Gidon Kremer: Demokratischer König

(Gidon Kremer, Kremerata Baltica; Foto: Kristijonas Kucinskas/DG)

Der Geiger wird 70, seine Kremerata Baltica 20 Jahre alt. Gemeinsam haben sie nicht nur die Musik neu erhorcht, sondern auch die Welt ein bisschen besser gemacht.

Als Gidon Kremer 1979 die Kremerata Baltica gründete, um begabte Musiker aus den drei jungen baltischen Staaten zusammenzuführen, war das ein Projekt für einen Sommer. Inzwischen dauert dieser Sommer zwei Jahrzehnte, und das Orchester steht für verlässlich warme, lichte Klangkultur und sensible Interpretationen oftmals unbekannter Werke. Den Stamm von rund 18 Musikern nennt Kremer „meine musikalischen Kinder“ – ihr Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren. Inzwischen sind viele neue Mitglieder hinzugekommen, andere sind weitergezogen, und Kremer stellt fest: „Auch wenn 20 Jahre vergangen sind: Der Geist der Kremerata ist bis heute der gleiche.“ Er weist weit über die Qualität der einzelnen Mitglieder hinaus, hat viel mit Hingabe zu tun, mit einer bestimmten Sicht auf die Musik. „Es geht nicht nur darum, Musik auf höchstem Niveau zu machen“, sagt Kremer. „Es geht mir vor allem um Offenheit, darum, aufgeschlossen zu sein – gegenüber Menschen, neuen Ideen und außergewöhnlichen Projekten.“ Das Ergebnis sei eine „wunderbare Mischung aus Erfahrung und Unschuld“, welche die Kremerata Baltica auszeichne. Kremer selbst nimmt als Leiter die Rolle eines „guten Königs“ ein, wie er sagt, agiert als Lenker und musikalischer Vater, hält die Fäden zusammen und sorgt für Disziplin. Dieses Jahr feiert der König ebenfalls Geburtstag – seinen 70.

In gewisser Weise folgt Kremer als Künstler-König dem Vorbild einer der prägendsten Figuren auf seinem eigenen künstlerischen Weg, seinem Lehrer David Oistrach, bei dem er ab 1965 in Moskau studierte. „Oistrach war unglaublich tolerant und generös“, erinnert sich Kremer, und er habe ihm dabei geholfen, seinen ganz eigenen Stil zu finden.

Der Name Gidon Kremer ist immer auch mit dem Streben nach Freiheit verbunden – in der Musik ebenso wie als politischer Mensch. „Ich wollte nie das Übliche, ich wollte mich nie einreihen“, sagt Kremer, dann räuspert er sich und fügt hinzu: „Ich weiß nur zu gut, was Druck von oben bedeutet.“ Als Sohn und Enkel zweier Geiger stand er von Beginn an unter großem Leistungszwang. „Mein Beruf war bereits vor meiner Geburt entschieden“, sagt der Geiger. Er wertet das nicht. Er stellt es fest. Aber dann lacht er rau auf. Irgendwann habe er die Entscheidung seiner Eltern auch für sich selbst getroffen: „Wenn ich schon gezwungenermaßen Geige spielen muss, will ich das bewusst zu meiner Berufung machen.“ Und das ist ihm auch gelungen. 1969 gewann er den Paganini-Wettbewerb, 1970 den Tschaikowsky-Wettbewerb, und schnell galt der lettische Virtuose mit der fesselnden Präsenz auf der Bühne und dem farbenreichen und innigen Spiel als führender Interpret seiner Generation. Gidon Kremer hatte sich freigespielt.

Politisch musste er sich erst noch befreien. 1980 blieb er länger im Westen, als es ihm sein sowjetisches Visum erlaubte. Kremer entschied sich, nicht mehr in die UdSSR zurückzukehren. Auch das war der entschlossene Schritt eines Individualisten, der die kritische Selbstreflexion jedem zornigen Dogmatismus vorzieht und nie allein Musiker ist. Gidon Kremer ist in allem, was er tut, immer auch Humanist.

Es gibt verschiedene Leitsätze, die Gidon Kremer im Laufe seines reichen Künstlerlebens für sich entdeckt hat. „Jeder Mensch muss respektiert werden für das, was er ist“, lautet einer. Oder: „Vertrau keinem, der weiß, wie es geht.“ Dabei ist Kremer eigensinnig im besten Sinne geblieben, ein steter Zweifler und unerschrockener Entdecker, den gerade jene Dinge reizen, die jenseits des glatten Mainstreams liegen.

Zurzeit feilt er an einem Projekt mit dem Titel „Bilder aus Osten“. Es setzt sich auf ganz eigene Art mit der Flüchtlingskrise auseinander: Kleine animierte Steinskulpturen des syrischen Künstlers Nazir Ali Badr sind auf einer Leinwand zu sehen, während im Hintergrund Melodien aus dem Tierkreis von Stockhausen gespielt werden. Im Wechsel zu den Filmsequenzen erklingen außerdem sechs Klavierduo-Stücke von Robert Schumann, die Kremer für Kammermusikensemble arrangiert hat. So entsteht ein zärtliches, eigenwilliges und berührendes Gesamtkunstwerk – ein musikalisches Spiegelbild des Menschen Gidon Kremer.

