In Russland mit Mariss Jansons

(Mariss Jansons. Foto: Bob Coat)

Als der 70-Jährige Dirigent crescendo einlud, ihn zum Abschluss seiner Konzertreise mit dem BR-Symphonieorchester in seine Heimat St. Petersburg zu begleiten, sagten wir natürlich zu.   

Sankt Petersburg, Philharmonie, 18.50 Uhr, zehn Minuten vor dem Konzert. Jemand hat vergessen, die Tür des Dirigentenzimmers zu schließen. Ein Blick von hoher Exklusivität, denn man darf sie selten sehen, die Konzentrationsphase eines großen Dirigenten vor seinem Auftritt. Mariss Jansons, 70 Jahre, geboren in Riga, aufgewachsen in St. Petersburg, wandert in diesen letzten Minuten vor dem Konzert sein Zimmer ab, als müsste er es vermessen. Drei Meter nach links, drei Meter nach rechts. Dann wieder nach links, dann wieder zurück. 15 Minuten immer der gleiche Weg, der gleiche Gang, der gleiche Blick. Seine Augen fixieren den Boden, die rechte Hand hält den Dirigierstab, als wolle er jemanden damit lynchen. Und die Unterlippe liegt vor lauter Anspannung über der Oberlippe, ein oft zu sehendes Merkmal bei Jansons. Draußen, nur sechs Meter entfernt, füllen sich die Plätze der St. Petersburger Philharmonie, einem Konzerthaus der alten Schule: Säulen wie im griechischen Tempel, der knarzende Boden mit dickem Teppich verlegt, einzelne Stühle im Parkett und ein Balkon, von dem die Hälfte der Gäste nicht viel sehen wird. In wenigen Augenblicken beginnt das Konzert, die letzte Station der Konzertreise des BR-Symphonieorchesters, das Jansons seit dem Jahr 2003 leitet. Luzern, Amsterdam, Brüssel, Moskau, St. Petersburg. Alle zwei Tage eine andere Stadt.

Anders als sein Orchester war der Dirigent zusammen mit Ehefrau Irina mit dem Nachtzug von Moskau angereist. Er werde zwar nicht schlafen, hatte er bereits zuvor wissen lassen, aber das Fliegen und Warten in grauen Abfertigungshallen bereite ihm mehr Stress als die gemütliche Eisenbahn, die er schon seit seiner Jugend kennt. Jansons ist zwar Lette, war im Alter von 13 Jahren aber von Riga nach St. Petersburg gezogen, als sein Vater, der Dirigent Arvĩds Jansons, Assistent des großen Jewgeni Mrawinski geworden war.

Im offenen Dirigentenzimmer noch immer das gleiche Bild: Mariss Jansons bleibt in seiner Wanderpose. Selbst Fotos, die man nun von ihm schießt, und ein umstürzender Fernseher vor dem Zimmer können ihn nicht aus seiner Konzentration lösen. Ob er in St. Petersburg, wo er noch immer seinen Hauptwohnsitz hat, besonders aufgeregt sei, wollte man tagsüber wissen, und Jansons hatte nur kurz gelächelt und gerne zugegeben, dass das wohl so sein wird und er sich dagegen auch nicht wehren könne. Sein Ziel war und ist, das perfekte Konzert zu geben, vor allem unter den Augen und Ohren vieler ihm bekannter Gesichter. „Wenn ich in St. Petersburg bin, muss ich den Leuten doch zeigen, dass es stimmt, was sie immer über mich lesen.“ Vor allem im Jahr seines Jubiläums: Jansons wurde im Januar 70 Jahre alt. Eine große Feier gab es nicht, aber Glückwunscharien, so wie für einen großen Politiker. Die gesamte Klassikszene gratulierte, aber auch gesellschaftliche Riesen wie die niederländische Königin Beatrix – zu dieser Zeit noch in Amt und Würden. Jansons leitet schließlich neben dem BR-Symphonieorchester auch das Königliche Concertgebouw-Orchester in Amsterdam.

Als ein Assistent den Maestro um 19.05 Uhr aus seiner Kammer holt und auf die Bühne geleitet, entspringt er seinem Konzen-trationskokon und schreitet schnellen Fußes in die Arena. Sein Credo ist der perfekte Ablauf. Man könnte ihm in dieser Situation ein Bein stellen, er würde es nicht merken. Wenn Jansons auf die Bühne will, hält ihn nichts und niemand mehr davon ab.
Jansons ist keiner, der halbe Sachen macht.

