Mit Herz, Hand und Verstand

(Howard Arman beim Dirigieren)

Er dirigiert, arrangiert, komponiert und moderiert – für Howard Arman ist diese Vielfalt ganz normal. Weil er nun auch den Chor des Bayerischen Rundfunks leitet, sprachen wir mit dem umtriebigen Engländer über seinen neuen Job, die Faszination vieler Stimmen und warum auch O Tannenbaum ein sehr interessantes Arrangement ist.

crescendo: Lassen Sie uns kurz über Ihr erstes Konzert als künstlerischer Leiter des BR-Chors im Oktober sprechen. Sie hatten es unter das Motto „Krieg und Frieden“ gestellt …
Howard Arman: Das war ein relativ großer Schritt, so ein Programm als Antrittskonzert zu präsentieren. Denn gerade in so einem Moment ist die Aufmerksamkeit besonders groß und das, was man normalerweise einfach als Programmidee sehen würde, ist plötzlich ein Statement. Deshalb war ich doppelt froh, wie gut das Konzert aufgenommen wurde. Es gab fantastische Zeitungskritiken, Getrampel im Saal, und das, obwohl es ein sehr ungewöhnliches Programm mit viel Musik aus dem 20. und 21. Jahrhundert war. Auch für mich selber war das ein wunderbarer Abend.

Was fasziniert Sie an der Arbeit mit einem Chor?
HA: Zum einen das Repertoire: Die Chorliteratur enthält unzählige Schlüsselwerke der Musikgeschichte und spiegelt viele ihrer entscheidenden Momente wider. Ich liebe es auch, dem komplexen Verhältnis zwischen Wort und Ton immer wieder neu zu begegnen, und nicht zuletzt fasziniert mich die Arbeit mit 40, 50 oder 100 Menschen, die wie ein Wesen funktionieren, das eine eigene Persönlichkeit hat.

Welchen Anspruch haben Sie an sich selbst als Chordirigent?
HA: Klangsinnlichkeit und hohe Chordisziplin sollen sich nicht gegenseitig ausschließen. Das ist bei jedem Stück ein heiliger Gral, und das ist es, was ich immer suche. Eine Interpretation ist nicht lebensfähig, wenn einer dieser Partner fehlt.

Aber welche Rolle spielt bei einem Konzertprogramm dann ein Motto wie eben beispielsweise „Krieg und Frieden“?
HA: Zunächst funktioniert es als Überschrift, die die Aufmerksamkeit bewusst in eine gewisse Richtung lenken soll. Für mich deutet das auch darauf hin, dass die einzelnen Werke im Programm durch ihre Gegenüberstellung sozusagen zu einem Gesamtwerk geworden sind. Und diese Gegenüberstellung lässt uns vielleicht auch die individuellen Stücke in einem neuen Kontext betrachten. Kontexte zu schaffen und neue Sichtweisen anzuregen, sind zwei der wichtigsten Bestandteile einer Programmplanung, die sich die aktive Teilnahme des Zuhörers als Ziel setzt.

Gehört dazu auch, über Musik zu sprechen? Sie selbst moderieren auch oder machen Einführungen zu Ihren Konzerten.
HA: Die Frage ist, über wie viel Wissen verfügt ein Hörer im Vorhinein, ist es vergleichbar mit dem Wissen, mit dem der Komponist gerechnet hat? Wir dürfen davon ausgehen, dass jeder Komponist mit den Hörgewohnheiten und Erwartungshaltungen seiner Zeit gerechnet haben muss. Verfügen wir über diese Wahrnehmung in unserer heutigen Zeit? Fehlende Informationen dieser Art mit dem gesprochenen Wort zu vervollständigen, kann uns zu einem tieferen Verständnis verhelfen, obwohl das Wort nie das ersetzen wird, was durch Musik gesprochen werden soll. Vielleicht lautet deshalb die Antwort auf diese Frage: Auch wenn es nicht ideal ist, können wir das Wort manchmal gut gebrauchen.

