Nachruf: Heinrich Schiff

(Heinrich Schiff)

„Die Saiten schweigen“, titelte der SWR, als ein Tag vor Weihnachten die Nachricht kam, dass der Cellist und Dirigent Heinrich Schiff in einem Wiener Krankenhaus verstorben war. Mit kaum 65 Jahren. Lange war er krank gewesen. Viele wussten davon, doch Schiff, dieser leidenschaftliche, kompromisslose, unersättliche Künstler, der sich nie schonte, wusste es wohl am besten. „Ich verglühe wie eine Zigarre, die man auf beiden Seiten zugleich angezündet hat“, räumte er bereits 2004 ein.

Nun ist er gegangen. Unsterblich bleibt seine große Kunst, der unmittelbare Ausdruck, die Intensität, die Emphase seines Spiels. Jede Phrase, etwa von Bach, wusste er elegant zu ziselieren, in Ton zu „meißeln“, präzise in allen Lagen und dynamischen Registern. Die Bogentechnik hatte sich der junge Schiff beim berühmten André Navarra abgeschaut. Seine Einspielung der Bachschen Suiten wurde 1985 zur Referenzaufnahme und für Nikolaus Harnoncourt, einst selbst Cellist, zu einer „der eindrucksvollsten Interpretationen“, die er je gehört hatte.

Unvergesslich bleibt Heinrich Schiff auch als Mensch, als Pädagoge. Nicht immer umgänglich. Eher direkt und oft eigenwillig. „Meist rauschte er in seinem Porsche 928 an. Wenn das weiße Coupé mit dem roten Cellokasten unter der Glasabdeckung des Kofferraums gegenüber der Kirche stand, wusste man: Schiff ist da“ (BR). Schüler Daniel Müller-Schott erinnert sich an Zeiten in Schiffs Haus am Attersee. „Er war wahnsinnig großzügig. Wir haben in seiner Küche gekocht und dann wieder geübt. Wir haben Billard gespielt, durften auf seinen Celli spielen. Und sogar sein Auto benutzen.“

Schiffs Selbstironie kam am besten in Interviews heraus. In einem, das wir führten, beschrieb er sich als einen Mann mit viel „zu kurzen Armen“, als „Metzgerstyp mit Wurstfingern“. Den oft unter Cellisten vertretenen Typus des „langgliedrigen, groß gewachsenen, melodiesäuselnden Schönlings“ beneidete er fast ein bisschen. Mit dem Narzissmus, der diesem Typus oft nachgesagt wird, hatte er, der „musikalische Handwerker“ Schiff, allerdings nichts am Hut. „Cellisten sind eher Kitschbrüder als Geiger“, lachte er. „Das liegt daran, dass, wenn sie klein sind und mit dem großen Cello herumlaufen, die alten Tanten so begeistert sind. Da ist ein starkes Verhältnis zum Bewundertwerden.“

Bewundert wurde Schiff, der 1951 in einem Musikerhaushalt in Gmunden geboren wurde, nicht. Dazu lag die Messlatte zu hoch. Seine Mutter Helga Riemann war die Enkelin des berühmten Musikwissenschaftlers Hugo Riemann, sein Vater Pianist. Beide waren auch Lehrer und Komponisten, was Schiff nachhaltig auch in der Wahl seines Repertoires prägte. Mit Enthusiasmus transportierte er die Botschaften der zeitgenössischen Komponisten in die Welt. Packend seine Version des Ersten Cellokonzerts von Schostakowitsch. Henze, Rihm, Otto M. Zykan, Křenek, Lutosławski schrieben Werke für ihn. „Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik kann anstrengend bis schmerzhaft sein“, räumte Schiff im Gespräch allerdings ein. Das aber sei der Sinn: „Der Wunsch des Komponisten, die Auseinandersetzung mit dem Publikum zu pflegen. Es ist auch gleichzeitig die Auseinandersetzung mit sich selbst.“ Nur mit Friedrich Gulda, der für ihn ebenfalls ein Cello(!)konzert schrieb, kam es zum Zerwürfnis, weil Schiff es bei den Salzburger Festspielen durch eines von Haydn ersetzt hatte. Doch auch Schiff war nicht selten dünnhäutig. Rasch konnte er sich durch Fotografen oder Huster gestört fühlen. Legendär sein Unmut über ein undichtes, tropfendes Dach in der Kieler Petruskirche – bei einem Konzert in Anwesenheit von Prinz Charles.

Seine Liebe galt der Kammermusik, viele CDs zeugen davon, obwohl er der Branche kritisch gegenüberstand: „Viele Menschen verstehen Musik anders und meinen, es sei so eine Art Feierabend-Dekoration, mit der man leben kann. Das liegt nicht an ihrer vermeintlichen Dummheit oder Trägheit, es liegt daran, wie die klassischen Interpreten und deren Mithelfer, Plattenfirmen, Veranstalter, das vermarkten. Wie sie dem Zuhörer suggerieren, es handle sich um ein gesellschaftliches Ereignis. Wie heißt es schön: ,Erleben Sie Meisterwerke der klassischen Musik im historischen Ambiente und genießen Sie nachher aus der Küche des Chefs …‘“. Er schimpfte über das „Crossover- Getue“, wunderte sich, dass Leute, die er sehr schätzte, ihm plötzlich rieten, sein „Image“ zu ändern, damit es „besser laufe“. Dabei lief es gut. Das kulturpessimistische Gezeter und Jammern auf hohem Niveau konterte er mit Statements wie: „Uns Musikern geht es gut. Wir haben keine Not, leiden auch nicht unter Publikumsschwund.“ Und: „Auch negative Rezensionen gehen eher am Publikum vorbei.“

Wie Harnoncourt drängte es Schiff später zum Dirigieren. Unerträgliche Schmerzen in Schultern und Arm zwangen ihn, sein legendäres Stradivari-Cello, die 300 Jahre alte Mara, der sogar Wolf Wondratschek einen Roman widmete, beiseitezulegen. „Wieso schade?“, antwortete er auf mein Bedauern. „Das ist eine Frechheit. Es gibt so viele andere Cellisten, die das gut machen.“ Doch nur einen Heinrich Schiff.

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *