Musik ist Seelennahrung

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Der Bariton Dmitri Hvorostovsky sprach mit Hannah Glaser über seine sibirische Heimat, seinen schärfsten Kritiker und sein Frankfurter Recital-Konzert am 6. Oktober.

crescendo: Herr Hvorostovsky, Sie sind in Sibirien aufgewachsen, in Krasnojarsk, mehr als 4000 Kilometer östlich von Moskau. Wie soll man sich eine Kindheit in Sibirien vorstellen?
Dmitri Hvorostovsky: Jedenfalls nicht finster und kalt wie die meisten Leute denken. Die Sommer in Sibirien sind heiß, die Winter sehr kalt und sehr schön. Und ich bin keineswegs mit dem Hundeschlitten in die Schule gefahren, sondern völlig unromantisch mit dem Bus.
Oder zu Fuß gegangen an der Hand meiner Großmutter. Krasnojarsk ist ungefähr so groß wie Frankfurt. Ich war ein Stadtkind und ein wilder Junge, ich habe alles gemacht, was Kinder eben machen.

…und außerdem Klavier gespielt.
Ja,  klassische Musik hat immer zu meinem Leben gehört. Mein Vater spielte in seiner Freizeit  Piano und hatte eine sehr schöne Singstimme. Im Wohnzimmer gab es einen Schrank voller Schallplatten, ich wuchs mit Schaljapin, Caruso und Mario Lanza auf. Von meinem siebten Lebensjahr an ging ich neben der normalen Schule in die Musikschule. Damals habe ich mich zeitweise dafür geschämt dass ich Musiker werden wollte, weil das nicht besonders cool war. Aber meine Eltern haben mich immer bestärkt, wenn es sein mußte auch mit Druck.

Und Ihre Großmutter?
Sie hat mich sehr verwöhnt. Ich war das einzige Kind, sonst gab es nur Cousins, also habe ich alle Liebe bekommen. Zum Glück hat sie meinen Erfolg noch erlebt. Sie starb im Jahr 2000. Aber im Herzen ist sie immer bei mir.

Ihre Karriere im Westen begann 1989 mit dem BBC-Wettbewerb Cardiff Singer of the World, wo Sie den 1. Platz machten
…ohne ein Wort Englisch zu können. Meine ersten Zeitungskritiken habe ich mir nachts im Hotelzimmer mit dem Wörterbuch zusammengereimt. Doch das hat sich schnell geändert. Wenn man verzweifelt genug ist und keine andere Chance hat, lernt man eine fremde Sprache quasi über Nacht.  Hätte meine Karriere in Japan begonnen, hätte ich in kurzer Zeit japanisch gesprochen.

Heute leben Sie mit Ihrer zweiten Frau und den beiden Kindern in London.
London ist die coolste Stadt der Welt, das geografische Zentrum, das Herz des kulturellen Lebens, egal ob Pop oder Klassik. Außerdem lebt es sich in London sehr bequem. Es gibt dort ja nicht nur die neue englische Küche (lacht), sondern die Küchen der ganzen Welt. Für mein berufliches Nomadenleben sind die Verkehrsanbindungen optimal. Und natürlich ist London eine spannende Stadt und immer in Bewegung.

Den Kontakt zu Ihrer russischen Heimat haben Sie nie abgebrochen. Sie gehen jedes Jahr auf Konzert-Tournee durch ein Dutzend großer Städte wie Kasan oder Ufa.
Das ist jedesmal ein Erlebnis. Nirgendwo sonst singe ich vor so vielen Zuhörern, oft openair, manchmal sind es hunderttausend. Und nirgendwo sonst haben die Menschen so ein intensives Verhältnis zur Musik. Als sich die Lebensbedingungen in Rußland durch den Umbruch in den 90er Jahren veränderten, haben die Russen ihr Heil in der Musik gesucht. Viele haben ihr allerletztes Geld – ich übertreibe nicht – ihr allerletztes Geld für ein Konzert ausgegeben. Musik ist  Seelennahrung, das ist Teil des russischen Erbes und kein Klischee. Das spirituelle Leben hat einen sehr hohen Stellenwert. Nirgendwo wird man als Künstler so belohnt und beschenkt wenn man seine Seele öffnet und seine Gefühle preisgibt, wie in Russland. Viele machen diese Erfahrung, ich bin nicht der einzige.

Fühlen Sie sich in London im Exil?
Überhaupt nicht. Ich denke russisch und ich träume russisch, aber ich bin überall zuhause wo ich gerade lebe.

Am Jahrestag des Kriegsendes singen Sie auf dem Roten Platz in Moskau russische Lieder aus dem Zweiten Weltkrieg. In der russischen Kriegs-Dokumentation „Blood upon Snow“ singen Sie den Soundtrack „Tears“. Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?
Als Künstler ist Deutschland für mich eine große Kulturnation mit Poeten und Komponisten, deren Werke mir ans Herz gewachsen sind. Davon abgesehen hat sich Deutschland immer zu seiner historischen Schuld bekannt, angefangen beim Kniefall Willy Brandts in Warschau bis heute. Und Menschen, die einen Sinn und ein offenes Herz für Kultur und für klassische Musik entwickelt haben, können nicht wirklich schlecht und böse sein…

…dafür gibt es Gegenbeispiele, auch in der gegenwärtigen Weltpolitik.
Lassen Sie mir meine Illusionen (lacht). Das sind doch am Ende alles Parteisoldaten wie wir in Russland sagen. Da geht es doch immer um nationale Interessen und um viel Geld,  nicht um das, was wirklich zählt.

