Grace Bumbry: Für Schwarze gibt’s kein Mittelmaß

(Grace Bumbry, Foto: Max Jacoby/DG)

Sie hat Musikgeschichte geschrieben – nun wird die großartige Sängerin, die als „schwarze Venus vom Grünen Hügel“ bekannt wurde, 80. Und unser Autor ist hin und weg von ihr.

Grace Bumbry wirkt noch immer jugendlich. Sie lässt sich aufs Sofa fallen und hat gute Laune. Zwei Monate lang hatte sie in Wien nach einer Wohnung gesucht und „wie es sich so trifft, gestern habe ich eine gefunden. Genau was ich will und was ich brauche. Das ist gar nicht so einfach. In meinem Alter bedarf es bei einem Apartment ja gewisser Dinge, an die man vorher ja gar nicht gedacht hat: wie viele Stufen man steigen muss oder wie das Apartment geschnitten ist“.

Trotz aller Einschränkungen macht die 80-Jährige einen resoluten und schlagfertigen Eindruck. Wir befinden uns im Hotel Sacher hinter der Wiener Staatsoper. Jeder Angestellte scheint von Grace Bumbrys Interviewtermin zu wissen. Mit Hochachtung wird man in den Raum geführt. Als Grace Bumbry – rüstig ob eines Gehstocks, der eher zur Zierde als zum Zweck scheint – mit deutlicher Verfrühung kommt, wird mit buckelnder Hochachtung und fast geflüstert-ehrfurchtsvollem „gnädige Frau Kammersängerin“ der „Küss-die-Hand“-Charme Wiens versprüht. Es ist vielleicht die einzige Stadt der Welt, in der „Kammersänger“ noch als einer der höchsten Titel überhaupt gilt. Man kennt Frau Bumbry gut im Sacher. „Wenn ich in Wien gesungen habe, habe ich hier gewohnt. Zum letzten Mal 2013, glaube ich, als ich die Gräfin in Tschaikowskys Pique Dame gesungen habe.“

Hat diese späte Charakterrolle Spaß gemacht? „Also Spaß würde ich das nun nicht nennen“, antwortet sie, „ich musste schließlich die Partie auf Russisch lernen. So spät im Leben und zudem meine erste Opernrolle auf Russisch. Also was da mit diesen Vokalen hinten in der Kehle vonstatten geht … Gott sei Dank ist der letzte Teil der Rolle auf Französisch, das hat mich gerettet.“

Ich schiebe ihr mein Exemplar von Wolfgang Sawallischs Bayreuther Tannhäuser zu – mit der Bitte um ein Autogramm. Grace Bumbry kommt meinem Wunsch gern nach und atmet hörbar auf: „Ach ja, das war der Beginn all der Furore.“

Wenn man es genau nimmt, wurde die Aufnahme von Philips ein Jahr nach dem Bayreuther Skandal aufgenommen, sie stammt aus dem Jahr 1962 (mit Anja Silja als Elisabeth). Aufruhr erregte Grace Bumbry mit ihrem Venus-Debüt in Wieland Wagners Tannhäuser bereits 1961, noch vis-à-vis Victoria de los Ángeles als Elisabeth. Mit dieser Rolle begann ihr Aufstieg zum absoluten Opernstar. Von diesem Tag an wurde immer wieder von der „schwarzen Venus vom Grünen Hügel“ geschrieben. Ein Stereotyp. Ein Markenzeichen. Eine Plattitüde – die bis heute nachwirkt. Auch bei mir.

Nur wenige kennen die Vorgeschichte. Und die beginnt in Köln, und zwar mit Sawallisch. Der fragte Bumbry während eines Vorsingens für Carmen, ob sie nicht auch etwas Höheres singen könne. „Ich dachte mir: Aber für Carmen brauche ich nichts Höheres. ‚Warum fragen Sie?‘ Und er meinte: ‚Och, ich habe da so eine Idee‘. ‚Nun gut, selbstverständlich kann ich auch etwas Höheres singen, wenn Sie mir nur eine Viertelstunde Zeit geben, mich in der höheren Tessitur einzusingen, was ich für Carmen nicht gemacht habe.‘ So geschah es, und ich sang für ihn und konnte schon auf seinem Gesicht sehen, dass er hocherfreut war. Als ich zu Ende gesungen hatte, fragte er mich, ob ich zu einem Vorsingen von Wieland Wagner in Bayreuth fahren wolle. Ich dachte, nicht richtig gehört zu haben. Würde ich wollen? Ja, selbstverständlich würde ich!

Mein Vorsingen dort war auf einen Tag im Januar festgelegt, und ich bin mitten im Winter nach Bayreuth gefahren und hoch zum Festspielhaus mit dieser einzigartigen Atmosphäre. Es war bitterkalt. Als ich nach meinem Vorsingen im Vorzimmer der Büros saß, passierte erst einmal nichts. Es kam und kam und kam niemand, und dann beschloss ich irgendwann zu gehen. Zumal da noch eine andere junge Sängerin vorgesungen hatte, von der ich überzeugt war, dass sie die Rolle angeboten bekommen würde. Und wie ich so meine Sachen zusammenpacke, kommt der Assistent von Wieland Wagner und fragt mich: ‚Wo wollen Sie denn hin?‘ ‚Keiner hat mir etwas gesagt, also mache ich mich bereit zu gehen.‘ Er sagte: ‚Nein, nein, nein … ich glaube, Herr Wagner will mit Ihnen sprechen.‘ Er führte mich zu Wielands Büro und der Rest ist Geschichte.“

War Grace Bumbry sich bewusst, dass ihre Rolle in der Oper, ihr Auftritt in Bayreuth nicht nur eine normale Besetzung und ein normaler Auftritt sein würde? „Als schwarze Sängerin, und erst recht in jenen Tagen, war man sich dessen natürlich bewusst! Und es war nicht klar, warum ich eingeladen wurde: als origineller Aufhänger oder weil man herausragend gut war. Ich gehe lieber davon aus, dass es bei mir Letzteres war. Ich hatte genau den Klang, den sich Wagner vorstellte, zudem war ich schlank und rank, was der Aura von Venus natürlich zugutekam. Ich fand Wieland Wagner immer fair. Zu mir sagte er: ‚Wissen Sie, mein Großvater hat Musik für Stimmfarben geschrieben, nicht für Hautfarben.‘ Und Maestro Sawallisch war geradezu enthusiastisch, was meine Stimme betraf.“

Grace Bumbrys Venus-Geschichte ist nicht allein deshalb interessant, weil sie den meteorischen Aufstieg ihrer Karriere begründete, sondern weil sich an ihr auch herrlich die historische Frage von „Was wäre, wenn …“ stellen lässt. Was also wäre, wenn Grace Bumbry nicht die erste afroamerikanische Sängerin auf dem Grünen Hügel gewesen wäre? Sie spitzt die Ohren, als ich ihr in groben Zügen die Geschichte von Luranah Aldrige erzähle: Aldrige war Tochter eines sich als Prinz ausgebenden schwarzen Shakespeare-Schauspielers aus Manhattan und war 1896 als Sängerin im Ring vorgesehen, der ersten Wiederaufnahme nach Wagners Tod. Damals kam allerdings eine Krankheit dazwischen. Aldrige war mit Eva Wagner befreundet, war Gast auf Wahnfried und korrespondierte mit Cosima. Bumbry hat von diesem obskuren Unterkapitel der Hügel-Geschichte noch nicht gehört. Mit gespielter Zufriedenheit nimmt sie zur Kenntnis, dass Luranah „nur“ für eine der Walküren vorgesehen war. „Na, das ist ja nun nicht ganz die gleiche Kategorie. Aber was für eine interessante Geschichte. Ihr Pech, mein Glück.“

Auch eine bahnbrechende schwarze Venus hat Vorbilder und Vorreiterinnen: „Selbstverständlich. Ich war zwar selber immer Pionier, aber da war natürlich Leontyne Price, eine enorm wichtige Wegbereiterin, und Gloria Davy, die viel in Deutschland sang und auch eine Wegbereiterin war, und Dorothy Maynor. Und natürlich Marian Anderson! Obwohl Marian Anderson nie die Möglichkeit hatte, Oper zu singen, bis auf die eine Ausnahme an der Metropolitan Opera, die aber viel zu spät in ihrer Karriere. Diese Persönlichkeiten waren absolute Ausnahmen. Und das war immer die Situation für uns: Man musste eine Ausnahme sein. Für schwarze Sänger gab es keinen Platz für Mittelmäßigkeit – und es gibt ihn wohl auch heute noch nicht. Man musste wirklich außerordentlich gut sein, wenn man weiterkommen wollte. Und ich hatte außerordentliche Vorbilder. Ich kannte sie, habe zu ihnen aufgeschaut, und ich wusste, um was es ihnen ging.“

Gehörte auch Shirley Verrett zu diesen Vorreiterinnen? „Gott behüte!“ Mein Satz wird abgeschnitten, bevor ich ihn ganz aussprechen kann: „Sie war eine Kollegin; was gibt’s da groß aufzuschauen?!“ Nach einer Schock-Sekunde, in der ich kleinlaut schweige, lachen wir beide laut los. Ich versuche mich zu retten: „Ich meinte nur, weil doch Shirley Verrett älter war.“ „Ja, sieben Jahre.“ (Sechseinhalb.) „Aber erzählen Sie ihr das nur nicht; nun gut, sie ist inzwischen gestorben. Aber sie hat sich immer für gleich alt gehalten. Aber was für eine ganz, ganz große Sängerin, das steht außer Frage.“

Wir kommen auf die Inhalte der neuen Decca Box zu sprechen. Gleich die ersten Einspielungen stechen mir ins Auge: eine Aufnahme von Judas Maccabaeus. „Ach, der Händel. Das war auf Westminster, mit Maurice Abravanel, in Utah. Eine wunderbare Aufnahme. Ich war ungefähr 20, das ist eine ganze Weile her. Damals war ich noch Studentin an der Music Academy (of the West).“ Bumbry schweift ab: „Vor fünf Jahren hatte ich da ein Radiointerview mit Radio France. Als ich ins Studio kam, hörte ich diese Musik spielen und dachte: ‚Hoppla, wer ist denn das? Das ist ja wunderschön.‘ Ich habe die Stimme nicht sofort erkannt, sie klang wunderbar dunkel und wie Samt.

Die Redakteure haben mich groß angeschaut, während ich zuhörte, und dann dämmerte es mir schließlich: ‚Ich glaube, das bin ich, oder?‘ Und sie nickten im Kreise: ‚Oui, oui, das sind Sie, natürlich, Madame.‘ Das muss 1957 oder ’58 gemacht worden sein, als ich eben Judas Maccabaeus und Israel in Egypt aufgenommen hatte. Ich hatte diese Aufnahmen bis zu dem Zeitpunkt des Interviews wahrscheinlich nie gehört. Damals ging es immer aufwärts in meinem Leben, ich hatte kaum Zeit zum Zurückschauen und bin auch nicht der Typ, der dauernd mit den eigenen LPs unter dem Arm herumgereist ist. Aber ich habe dort beim Zuhören auch verstanden, warum es so einen Aufruhr gab, als ich vom Mezzofach ins Sopranfach gewechselt habe, denn es war schon ein sehr sinnlicher, ganz besonderer Klang.“

Und warum hat sie gewechselt? Wegen der Rollen?
„Nein. Das mit den Rollen ergibt sich zwar daraus, aber es war aus rein gesundheitlichen Gründen. Ich bin immer nur meiner Stimme, meinem Instrument gefolgt.“

Ist sie Musikerin oder Sängerin?
„Das ist eine interessante Frage. Ich höre immer meinen Schülern zu, und meistens kann ich schon nach wenigen Minuten erkennen, ob es Musiker sind oder Sänger. Ich höre, ob sie ein Instrument spielen oder nicht, durch die Art, wie sie Phrasierung verstehen und ob sie wissen, wie man so richtig übt und sich in die Musik hineinkniet. Ich selber habe ja mit sieben mit dem Klavierspielen angefangen und erst mit 15 das Singen begonnen. Und ich liebe das Klavier. Und das Cello.

Da ist zum Beispiel dieses wunderbare Lied von Fauré, Après un rêve. Ich habe es selbst gesungen und konnte das, in aller Bescheidenheit, richtig gut machen – mit schönem langen Atem und allem. Bis ich es dann einmal Rostropowitsch als Zugabe spielen hörte, bei einem Konzert von uns im Kennedy Center. Aber nun kann das Cello ja so viel elastischer spielen und Rostropowitsch mit seinem endlosen Bogen: Kurzum, ich konnte das Lied zwölf Jahre lang nicht mehr singen. Es war für mich ruiniert, weil ich Rostropowitsch nicht aus meinem Ohr, meiner Seele bekommen konnte und dadurch immer versuchte, seinem Cello nachzueifern.“

Grace Bumbry versteckt sich hinter ihrem Cappuccino: „Ich glaube, meine Liebe zu den Instrumenten übersteigt vielleicht sogar meine Liebe…
Nein, nein, ich kann nicht sagen ‚übersteigt meine Liebe zur Stimme‘. Nein, nein, nein, nein. Ich liebe sie gleichermaßen, Instrumente wie Stimme.“

The Art of Grace Bumbry

(Deutsche Grammophon)
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