Schon in seiner Kindheit in Lettland geht er diszipliniert an das Lernen von Instrumenten. Mit sechs Jahren gehört er unter den Geigern zu den besten seines Alters. Mit neun entpuppt sich der Junior als guter Fußballer, der Trainer in Riga hält ihn für so talentiert, dass er die Eltern zuhause aufsucht und sie bittet, den kleinen Mariss auf ein Sportinternat zu schicken. Jansons sagt dazu, seine musikalischen Eltern – Mutter Iraida ist Opernsängerin – seien von dieser Idee eher „entsetzt“ gewesen. Sie gehörten zur intellektuellen Bildungsschicht, zum Dinner kamen Poeten und Schriftsteller – Fußballer spielten in einer anderen Liga. Er verbringt die Nachmittage und Wochenenden fortan im Opernhaus und nimmt die klassische Musik als Hintergrundgeräusch wahr. Auf dem Nachhauseweg summt er Schostakowitsch, in seiner Freizeit baut er sich eine Phantasiephilharmonie aus Nadeln und Knöpfen.

Als Mariss Jansons im Jahr 1956 zusammen mit seiner Mutter nach St. Petersburg zieht, bekommt er von den Eltern als wichtigstes „Geschenk“ eine Privatlehrerin, die ihm nicht nur die russische Sprache beibringt, sondern ihn auch in dieser Sprache unterrichtet. Er lernt Violine, Klavier und Dirigieren am bekannten Leningrader Konservatorium und findet trotz Reiseverbot im Jahr 1969 einen Weg, seine Ausblildung bei Hans Swarowsky und Herbert von Karajan im fernen Wien fortzusetzen (die Russen boten den Österreichern einen Tausch an – Ballerinen gegen Dirigenten). 1979 macht ihn das Oslo Philharmonic Orchestra im Alter von nur 36 Jahren zum Chefdirigenten. Jansons war auf dem internationalen Parkett angekommen.

Zurück in den Konzertsaal, St. Petersburg: Jansons dirigiert als erstes Stück Beethovens berühmte 5. Sinfonie. Sie gleitet gefühlvoll wie ein ruhiger Fluss in die hintersten Winkel des Saales. Mitglieder des BR-Symphonieorchesters sagen, Jansons Dirigat habe etwas Magisches, aber sie könnten auch jetzt – nach zehn Jahren – nicht genau sagen, warum. Nach der Pause: Berlioz’ „Symphonie fantastique – Episode de la vie d’un artiste op. 14“ und als Zugaben Haydns Serenade und Schostakowitsch: Entr’acte aus „Lady Macbeth von Mzensk“. Einige weibliche Konzertgäste bekommen bei Berlioz feuchte Augen – vor allem die Damen auf den günstigen Plätzen. Es sind die Stühle, von denen man keinen Blick auf das Orchester und den Dirigenten hat. Sie sind stolz und wehmütig zugleich: Warum kann Jansons, ein Mann, der hier aufgewachsen ist, nicht öfters in St. Petersburg dirigieren?

Als das Konzert vorbei ist, klatschen die Menschen minutenlang, die große „standing ovations“-Arie aber bleibt aus. Das Publikum in St. Petersburg ist verhaltener, es wirkt wie ein Nachbar, der in den vergangenen 20 Jahren eine harte Zeit durchlebte und erst wieder neues Selbstvertrauen tanken muss.

Jansons zieht sich schnell in sein Privatzimmer zurück und gewährt ein paar Bekannten die übliche After-Show-Audienz. Viele wollen Erinnerungsfotos, prominente Lokalpolitiker suchen seine Nähe und drängen sich in den Vordergrund. Es wird jetzt erstmals hektisch, und ein paar Assistenten sind bemüht, den Dirigenten vor dem Trubel zu schützen. Klar, auch Mariss Jansons mag das Lob und die Anerkennung nach dem Konzert, die große Show aber liebt er nicht. Er lässt sich nicht in einem Maybach zum Konzertsaal fahren, sondern in einer unauffälligen E-Klasse. Als sein Vater – privilegiert durch seine Prominenz als Dirigent – als einer der ersten in St. Petersburg ein Auto fährt, lässt er sich ein paar hundert Meter vor der Schule absetzen, damit ihn niemand sieht.
Er ist keiner, der sich in den Vordergrund drängt.