„Musik vermittelt Emotionen, doch sie tut weit mehr als das. Sie trägt den menschlichen Geist in sich“, sagt der Geiger, dem kaum etwas suspekter ist als Musik um des Vergnügens willen, der Showgebaren ohne Substanz bekämpft. Es erschüttert Kremers Musikverständnis bis ins Mark, wenn ein Name mehr als der Inhalt und die Qualität eines Musikers gilt. Reine Perfektion berührt ihn nicht, er sucht nach Persönlichkeiten, die seinen Anspruch an eine Musik jenseits der „nur schönen Töne“ teilen, Musiker wie Daniil Trifonov oder Dmitry Masleev.

Im Laufe seiner Karriere hat Kremer mit unzähligen renommierten Musikerkollegen zusammengearbeitet und sich mit unterschiedlichsten Werken und Komponisten auseinandergesetzt. Fern der Dogmen und starrer Scheuklappen hat er sich leiten lassen von seinem Streben nach Offenheit, Persönlichkeit und Ehrlichkeit. Heute kann er auf zahlreiche außergewöhnliche Musikerlebnisse zurückblicken, wobei er überfordert abwinkt, wenn er gebeten wird, die besonders prägenden zu nennen.

„Das ist unmöglich“, sagt er und hebt die Hände. „Da gab es so vieles: die Zusammenarbeit mit Bernstein und Harnoncourt, die Auftritte mit Martha Argerich, die Beschäftigung mit dem Alban Berg-Violinkonzert, den Bach-Sonaten, mit Astor Piazzolla.“ Im Laufe seines Lebens hat Kremer auch seine Klangzone ausgeweitet, stets auf der Suche nach unbekanntem Repertoire und unbekannten Komponisten wie Mieczysław Weinberg, der auch durch Kremers Interpretationen bekannt geworden ist.

Gleich einem Schatzsucher spürt Kremer nach Werken, deren Geist ihn berührt. Habe er ein solches gefunden, könne er stur sein und durch Wände gehen, wenn es sein muss. Oft entstehen dann kunstvolle Projekte, die sich dem Schubladendenken und den Regeln der breiten Vermarktbarkeit entziehen, und nicht selten hat er diese selbst finanziert, um sie realisieren zu können.

Erlebt man den Künstler auf der Bühne, zeugt sein Spiel von der kompromisslosen Hingabe eines Besessenen. Jeden Ton, jede Spannung und jede harmonische Wendung scheint er im Moment seines Spiels neu zu entdecken. Als leidenschaftlicher Interpret stellt Kremer seine ganze Kraft in den Dienst der Musik, meidet jede überflüssige Geste, scheint im Moment versunken und ist doch blitzwach. Oft steht er dann im langen weißen Hemd auf dem Podium, hält die Augen geschlossen und geht leicht in die Knie, bevor er mit ruhiger Bewegung den Bogen auf die Saiten setzt. Es ist eine innige, süß schmelzende Stimme, die er seinem Instrument schließlich entlockt: ein existenziell berührender Ton, der unter Kremers Händen fordern kann und aufbegehren, zärtlich liebkosen, fröhlich tänzeln und tief traurig weinen.

Nun gäbe es allen Grund zum Feiern. Doch blumige Ehrungen liegen dem zurückhaltenden Skeptiker ebenso wenig, wie er sich mit einer wehmütigen Gesamtschau aufhalten möchte. „Was ist noch zu tun?“ Das sei die Frage, die ihn angesichts der zwei Jubiläen am ehesten umtreibe, und noch mehr als früher habe er den starken Wunsch, etwas zu vermitteln, sich mitzuteilen in Tönen und in Worten und die Menschen mit seiner Musik zu erreichen.

Im Frühjahr erscheint eine CD mit Trios von Sergej Rachmaninow, außerdem wird es eine Einspielung der Kammersymphonien von Weinberg geben. „Das Feuer ist da in mir“, sagt Gidon Kremer. „Man sollte nie aufhören, sich zu wundern und andere zu überraschen“ – auch das ist einer der Schlüsselsätze von Gidon Kremer, und für ihn sei das der beste Weg, um im Jetzt zu sein und ganz aufzugehen in dem jeweiligen Tun. „Ganz bei sich zu sein – das ist es, worum es letztlich geht“, sagt Kremer. Dann verabschiedet er sich, eilt hinaus zur Tür. Es gibt noch viel zu tun.

GIDON KREMER AUF TOURNEE
28.2.2017: Krün, Schloss Elmau
2.3.2017: Berlin, Philharmonie
4.3.2017: Regensburg, Universität
5.3.2017: Baden-Baden, Festspielhaus
7.3.2017: Neumarkt in der Oberpfalz, Reitstadel
8.3.2017: München, Philharmonie Gasteig
9.3.2017: Bochum, Anneliese Brost Musikforum Ruhr
5.4.2017: Hamburg, Elbphilharmonie
23.4.2017: Potsdam, Nikolaisaal Potsdam
24.4.2017: Bielefeld, Rudolf-Oetker-Halle
11.5.2017: Kronberg, tba
14., 15.5.2017: Stuttgart, Liederhalle

 

„Preghiera“
Rachmaninov Piano Trios,
Kremer, Dirvanauskaité, Trifonov

(Deutsche Grammophon)
Mieczysław Weinberg:
„Chamber Symphonies, Piano Quintet“
Kremerata Baltica
Gidon Kremer

(ecm)
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