Hamburg – aus der Sicht eines Musikers

Blick über die Alster. „Willkommen in der schönsten Stadt der Welt.“

Wer in der Hansestadt klassische Musik sucht, sollte sich nicht vom Spektakel um die Elbphilharmonie stören lassen. Pianist Sebastian Knauer führte uns einen Tag durch seine Heimat und verriet seine Lieblingsplätze.   

Dorothee in der Dorotheenstraße, Maximilian in der Maximilian­straße – gut gelaunt unter „seinem“ Straßenschild zu posieren, zählt zu den beliebtesten Touristenschnappschüssen. Wenn aber Sebastian­ Knauer extra eine Leiter erklimmt, um sich standsicher und standesgemäß in der Hamburger Knauerstraße ablichten zu lassen, steckt weit mehr dahinter als eine lustige zufällige Namensgleichheit. Der international erfolgreiche Konzertpianist entstammt einer traditionsreichen Hamburger Dynastie, die ihre Wurzeln bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Sein Ahnherr Georg Andreas­ Knauer handelte einst mit Waren, Wein und Immobilien und begründete ein Krankenhaus – und diese Straße ist wirklich nach seiner Familie benannt. Na, wenn das keine schlagende Qualifikation zum Stadtführer ist!

Vier Stunden lassen wir uns von Sebastian Knauer die Stadt zeigen, in der er 1971 geboren wurde. Hier leitete sein Vater beim Radiosender NDR den Kulturkanal und das Sinfonieorchester, hier freundete sich der Junior mit dem Klavier-Repertoire an, das er seither in Konzertsäle auf der ganzen Welt trägt. Sogar für Bill Clinton­ hat Knauer schon gespielt. Heute aber kommt er gerade von der Edelfüllerschmiede Montblanc, wo er ein Lunchkonzert für die Mitarbeiter gegeben hat. „Wir sind ja gewissermaßen beide Hamburger Institutionen“, flachst er in betont breitem Hamburger Akzent, der zwar nicht über den spitzen Stein stolpert, aber stark an Olli Ditt­richs Kultserie „Dittsche“ erinnert. Mit seinem markanten Gesicht, dem Dreitagebart und den zusammengekniffenen Augen könnte man sich Knauer jedenfalls auch auf der Brücke einer Hafenfähre vorstellen.

Als Beförderungsmittel wählen wir heute lieber seinen schwarzen­ SUV, mit dem er uns kundig durch seine Heimatstadt chauffiert. Eigentlich passt ein so wuchtiges Auto ja gar nicht zu seinem­ Klavierspiel, das sich – etwa bei seinem aktuellen Lieblingskomponisten (und ebenfalls gebürtigen Hamburger) Mendelssohn –­

eher durch filigrane Technik und einen feinen Sinn für Klänge und Stimmungen auszeichnet. „Aber um mit meiner Frau und meinen beiden Kindern in den Skiurlaub zu fahren, ist es perfekt“, sagt Knauer grinsend und verfrachtet den Kindersitz auf die Rückbank, um vorn im Auto Platz zu schaffen. Auf dem Weg zur ersten Station, der Laeiszhalle, passieren wir sogar das Pianohaus „Klavier Knauer“ – „ein weit entfernter Vetter“. Sebastian­

Knauer hält sich aber lieber direkt an Steinway & Sons, die ihre Flügel seit 1880 in der Hansestadt bauen. Man erkennt sie übrigens am Hochglanzlack, während die in New York produzierten Instrumente matt gestrichen werden.

Die Laeiszhalle – sprich „Leißhalle“, früher auch einfach Musikhalle genannt – entstand nur wenig später, 1908. Benannt ist sie nach dem Reeder Carl Heinrich Laeisz und seiner Frau Sophie Christine, die das neobarocke Haus stifteten. Heute bildet sie mit ihrem prachtvollen, schnörkelig-goldenen Großen Saal und dem 50er-Jahre-Kammermusiksaal das unumstrittene Zentrum des norddeutschen Musik­lebens. Regelmäßig gastieren hier die Top-Stars aus Klassik und Jazz. Außerdem reklamieren gleich vier renommierte Orchester die Halle als Heimstätte: das NDR Sinfonieorchester mit seinem neuen Chefdirigenten Thomas Hengelbrock, die Hamburger Philharmoniker, die unter ihrer australischen Generalmusik­direktorin Simone Young auch die Staatsoper an der Dammtorstraße bespielen, die Hamburger Symphoniker und das kleine, aber sehr feine Ensemble Resonanz – gar nicht zu reden von unzähligen weiteren Hamburger Klangkörpern, Chören und Kammermusikformationen, die jährlich fast eine halbe Million Besucher anlocken.