Etwas anders sieht es mit dem Eigengebrauch eines Autos aus. „Ich liebe schnelle Autos“, erzählt Jansons gerne. „Vor allem aus Deutschland!“ Ob dies ein Grund sei, warum er ein Engagement in Deutschland hat, möchte man natürlich wissen. Bei solchen Fragen taut Jansons aber richtig auf und kontert, dass man in Russland schon auch schnell fahren könne – man müsse halt bezahlen, wenn man erwischt wird. Danach grinst er wie ein Lausbub.

Sein Verhältnis zu Russland aber ist nicht frei von Kratzern: Als sein Vater Arvĩd 1984 auf Auslandstournee in Manchester nach einem Herzinfarkt stirbt, transportiert Jansons Junior die Asche auf dem Landweg zurück nach Russland. Bei der Einreise durchsuchen die Grenzer die Urne auf verbotene Substanzen und wühlen in der Asche seines Vaters herum. Menschen, die ihn lange begleiten, erzählen, eine solche Aktion hinterlasse tiefe Spuren bei Jansons, und sie sei nicht unbedingt vorteilhaft gewesen für die Beziehung mit Russland. Auch die Ein- und Ausreisebedingungen, die der damals junge Dirigent bis zum Fall der Sowjetunion berücksichtigen musste, hatten seine Arbeit und vor allem seine Ausbildung speziell in Wien bei Swarowsky und Karajan lange behindert. Wenn er darüber spricht, tut er dies jedoch immer mit positivem Unterton: Ja, es sei schwierig gewesen, aber man sei eben auch kreativ geworden, in Sachen Ausreisegenehmigung.
Er ist keiner, der sich beklagt.

Nach dem Konzert lädt Jansons das Orchester in eine Residenz, die wohl nur wenige Bürger der Stadt für ein Fest mieten dürfen. Im schlossähnlichen Anwesen möchte er sich für die Tournee bedanken. Es gibt russisches Buffett, ein Jugendfreund von Jansons ist mit seiner Jazz-Combo angereist und spielt auf einer Elektro-Geige. Jansons nimmt sich das Mikrofon, er ist jetzt das erste Mal frei von Anspannung, die Gesichtszüge haben sich gelockert. Er sagt die üblichen Dankesfloskeln und animiert zum Trinken des Wodkas, der großzügig auf den Tischen verteilt steht. Für die Musiker ist dieser Moment ein sehr seltener. Obwohl Jansons seit zehn Jahren das BR-Orchester leitet, haben sie ihn selten persönlich kennenlernen dürfen. Wenn der Maestro zur Probe erscheint und die Musiker im Gang trifft, grüßt er weder den Geiger noch den Trompeter. Hier das Orchester, da der Dirigent. Er gehört da zur Alten Schule. Die meisten haben kein Problem damit, sind aber positiv überrascht, wenn sie einen Jungstar wie Daniel Harding oder Andriss Nelsons zu Gast haben, der im Anschluss die Frage stellt, wo man denn noch gemeinsam ein Bierchen trinken könne.
Jansons ist nicht der Typ „Gemeinsames Bierchen“.

Spätestens seit seinem zweiten Herzinfarkt muss er ohnehin auf seine Gesundheit achten. Umso erstaunlicher, dass er an diesem Abend bis zwei Uhr morgens auf der Feier bleibt. Ein Musiker sagt: „Immerhin haben wir keine Angst: Seine Frau Irina ist ja  Ärztin.“

Halt: Was er denn noch für Träume in naher Zukunft habe, möchte man natürlich noch wissen, und Jansons sagt, er habe in seinem Leben wohl zu wenig Oper gemacht, was ihm nun etwas fehle und was er sehr gerne nachholen würde. Ein Opernorchester dirigieren, ja, das wolle er. Und: mehr mit dem Nachwuchs arbeiten, ein Orchester mit jungen Musikern leiten, sie aufbauen und an ihnen feilen. Wenn man bedenkt, dass er der Hälfte seines eigenen Orchesters noch nicht mal die Hand geschüttelt hat, ist das zwar ein provokativer Wunsch, aber wer Jansons kennt, weiß: Er wird es machen. Jetzt bekommt er erst einmal den Ernst von Siemens Musikpreis – die wahrscheinlich höchste Auszeichnung für einen Dirigenten. Er sagt: „Ich freue mich darüber“, und man erkennt: Ein neuer Konzertsaal in München wäre diesem Dirigenten am Ende wichtiger. 

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *