„Großartig habt Ihr das gemacht!“

Richard Strauss‘ selten gespielte Oper „Die schweigsame Frau“ zum Libretto von Stefan Zweig als zweite Münchner Festspielpremiere am Prinzregententheater

Von Barbara Angerer-Winterstetter

„Was ein richtiger Musiker sein will, der muss auch eine Speisekarte komponieren können“ – diesen Ausspruch von Richard Strauss hat Stefan Zweig der Nachwelt erhalten. Aus der einzigen Zusammenarbeit der beiden entstand die komische Oper „Die schweigsame Frau“, ein heute selten gespieltes Alterswerk des 70-jährigen Strauss mit dem wundervoll einfühlsamen Libretto des Schriftstellers Zweig. Eine Speisekarte ist in diesem Werk nicht zu hören, aber Strauss komponiert für diese Geschichte rings um den lärmempfindlichen Sir Morosus mit hörbarer Herzenslust immer wieder Krach und Chaos – sogar inklusive einem explodierenden Pulverfass, dass auf Zweigs Motivation hin als Lärmtrauma die akustische Überempfindlichkeit des alten Griesgrams begründet.

Überhaupt hat Zweig den Tollpatsch aus seiner Vorlage von Ben Jonson um ein Vielfaches liebenswerter gestaltet. Und auch das Liebespaar Henry und Aminta ist anrührend und beileibe nicht ohne Skrupel, wenn es den alten Onkel vom Ehewahn kuriert mithilfe einer Operntruppe und einer vorgespielten Komödie von einer schweigsamen Frau, die nach der Eheschließung zum tobenden Weibsteufel wird.

Die Partitur ist eine Mischung aus eruptiven Ausbrüchen, fein ziselierter Motivarbeit und den typischen Strauss’schen Bögen, die von anrührender Schönheit sind. Ergo: „Die schweigsame Frau“ ist wie geschaffen für Kent Nagano, dessen Vertrag als bayerischer Generalmusikdirektor jüngst nicht verlängert wurde. Das Publikum der Premiere am Dienstag in Münchner Prinzregententheater im Rahmen der Münchner Opernfestspiele feierte Nagano schon nach den Pausen demonstrativ enthusiastisch und bejubelte seine feinsinnige, diesmal beileibe nicht kühle Interpretation.

Wie aber inszeniert man eine Oper über einen Mann, der nicht nur den Klang von Kirchturmglocken, sondern auch Musik und insbesondere Oper hasst? Regisseur Barrie Kosky, ab 2012 übrigens Intendant der als Regietheatertempel bekannten Komischen Oper Berlin, entschied sich für die plakative Version: Gemeinsam mit Ausstatterin Esther Bialas spart er beim Bühnenbild (das auf einem Podest in der Mitte der nackten Bühnenrealität spielt) und klotzt bei den Kostümen. Die Operntruppe des Morosus-Neffen Henry wird dabei zum „Who’s who“ der Opernwelt: Hier begegnen wir nicht nur Brünnhilde, Wotan und Lohengrin, sondern auch Butterfly, Traviata und Escamillo, daneben Kastraten, Clowns a la Bajazzo und sogar Bühnendrachen. Die Truppe und ihr Spiel beherrscht das Stück, wenn sie auf die Bühne quillt, ist in kunstvollster Bewegungsregie äußerst lebendig geführt und vom Regisseur mit immenser Spielfreude infiziert. Sicher ist das häufig auch Slapstick und ein bisschen Muppet-Show (wie Kosky selbst im Programmheft bemerkt), macht aber in jeder Sekunde riesigen Spaß. Dabei vergisst der Regisseur auch nie die Zwischentöne der Komödie. Soll heißen: Es gibt zum Beispiel Momente, in denen glaubt man dem alten Sir Morosus und der jungen Aminta (der falschen „Timida“, der schweigsamen Frau) die aufkeimenden Gefühle zueinander – da liegt vieles in der Luft, was möglich wäre. Die Regie fasst das deutlich auf und bringt hier die turbulente Szene auch mal zum nachdenklichen, schwebenden Stillstand.

Im Zentrum steht dabei Franz Hawlata als Sir Morosus. Zwar sind die großen Bögen (wie beim Bayreuther Sachs) nicht mehr seine Welt, dafür aber die schnelle Deklamation, die profunde Tiefe – und zudem eine unvergleichliche Bühnenausstrahlung, gleich ob sein Gesicht von aufkeimender Zärtlichkeit strahlt, mit den Überresten einer Hochzeitstorte verschmiert und völlig verschreckt ist oder wütend oder erschöpft wirkt. An seiner Seite betört die hochschwangere Diana Damrau mit klanglichem Silber in reinster Höhe, aber neben brillanten Koloraturen auch mit Durchschlagskraft gegenüber einem großen Orchesterapparat. Darstellerisch nimmt man ihr beides ab: die gespielte Furie mit köstlichen Zicken-Allüren wie die echte, einfühlsame Frau mit dem großen Herz. Neben ihr gehört die schönste Stimme des Abends Toby Spence alias Henry. Sein heller, hoher Tenor strahlt um die Wette mit seiner Bühnenerscheinung. Und zum restlichen Ensemble, das durchwegs festspielwürdig besetzt ist, kann man nur den alten Sir Morosus zitieren, der – als die Maskerade zum Schluss aufgedeckt ist – über sich selbst lachen kann und zugibt : „Großartig habt Ihr das gemacht!“

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