Im Großen Saal proben gerade die Hamburger Symphoniker. Leise, gaaanz leise schlüpfen wir hinein, um ein Foto zu schießen – „die Laeiszhalle darf auf unserer Tour einfach nicht fehlen“, findet Sebastian Knauer. Er selbst stand hier schon mit 13 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne. „Davor bin ich allerdings auch schon vor 4.000 Gästen im CCH (Congress-Centrum Hamburg) aufgetreten“, erinnert sich Knauer. „Richard Clayderman – der war damals noch berühmt – gab ein Konzert, und der Veranstalter suchte ein Hamburger Wunderkind, das mit ihm auftreten sollte. Tja, das war ich. Ich war neun oder zehn, hatte einen blonden Pagenkopf, eine rote Weste und spielte Brahms-Walzer, während er hinter mir stand. Ein Erlebnis der besonderen Art …“

Anfang November wird er das nächste Mal auf dem Podium der Laeiszhalle Platz nehmen, um gemeinsam mit den Hamburger Symphonikern Schumanns Klavierkonzert a-Moll aufzuführen. Die Vorfreude ist groß – und wird noch gesteigert, als wir draußen auf dem Johannes-Brahms-Platz einem freundlichen Herrn in die Arme laufen, der gerade seinen Hund spazieren führt. Es handelt sich um den Symphoniker-Intendanten Daniel Kühnel, der die Bedürfnisse seines vierbeinigen Freundes (es handelt sich um einen Deutschen Pinscher namens Lotte) gerne zum Anlass nimmt, für kurze Zeit seinem Schreibtisch zu entkommen. Darauf dürften sich erhebliche Papierstapel türmen, denn Kühnel möchte seinen Klangkörper­ gemeinsam mit Chefdirigent Jeffrey Tate zum A-Orchester ausbauen. Für einen kleinen „Schnack“ mit dem pianistischen Lokalmatador nimmt er sich dennoch gerne Zeit, bevor er samt Hund wieder dem Künstlereingang rechts der Laeiszhalle zustrebt.

Überhaupt bewegt sich gerade viel im Hamburger Kulturleben. Um die Tragweite zu begreifen, muss man hinunter an die Elbe. An die Spitze der neuen Hafencity. Ein ganzer Stadtteil ist hier im Entstehen, an seiner westlichen Spitze gekrönt von der Elbphilharmonie. Im Jahre 1401 hat man hier angeblich den legendären Freibeuter Klaus Störtebeker hingerichtet, heute wird ein Konzerthaus der Superlative errichtet. 110 Meter hoch schwingt sich seine schimmernde Fassade auf – eine spektakuläre gläserne Welle über der Elbe. Den Sockel bildet der historische Kaispeicher aus Backstein, in dem früher Tee und Kakao lagerten. Im Inneren ähnelt die Konfiguration zwar der Laeiszhalle: ein großer Saal mit etwa 2.000 und ein kleiner mit 500 Plätzen. Doch die Elbphilharmonie wird viel mehr sein: ein Hotel, eine kostenlos zugängliche Aussichtsplattform, ein öffentlicher Raum, ein kühnes Statement. Die Architekten, das Schweizer Büro Herzog & de Meuron, haben mit der Tate Modern und neuen Stadien in Peking und München bereits Bauwerke von Weltrang entworfen. Die Elbphilharmonie aber gleicht dem Versuch, ein Wahrzeichen zu schaffen.

Wenn sie nur endlich fertig würde. Die Stadt Hamburg und die Baufirma Hochtief liegen seit Monaten im Clinch, schon mehrfach musste die Eröffnung verschoben werden. „Einfach ärgerlich“ findet Knauer das. „Hamburg hat ja schon jetzt eine unglaublich breite Musikszene auf einem hohen Niveau. Aber eine fertiggestellte Elbphilharmonie würde die internationale Strahlkraft natürlich enorm erhöhen.“ Bislang bleibt dem musikbegeisterten Hamburgreisenden nur, die Baustelle zu besichtigen – allemal ein beeindruckendes Erlebnis, allein des Panoramablicks über Stadt und Hafen wegen. Nur um die stark begehrten Karten sollte man sich rechtzeitig kümmern (www.elbphilharmonie.de).

