Hummeln auf dem Opernplatz

(Hummeln auf dem Opernplatz)

Wer sich den Cellisten Johannes Moser, einen passionierten Kammermusiker, zum „Museums-Solisten“ wählt und ihm die Möglichkeit gibt, sein Residence-Programm selbst mitzugestalten, der muss sich auf die eine oder andere Überraschung einstellen. 

Johannes Moser sitzt alleine auf dem Platz vor der Frankfurter Oper und spielt Bach. Einen Satz aus der G-Dur Suite und noch einen. Die Sonne scheint und einige Fußgänger bleiben neugierig stehen. Da öffnen sich plötzlich die Türen des Haupteingangs und eine kleine Gruppe kommt heraus, in der einen Hand ein Cello, in der anderen einen Stuhl. Moser wechselt von Bach zur Melodie von Bruder Jakob, die anderen verteilen ihre Stühle um ihn herum und steigen im Kanon mit ein. Gerade beginnen die ersten Zuschauer, sich zu wundern, da kommen auch schon die nächsten Cellisten die Treppen hinuntergelaufen. In allen verschiedenen Lagen schallt das Kinderlied bald über die Pflastersteine. Immer mehr Passanten bleiben stehen, sogar eine Gruppe von Radfahrern gesellt sich hinzu. Bis schließlich 100 Cellisten den Platz vor der Alten Oper nicht nur optisch, sondern auch akustisch weit ausfüllen.

Der sonore, warme Celloklang wabert durch die Sommerluft – bis Johannes Moser aufsteht und sein Cello kopfüber in die Höhe streckt. Das Riesenensemble verharrt auf dem letzten Akkord. Er schwenkt das Instrument nachdrucksvoll in der Luft, die 100 Celli verstummen. „Lauter Hummeln!“, murmelt eine ältere Dame ein paar Schritte weiter teils begeistert, teils schwer irritiert in die Stille hinein. Dann ertönt der Applaus, die Radfahrer klingeln laut. 101 Cellisten strahlen.

Die Szene stammt aus der Aktion „Spiel mit!“ und ist eine Idee von Johannes Moser. Die Frankfurter Museums-Gesellschaft hatte den Starcellisten im Rahmen seines Artist-in-Residence-Programms animiert, sein Programm selbst zu gestalten. Per Flyer wurden im Vorfeld alle Amateurcellisten im Alter von 9 bis 99 Jahren aus dem näheren Umkreis von Frankfurt zu diesem Event aufgefordert, über 100 meldeten sich direkt an. Am Ende des Workshops winkt dann auch ein echtes Highlight: Moser sucht unter den 100 Gästen nach 12 Cellisten, mit denen er im November ein großes Konzert in der Alten Oper aufführen wird.

Auf dem Flur der Hochschule für Musik und Kunst warten schon die ersten Teilnehmer auf ihren Einsatz. Manche gehen direkt aufeinander zu, ein paar andere scheinen erst einmal die Lage überprüfen zu wollen. Einige blicken aufgeregt ein Stück weiter den Gang entlang: Da steht er, der berühmte Gastgeber mit seinem Guarneri-Cello in der Hand und grinst vorfreudig wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum. Moser sagt, sein Wunsch sei es gewesen, die Leute einzuladen, „denen die Musik wirklich was bedeutet“ – die Amateure. Ein Begriff, der viel zu häufig und völlig zu Unrecht negativ behaftet gesehen wird. Amateur kommt vom lateinischen „amator“, was nichts weiter bedeutet als „Liebhaber“.

Und so wird auch nicht in einzelnen Probespielen „gecastet“. Es geht um soziale Kompetenz, nicht um Konkurrenzdenken: „Ich wollte niemandem das Gefühl geben, dass er sich ganz nackt vorne präsentieren muss. Dass jemand das Instrument beherrscht, ist wichtig. Aber noch wichtiger ist, dass jemand gut ins Ensemble passt“, sagt Moser, der gemeinsam mit einigen Studenten und Mitgliedern des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters jeweils acht Teilnehmer gleichzeitig wohlwollend-kritisch beobachtet. 15 Minuten lang spielen die Ensembles Eduard Lachners elegische Serenade und Claude Debussys spritzigen Golliwoggs Cakewalk. Diese Stücke hat Moser nicht zufällig ausgewählt: „Das zweite Stück hat einen ziemlich haarigen Mittelteil … mir war es aber wichtig, dass es in dieser ersten Probe schiefgeht, damit da auch was zum Proben ist,“ sagt er später mit einem Grinsen.

