Inga Fiolia: „Mich begeistert das Wort, das Klang wird“

(Inga Fiolia, Foto: Thomas Ernst)

Die junge georgische Pianistin Inga Fiolia verbindet die geplante Klugheit mit der spontanen Interpretation. Die Musikerin, die in Tiflis und Moskau aufgewachsen ist, lebt seit zehn Jahren in Köln. Auf ihrem ersten Solo-Album widmet sie sich der Musik von Mikhail Glinka.

crescendo: Frau Fiolia, erinnern Sie sich noch daran, als Sie das erste Mal die Tasten eines Klaviers berührt haben?
Inga Fiolia: Seit ich denken kann, gehört das Instrument zu meinem Leben. Das Klavier war für mich immer etwas ganz Selbstverständliches. Ich kann mich daran erinnern, dass ein Musiker zu uns in den Kindergarten kam, um etwas vorzuspielen. Das war in Georgien, ich muss ungefähr drei Jahre alt gewesen sein und war völlig fasziniert davon, wie er mit Tönen Geschichten erzählen konnte. Mir war klar: Das will ich auch! Also habe ich erst einmal improvisiert. Ich wollte meinen kindlichen Gefühlen wahrscheinlich mit Klängen Ausdruck verleihen und habe wild herumfantasiert. Danach habe ich dann Klavierunterricht von meiner Großmutter bekommen.

Am Anfang stand also die Improvisation; welche Rolle spielt sie heute noch für Sie?
IF: Die Liebe zur Improvisation ist immer geblieben. Und ich glaube, diese Leidenschaft macht einen Musiker aus. Meine Lehrer haben diese Tugend auch stets gefördert. Ich habe in Moskau bei Prof. Alexey Nasedkin studiert, der der Neuhaus-Schule angehört. Da steht nicht die technische Perfektion im Vordergrund – sie wird vorausgesetzt. Viel wesentlicher ist der musikalische Ausdruck. Mit 16 Jahren kam ich dann nach Köln, um bei Vassily Lobanov zu studieren, der mit Swjatoslaw Richter gespielt hat, einem meiner großen Vorbilder. Lobanov ist auch Komponist und ein bewundernswerter Musiker, der mich sehr inspiriert hat. Letztlich geht es in der Improvisation und in der Interpretation immer darum, eine künstlerische Botschaft zu haben und etwas mit der Musik zu vermitteln. Wir dürfen nicht vergessen: Musik entsteht immer im Moment, in ihr verschmelzen das Geplante und das Intuitive. Alles andere langweilt mich, vor allen Dingen, wenn es nur um die Technik geht. Musiker sind schließlich keine Roboter.

Mit welchen Überlegungen nehmen Sie ein Soloprogramm in Angriff?
IF: Meistens überlege ich einfach, worauf ich Lust habe. Ich spiele so vieles gerne und will mich auch gar nicht auf ein bestimmtes Repertoire festlegen. Deshalb versuche ich in meinen Programmen, die Stile zu mischen, und spreche auch gern mit dem Publikum, um ihm etwas zu den Werken zu erzählen. Mich begeistert die Musik, die gerade vor mir steht: Bach genauso gerne wie Beethoven oder Chopin. Aber auch Werke von georgischen Komponisten wie Zinzadse, Gabunia, Kantscheli, Maschawariani oder Lagidze. Ich liebe es, neue Sachen zu entdecken. Eigentlich wollte ich damals an der Musikhochschule auch gerne noch eine Aufnahmeprüfung für Jazz-Klavier machen, schließlich ist mein Vater auch Jazz-Musiker. Dazu ist es aber leider nie gekommen.

Sie haben auch ein Faible für Liedbegleitung. Was macht für Sie den Reiz aus?
IF: Ich liebe Worte. Mittlerweile spreche ich sechs Sprachen. Georgisch ist meine Muttersprache, aber in Moskau bin ich zur Schule gegangen, deshalb ist mir Russisch ebenfalls vertraut. Ansonsten spreche ich Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Aber die Sprache, in der ich mich am liebsten ausdrücke, ist die Musik. In der Liedbegleitung verbinden sich letztlich die Sprache der Worte und die Sprache des Klangs zu einer oft doppeldeutigen Sprache. Da geht es dann um Klangfarben, darum, das gesungene Wort zu illustrieren oder in der Musik das Gegenteil dessen zu behaupten, was der Sänger singt – oder seine Innenwelten darzustellen.

Nun erscheint Ihr erstes Album mit Musik von Mikhail Glinka. Warum haben Sie sich ausgerechnet für ihn entschieden?
IF: Ich liebe russische Musik und habe mal im Glinka-Museum in Moskau gespielt. Außerdem waren mir seine Opern bekannt. Als ich
mir irgendwann eine Aufnahme von seinen Klavier-Variationen anhören wollte, musste ich feststellen, dass es da nichts gab. Also habe ich beschlossen, sie einfach selber aufzunehmen. Es ist schon besonders aufregend, wenn es keine Aufnahmen von einem Werk gibt. Oft orientiert man sich ja unbewusst an dem, was existiert. Ich konnte nun etwas ganz Eigenes schaffen, Neuland betreten. Für mich war es spannend, in den Klavier-Variationen zu sehen, woher Glinka musikalisch kommt und was ihn beeinflusst hat. In dieser Musik sind viele Inspirationen versteckt, auch aus seinen Opern oder aus der Volksmusik. Glinkas Ton-Kosmos ist äußerst abwechslungsreich, und das fordert mich heraus und begeistert mich. Wenn ich einmal anfange, diese Musik zu spielen, kann ich nicht mehr aufhören, sie ist wie ein Rausch.

Termine:
11.02.2017: Köln, Steinway Haus
14.02.2017: Düsseldorf, Steinway Haus
17.02.2017: München, Steinway Haus
01.03.2017: Frankfurt, Steinway Haus
07.03.2017: Daun, Forum
08.04.2017: Herzberg Brandenburg, Schloss Grochwitz
12.05.2017: Zittau, Euroregionales Kulturzentrum St. Johannis

Glinka: Complete Piano Works Vol.1
Inga Fiolia
(Grand Piano)
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Kommentare

  1. Dr.Unterkofler
    11. März 2017 at 15:35

    Inga Fiolia spielt bei uns auf Schloss Grochwitz, aber nicht am 4.4.2017, sondern am 8.4.2017

    Bitte korrigieren.

    Herzlichen Dank

    • Maria Goeth (Redaktion crescendo)
      13. März 2017 at 14:14

      Lieber Herr Dr. Unterkofler,

      vielen Dank für den Hinweis. Wir werden das Datum gleich korrigieren.

      Viele Grüße,

      Ihre crescendo-Redaktion

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