er sein kinnlanges schwarzes Haar mit den Fingern zurück zum Eisenherz-Haarhelm.
Capuçons Biografie wirkt, als folge sie einem geheimen Bauplan. Der Mann mit dem Ritternamen und der Ritterfrisur stammt aus Chambéry in den Alpen, das im Mittelalter Sitz der Herzöge von Savoyen war. Geprägt haben ihn die Bergwelt und ein offenkundig glückliches Familienleben voller Musik. Als Gautier mit vier Jahren zum Cello griff, waren die zehn Jahre ältere Schwester Aude am Klavier und der fünf Jahre ältere Bruder Renaud an der Geige schon fortgeschritten. Ein stärkerer Antrieb für den Jüngsten lässt sich kaum denken. Aude gab das Klavierspielen später auf, die beiden Brüder jedoch entwickelten sich kometenhaft. „Meine Eltern haben uns nie gezwungen“, erzählt Capuçon, „aber wenn ich sechs Stunden geübt hatte, hat meine Mutter durchaus angedeutet, dass es auch noch mehr hätten sein können.“
Hübsch, die Geschichte vom Brüder-Duo. Und dem Fortkommen dienlich. Ihr Paradestück ist das Doppelkonzert von Brahms, den Anschluss an den Älteren hat Gautier früh geschafft. An seine Lehrer erinnert er sich: „Sie haben sich enorm für mich eingesetzt. Statt mich nach ihrem Bild zu formen, haben sie mir geholfen, ich selbst zu werden.“ Mit 14 Jahren wechselt er nach Paris zu Philippe Muller, mit 16 zieht er ganz in die Hauptstadt. „Das Studentenleben habe ich aber erst in Wien kennengelernt“, erzählt er. „Ich ging mit Freunden feiern und hörte Musik von Scott Joplin.“ Sein Lehrer dort war Heinrich Schiff, wie Philippe Muller ein Schüler des legendären André Navarra, der mit seinem singenden Ton und einer spieltechnischen Beherrschung bis ins kleinste Detail Generationen von Cellisten geprägt hat.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass Capuçon sich beim Spielen ähnlich kreatürlich gibt wie einst der ungezähmte Heinrich Schiff. Seine Miene ist in einem Zustand der Dauerexpressivität. Er schnauft und stülpt die Lippen vor, er schickt dem Dirigenten flehentliche oder auch zornige Blicke, je nach Affekt. Andererseits überlässt er in der Musik selbst nichts dem Moment. Phrasierungen und Übergänge sind schlüssig, aber es ist zu hören, dass er jedes Detail bewusst setzt. Seine Palette reicht vom verhangenen Après un rêve von Fauré über das Flirren des Popper’schen Elfentanzes bis zu einem fast bruitistischen Zugriff bei Piazzollas Grand tango. Der Bogen kontrolliert die Saiten seines Goffriller-Cellos, ohne sie je freizulassen.
Genauso unfehlbar ist seine Außendarstellung. Kein Skandal, nirgends. Stattdessen schwärmt er von seinen beiden Töchtern. Als ihn eine Fernsehjournalistin einmal fragte, wen er, wenn er es bestimmen könnte, auf einem Geldschein verewigen ließe, erwiderte er: „meine Frau“. Sogar dass er vor Jahren mit einem Burn-out zu kämpfen hatte, erzählt er leichthin – liegt so eine Krise länger zurück, ist sie nicht mehr karrieregefährdend, sondern interessant. Er habe sie allein durchgestanden, sagt Capuçon. Es habe sie niemand außer ihm selbst bemerkt. Er mache jetzt wieder Sport, achte auf seinen Schlaf und meditiere regelmäßig: „In der Rückschau ist es genial. Ich bin an meine Grenzen gekommen, aber diese Erfahrung hat es mir auf lange Sicht ermöglicht, noch weiterzugehen.“
Ein Resultat dieser Transformation ist das Album „Intuition“. So nahtlos fügen sich die Dinge im Leben des Gautier Capuçon.

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