Die meisten Cellisten spielen das Programm zum ersten Mal gemeinsam, nur wenige haben sich schon vorher zum Proben getroffen. Doch niemand war ganz auf sich allein gestellt. Jeder Teilnehmer hatte ein eigenes Musterquartett zum Üben, bestehend aus: Moser, Moser, Moser und Moser. In kompletter Eigenregie entstanden die „Tutorial“-Videos, in denen der Cellist humorig beide Stücke erläutert und spielt. Da sieht man ihn beispielsweise drei Mal im unterschiedlichen Hemd, mal mit, mal ohne lässigen Cowboyhut im Wohnzimmer sitzen, als plötzlich Johannes Moser Nr. 4 den Raum betritt und ein Wortgefecht um dessen mangelnde Pünktlichkeit ausbricht. „Ständig kommst du zu spät!“ – „Was ich? Aber ich bin doch du?“ – „Aber du bist doch nicht er, oder?“ … Die Videos haben ihre Wirkung nicht verfehlt, was die zusammengewürfelten Celloensembles spontan gemeinsam zum Besten geben, ist für die kurze Probenzeit erstaunlich.

Um es nicht beim etwas ernsteren Teil der Auswahlspiele zu belassen und die seltene Chance der Klangmasse von 100 Celli auszukosten, treffen sich kurz darauf alle Teilnehmer im kleinen Saal um den Flashmob auf dem Opernplatz vorzubereiten. In einem großen, mehrreihigen Halbkreis sitzen sie um Johannes Moser herum. 400 Saiten werden gestimmt, dann spielen alle im Kanon Bruder Jakob – ein Stück, das jeder auswendig schafft und das so die Farce erübrigt, 100 Notenständer in die Innenstadt mitzuschleppen. Für die Autofahrer, die mit Erstaunen und Belustigung die seltsame Menschenmenge beobachten, müssen die vielen Kästen den Eindruck einer großen Schildkrötenwanderung erwecken.

Nach dem gelungenen Flashmob sitzt ein sichtlich zufriedener Johannes Moser in der Sonne und genießt eine kühle Apfelschorle. Sein wertvolles Cello hat er zwei Tische weiter, im Schatten, in die Obhut einiger anderer Cafébesucher gegeben. Der Tag scheint ihn nicht gestresst, sondern sehr glücklich zurückgelassen zu haben: „Jeder Einzelne hat sich sehr gut präsentieren können. Die Entscheidung wird richtig schwer!“

Einige Wochen später stehen die Ensemblemitglieder fest. In den nächsten Monaten werden sie das Programm für ihr Konzert erarbeiten – gemeinsam mit Johannes Moser. Frei nach dem Motto „Wir bauen uns ein Celloensemble“ wird er mit einer Bach-Solosuite beginnen und wie bei der Celloparty nach und nach alle Mitspieler hinzuholen, bis in Julius Klengels Hymnus 13 Celli erklingen. Die Altersspanne der Musiker reicht von 11 bis 63 Jahre. „Wir haben Schüler, einige die kurz vor der Rente stehen, Professoren – wir haben sogar einen Polizisten dabei! Alles Leute, die das Frankfurter Celloleben repräsentieren“, berichtet er stolz.

Die Vorfreude auf die bevorstehende Zusammenarbeit ist groß: „Cellisten sind eine sehr angenehme Gesellschaft. Das liegt glaube ich daran, dass es einfach eine andere Art des Drills ist. Nicht wie bei Pianisten, die ja sowieso sehr viel alleine machen, oder den Geigern, die oft „high strung“ sind, immer unter Spannung … Wir Cellisten sind irgendwie lockerer. Und zwölf Cellisten auf der Bühne – das klingt einfach auch nach was!“

Bevor die intensive Probenarbeit beginnt, wird es wieder das ein oder andere Video des „Moserensembles“ geben. Auf einen Plan B als Schauspieler angesprochen, bricht der Cellist jedoch in Gelächter aus. Dann reflektiert er: „Die Bühne hat mich natürlich immer interessiert. Ich bin ein bisschen auf der Bühne groß geworden – sowohl meine Tante als auch meine Mutter waren im Opernbereich tätig. Ich hätte mir also gut vorstellen können, in die Theater- oder Regie-Richtung zu gehen. Mich fasziniert es, wie man den Abstand zwischen Bühne und Publikum auflöst, aber auch, wie man ihn benutzt, um ein Erlebnis herzustellen. Dieses Moment, in dem man merkt: jetzt gibt es Magie im Raum. Eigentlich machen nur ein paar Leute Schwingungen, aber man spürt: Es knistert!“

Diese Magie wird er am 23. November mit den 12 Frankfurter Cellisten und ihrem Publikum teilen können, wenn das Ensemble im Familienkonzert den Mozart Saal nach Hummeln klingen lässt.

Johannes Moser und die 12 Frankfurter Cellisten

Konzert am 23.11.2014, 16.00 Uhr
Alte Oper Frankfurt, Mozart Saal
Informationen und Karten unter:
www.museumskonzerte.de
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