Herbert Schuch: “Ich mag die Ernsthaftigkeit!”

(Foto: Felix Broede)

Herbert Schuch gewinnt den ECHO Klassik als Pianist im Quintett. Uns verriet er, wie sich derweil seine Solo-Karriere entwickelt und wie er in seinen Konzertprogrammen das Publikum aufhorchen lassen will.

Mit seinen 33 Jahren kann man Herbert Schuch nicht mehr ganz als Pianisten-Nachwuchs bezeichnen – und dennoch geht Schuch seinen Weg in die führende Pianistenriege nicht im Eiltempo. Er ist keiner dieser Pianisten, die sich über Nacht den Weltruhm erspielt haben. Er arbeitet stetig und bedacht und begeistert die Szene mit wohldurchdachten, klug zusammengestellten Konzertprogrammen. Sein Konzeptalbum „Nachtstücke“ rankte sich so beispielsweise um Schumanns gleichnamiges Werk; Schuch kombinierte dazu Ravel, Holliger, Skriabin und Mozart. Im November legt der Pianist erstmals ein Beethoven-Klavierkonzert vor. Das dritte, das einzige Klavierkonzert, das Beethoven in einer Molltonart schrieb. Vorher erklingt das 1939 komponierte Klavierkonzert von Viktor Ullmann – ein Komponist mit berührender Geschichte, der als Gefangener im Konzentrationslager Theresienstadt weiter komponierte, Konzerte organisierte und trotz der untragbaren Umstände dort um ein funktionierendes Musikleben besorgt war.

Man möchte Schuch unterstellen, er habe ein Händchen für besonders ernsthafte Programme. Ist das wahr? Schuch: „Nun, auch die ‚Nachtstücke‘-CD war ja ein eher dunkel gefärbtes Programm. Aber ja, ich mag diese Ernsthaftigkeit.“ Es sei aber nicht so, dass er sich nur mit den dunklen Seiten des Lebens beschäftige. „Ich mag es, das Publikum ein bisschen zu irritieren – wenn es für einen Moment die Sicherheit verliert, die es im Zuschauerraum hat. Nicht um die Leute zu ärgern, sondern um die Aufmerksamkeit zu erhöhen.“ Das Ullmann-Konzert wollte er unbedingt aufnehmen, auch wenn man damit ziemlich alleine gelassen sei, weil es wenig Information über dieses Werk gibt. Und Beethovens drittes Klavierkonzert hätte gepasst, weil es „das Kantige, was Ullmanns Musik hat, auch in sich trägt“.

Es ist Schuchs erste Beethoven-Einspielung. „Mit dem Beethoven wollte ich mir Zeit lassen“, sagt er und man stellt wieder dieses Bedachte, Überlegte fest. Kein Schritt zu schnell. Der sympathische Pianist ist, das merkt man ihm sofort an, mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben – selbst wenn er mittlerweile Preisträger zahlreicher internationaler Klavierwettbewerbe ist. So gewann er in einem Jahr den Casagrande-Wettbewerb, den London International Piano Competition, und den Beethoven Klavierwettbewerb Wien. Und in diesem Jahr gibt’s nun den ECHO Klassik dazu – in der Kategorie „Kammermusikeinspielung des Jahres 18./19. Jahrhundert“. „Ja!“, lacht Schuch, „den gewinne ich zusammen mit meiner ‚Boygroup‘ für eine Aufnahme mit Mozart- und Beethoven-Quintetten für Bläser und Klavier.“ Die CD-Produktion mit seinen Kollegen Sebastian Manz, Marc Trénel, David Fernández Alonso und Ramón Ortega Quero habe ihm viel Spaß gemacht, besonders „weil die Bläser einfach anders ticken. Die sind so entspannt!“ Entspannter noch als Pianisten? „Absolut. Richtig tiefenentspannt.“

Weil jeder gleichmäßig am Gewinn des Musikpreises beteiligt war und es für die „Boygroup“ nur einen gemeinsamen ECHO gibt, haben sich die Herren ganz pragmatisch schon eine Lösung dieses Problems überlegt: „Wir zersägen den Preis“, witzelt Schuch, „ganz paritätisch in fünf Teile. Und wenn wir uns wiedertreffen, setzen wir ihn dann immer wieder zusammen.“

Wie er so weit kam? Im Kindesalter fing er, noch in Rumänien, mit dem Klavierspiel an. Nebenbei lernte er Geige. Die Klassik packte ihn, als er zum ersten mal eine Brahms-Sinfonie auf Platte hörte. Dann zog er mit seinen Eltern ins bayerische Rosenheim. Mit 12 wurde er Klavierschüler des legendären Klavierpädagogen Karl-Heinz Kämmerling, studierte am Mozarteum in Salzburg. In jüngster Zeit arbeitete er viel mit Alfred Brendel.

„Die Lehrer, von denen ich gelernt habe, waren alle 50 Jahre älter als ich. Ich bin wahnsinnig froh, dass ich von dieser Generation noch so viel lernen konnte. Was ich da faszinierend finde, ist diese absolute Unbedingtheit. Da heißt es ‚Das muss so sein!‘ und sie stehen dafür ein. Dieses Relativierende, das vielleicht durch postmoderne Strömungen entstanden ist, haben die noch gar nicht. Sondern eine Klarheit in dem, was man will und was man nicht will.“ Ob er das für sich so übernehmen wolle? „Ich bin schon ein Kind meiner Zeit. Ich kann nicht sagen: Ich will unbedingt so wie Alfred Brendel sein. Aber Menschen wie er sind Leute, an denen man sich innerlich immer wieder orientieren und sich fragen kann: Was würden sie jetzt dazu sagen?“

 

Der crescendo-Fragebogen

Kaffee oder Tee?
Tee.
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Fortepiano!
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Langsam.
Schubert oder Schumann?
Wahrscheinlich Schubert.
Fußball oder Oper?
Fußball!
Ihr Lieblings-Musikerwitz?
Die sind nicht jugendfrei!
Ihr schönstes Erlebnis auf der Bühne?
Wenn ich merke, dass das ­Publikum still wird.
Ihr lustigstes Erlebnis auf der Bühne?
Bei einem Konzert auf Schloss Herrenchiemsee hat in der Pause mal der Blitz eingeschlagen, der Strom fiel aus. Ich habe dann die zweite Hälfte des Konzerts mit einer batteriebetriebenen Funzel eines Feuerwehrmanns gespielt, hatte kaum Licht, im Saal war es stockfinster.
Genial, oder?
Herbert Schuch: „Ullmann/Beethoven Klavierkonzerte“,
ab 12. November im Handel (Oehms Classics)

Herbert Schuch: Klavierkonzerte
Oehmsclassics (Naxos Deutschland)
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