Sie sind Dirigent, aber sie arrangieren und komponieren auch.
HA: Ich weiß, dass diese Idee, dass jemand für sein eigenes Ensemble komponiert und arrangiert, eigentlich ein Auslaufmodell ist. Ich selber kann diese Dinge letztlich schwer voneinander trennen. Ich will immer für die Ensembles, mit denen ich gerade zusammenarbeite, schreiben. Die zwei Tätigkeiten, das Komponieren und das Dirigieren, ergänzen sich und befruchten sich gegenseitig. Das Arrangieren ist auch deshalb wichtig, weil es mir die Möglichkeit gibt, unseren Programmen eine sehr individuelle Note zu geben, wie zum Beispiel im Falle unserer neuen Weihnachts-CD.

Diese Weihnachts-CD ist Ihre erste Produktion mit dem BR-Chor. Wie kam es dazu?
HA: Die Idee zu dieser CD entstand aus meiner Lust zu arrangieren und daraus, dass ich immer wieder Programme für Weihnachtskonzerte erstellen musste. Ich wollte etwas Neues machen, etwas Unterhaltendes und zugleich Anspruchsvolles. Grundlage meiner Bearbeitungen sind volkstümliche und populäre Weihnachtslieder vom Barock bis ins 20. Jahrhundert, die in vielen verschiedenen Stilrichtungen auf dieser CD liebevoll parodiert werden. Und dass sie zudem aus verschiedenen Ländern stammen, unterstützt diese Barrierelosigkeit der Weihnachtsbotschaft, das hat etwas Völkerverbindendes.

Auf Ihrer CD sind viele Weihnachtsklassiker, wie zum Beispiel O Tannenbaum. Wie geht man mit so einem fast schon „ausgeleierten“ Liedgut um?
HA: Manche Arrangements auf dieser CD sind sehr nahe an der Vorlage und manche distanzieren sich davon. Interessanterweise ist gerade O Tannenbaum ein sehr freies Arrangement. Denn ich kann mit dem wunderbaren Bewusstsein arbeiten, dass die Leute diese Melodie kennen, und das heißt für mich, dass ich diese Melodie, während alle vielleicht mitsummen, auf irgendwelche ungewöhnliche Wege führen kann.

Deshalb der Titel „Christmas Suprises“?
HA: Genau, aber das ist nicht provokant gemeint. Man soll gewisse Dinge wiedererkennen und kann sich am Unerwarteten freuen.

Die CD ist schon jetzt im November erschienen, wann haben Sie eigentlich die Aufnahmen dafür gemacht?
HA: Wir hatten drei Aufnahmetermine und der erste davon war Ostern. Natürlich waren wir gedanklich alle woanders. Die Musiker und die Sänger sagen immer, wie sollen wir das machen, es schneit nicht, es ist nicht kalt – aber man braucht diese klimatischen Hilfsmittel nicht, um wunderschöne, stimmungsvolle Aufnahmen zu produzieren. Viele dieser Lieder sind in jedem Einzelnen seit seiner Kindheit tief verankert. Auch wenn man kein besonders religiöser Mensch ist oder man Weihnachten gar nicht feiert, hat doch jeder für diese Melodien einen warmen Platz in sich. Sie rufen etwas wach und beim Musizieren erlebt man das wieder.

Welche Bedeutung hat Weihnachten für Sie?
HA: Weihnachten hieß für mich oft, umgeben von Notenblättern an einem Tisch zu sitzen, weil diese Arrangements für irgendein Konzert irgendwo fertig werden mussten. Und natürlich habe ich Weihnachten sehr oft musizierend verbracht. In meiner Zeit beim MDR und auch danach hatte ich immer am Christmas Day, am ersten Weihnachtsfeiertag, ein Konzert. Ich freue mich besonders, dass ich dieses Jahr mit dem BR-Chor gleich drei Weihnachtskonzerte dirigiere.

Noch ist Herbst, aber sagen Sie, was wünschen Sie sich zu Weihnachten?
HA: Ich habe eigentlich keine besonderen Weihnachtswünsche für mich persönlich. Aber ich werde es als Geschenk empfinden, das eine oder andere neue Arrangement bis Weihnachten zu schreiben und aufzuführen. Und ich empfinde es als Privileg, wenn man Teil vom Weihnachtsfest anderer Menschen und deren musikalische Begleitung zu Weihnachten sein darf. Das finde ich wirklich sehr schön.

„Christmas Surprises“
Chor des BR,
Münchner Rundfunkorchester,
Thomas Hampson,
Howard Arman

(Sony)
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