Scheinbar gänzlich unbeeindruckt von der unbefriedigenden Situation auf der Baustelle ist Christoph Lieben-Seutter, seit 2007 Generalintendant von Laeiszhalle und Elbphilharmonie. Seit drei Jahren macht er mit den „Elbphilharmonie Konzerten“ Furore, die eben einstweilen in der Laeiszhalle oder an anderen, ausgefallenen Spielorten stattfinden. Als Eröffnungstermin rechnet man vorsichtig optimistisch mit 2015. Egal, meint Knauer: „Die Elbphilharmonie sieht schon jetzt grandios aus und hat einen positiven Effekt auf das Hamburger Musikleben. Und wenn sie erstmal eröffnet ist und die Akustik so toll ist, wie wir alle hoffen, dann wird aller Ärger um den Bau verflogen sein, und alle Welt wird Hamburg um dieses Haus beneiden.“

Schließlich lässt es sich Sebastian Knauer nicht nehmen, auf dem Heimweg ins schicke Eppendorf noch einen kleinen Schlenker über die Reeperbahn zu machen, „Hamburgs kultigste Straße“. Früher wurden hier lange Schiffstaue, Reepe, hergestellt, heute hängt mancher am Ende einer langen Partynacht in den Seilen. Verwegene Bars und Stripclubs stehen in trauter Eintracht neben Tanzlokalen und dem Theaterhaus des Nonnenmusicals „Sister Act“. Am Beginn der „Großen Freiheit“ erinnert die metallene Silhouette einer vierköpfigen Band daran, dass die Beatles hier 1960 ihren Durchbruch feierten. „Früher war ich hier natürlich auch Party machen“, seufzt Knauer und blickt wehmütig aus dem Autofenster, „aber inzwischen bin ich wohl zu alt, um noch über den Kiez zu ziehen.“ Immerhin bleibt ihm Udo Lindenbergs Song „Reeperbahn“, ein Klassiker. Überhaupt, der Udo. Er ist für Hamburg, was Franz Beckenbauer für München ist. Sebastian Knauer hat ihn mal an Bord eines Kreuzfahrtschiffes getroffen: „Er stellte seine Bilder aus, ich gab ein Konzert. Später haben wir an der Bar ein paar Eierliköre getrunken. Der Typ ist ein echtes Original – und überhaupt nicht abgehoben.“

Nicht abgehoben – das trifft, so die Erkenntnis am Ende des Tages, sowohl auf Hamburg als auch auf Sebastian Knauer zu. „Wenn ich nicht gerade auf Tournee bin, sondern zu Hause aufwache, schalte ich immer den Sender Radio Hamburg ein, der seine Hörer mit dem Satz‚ Willkommen in der schönsten Stadt der Welt’ begrüßt“, sagt Knauer, und seine Augen funkeln vor Vergnügen. „Und dann denke ich: Jawoll, so ist es.“

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Wo übernachten?
Hamburgs berühmteste Hotels stehen an Binnen- und Außenalster: Das Vier Jahreszeiten und das Atlantic, in dem auch Udo Lindenberg residiert. Sebastian Knauer dagegen empfiehlt das gediegene Hotel Abtei (1, www.abtei-hotel.de) in Harvestehude und, für den gehobenen Bedarf, das Park Hyatt in der Innenstadt. Gastierende Künstler steigen gerne im modernen Side Hotel zwischen Laeiszhalle und Oper ab.

Vor oder nach dem Konzert?
Das gastronomische Angebot in Hamburg ist schier ­unüberschaubar. Die besten Chancen, nach einem Konzert in der Laeiszhalle noch die Künstler zu treffen, haben Sie im nur wenige Schritte entfernten Marblau. Knauers Geheimtipp ist das Tarantella (2, www.tarantella.cc) im Casino am Stephansplatz: „Freddy ist der beste Koch Hamburgs“. Für das Frühstück am nächsten Morgen empfehlen wir das Café im neoklassizistischen Literaturhaus am östlichen Ufer der Außenalster.

Und als Kontrastprogramm:
Hamburg lebt von Gegensätzen. Wer es beschaulich mag, spaziert längs der Außen­alster – hier trifft man Heerscharen von Joggern und – so Knauer – „alle zehn Meter alte Bekannte“. Gleiches gilt für die Geschäfte rund um die Flaniermeile Jungfernstieg an der Binnenalster. Das Herz Hamburgs aber schlägt im Hafen, der seit Jahrhunderten den Ruf als „Tor zur Welt“ begründet (3). Eine gute Alternative zu den kommerziellen Hafenrundfahrten sind die Fähren des Verkehrsverbunds HVV, die bis zur Airbus-Werft nach Finkenwerder reichen. Oder man durchwandert den Alten Elbtunnel und gönnt sich den spektakulären Blick auf die Hamburger Skyline – inklusive Elbphilharmonie.

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Kommentare

  1. woodelidoo
    4. Juni 2012 at 15:17

    Schöne Stadt – schöner Artikel! Glückwunsch!

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