Bei den Konzerten in Frankfurt und München treten Sie zum erstenmal mit Ihrem Landsmann, dem russischen Pianisten Jewgenij Kissin auf. Kennen Sie sich auch privat?
Ich habe seine Karriere von Anfang an mitverfolgt, als er noch sehr jung war. Wenn wir uns zufällig bei Veranstaltungen getroffen haben, haben wir meistens über Musik geredet. Aber erst jetzt, als klar war, dass wir gemeinsam auftreten, haben wir Email-Adressen ausgetauscht. Ende September beginnen in London die Proben für unsere Konzertreihe.

Die Kritiker sind begeistert von ihrer charismatischen Bühnenpräsenz, von ihrer samtigen, voluminösen Stimme, ihrer musikalischen Intelligenz…
…mein schärfster Kritiker bin ich selbst, denn ich höre mich mit meinen Ohren und ich kenne meine Ansprüche. Oft gefällt mir nicht was ich höre. Ich empfinde meine Stimme als großes Geschenk und ich habe eine Verantwortung dafür. Das ist mir vor langer Zeit klar geworden. Ich strebe danach, das bestmögliche aus diesem Geschenk zu machen.

Was werden Sie in Frankfurt singen?
Auf dem Programm stehen romantische Lieder von Tschaikowsky, Medtner und Rachmaninoff. Nikolai Karlowitsch Medtner, ein russischer Komponist mit deutschen Vorfahren, der 1880 in Moskau geboren wurde und 1951 in London starb, ist beim Publikum im Westen nicht wirklich bekannt. Seine Musik hat eine überraschend moderne Ästhetik und gleichzeitig eine große emotionale Tiefe.

Im Mai 2009 geben Sie gemeinsam mit Anna Netrebko ein Konzert in Braunschweig. Spätestens dann werden Sie dem Medien-Hype nicht mehr entkommen.
Das sind die Schattenseiten des Geschäfts. Aber wir sind schon öfter gemeinsam aufgetreten, zuletzt in der New Yorker Carnegy Hall. Es gibt für mich immer irgendwo noch einen zweiten Ausgang (lacht), und Anna Netrebko hat mit dem Medienrummel kein Problem. Sie kann damit umgehen und sie hat ihn verdient.

Wenn Sie ihre Haare länger tragen, sehen sie aus wie flüssiges Silber. Gibt es dafür ein Geheimrezept?
Das ist ein Erbteil von meiner Mutter, auch sie hatte schon in jungen Jahren weiße Haare. Anfangs habe ich versucht, meine Haare zu färben, aber als es einmal gründlich daneben ging und ich in Panik mit lila Haaren in die nächste Klinik fuhr, habe ich damit aufgehört. Nein, da gibt es kein Rezept, ich habe einfach nur Glück.

Dmitri Hvorostovsky

Dmitri Hvorostovsky, Bariton, wurde am 16. Oktober 1962 in  Krasnojarsk geboren, begann mit sieben Jahren eine Ausbildung am Piano und mit 16 Jahren sein Gesangstudium. Seit er 1989 den renommierten BBC-Gesangswettbewerb „Cardiff Singer of the World“ gewann, gilt der attraktive Sänger als Jahrhundert-Stimme und tritt an allen großen Opernhäusern der Welt auf. Derzeit singt er in den USA an der San Francisco Opera die Titelrolle in der Verdi-Oper Simon Boccanegra. Hvorostovsky lebt mit seiner zweiten Frau und den Kindern Maxim (4) und Nina (1) in London. Am 6. Oktober gibt er ein Solo-Konzert in der Alten Oper in Frankfurt, am Klavier begleitet ihn ein Star unter den Pianisten, sein russischer Landsmann Jewgenij Kissin. www.hvorostovsky.comwww.deag.de, www.alte-oper.de

   

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Kommentare

  1. margot heinevetter
    6. Oktober 2008 at 01:43

    Hallo Margot,
    kennst Du diese Zeitschrift? Sie ist sehr empfehlenswert.
    Für mch interessant: das neueste Interview mit
    DMITRI HVOROSTOVSKY.
    Liebe Grüsse
    Irma

  2. Martina
    7. Oktober 2008 at 17:33

    Vielen Dank für dieses Interview! Ich habe Hvorostovsky erst vor kurzem für mich entdeckt, mit Ausschnitten aus einer der schönsten Rollen für jeden Bariton: Posa aus “Don Carlo”. Bin jetzt sehr neugierig auf mehr. Was den kosmetischen Aspekt betrifft: in der Tat sehr schön. Ein solches “Melatenblond” erträume ich mir für später auch :-)

  3. C Schütz
    8. Oktober 2008 at 21:36

    Was ein tolles Interview! Ich war mit einer Freundin in seinem Konzert und bin restlos begeistert. Habe dann in den Tageszeitungen geschaut, ob es mehr gab als die Rezension des Konzertes selbst, und die gleiche Freundin schickte mir diesen Hinweis! Wie gut! Und wie schade, daß es für diesen Russen
    nicht so einen Markt gibt wie für seine Landsfrau Netrebko. Mag ja wohl auch an seiner zurückhaltenden Art liegen, er ist ja nun gar nicht der Typ, der seine hübsches Gesicht in jede Kamera hält. Oder liegt die Zurückhaltung der Medien und auch des Publikums daran, daß es ausschließlich russische Musik war? Einen einzigen Verdi hat er uns gegegeben als Zugabe, und auch das war der böse Jago, nicht der tändelnde Herzog.

  4. Nadia Tschernookoff
    9. Oktober 2008 at 11:08

    Danke für dieses Interview! Ich habe es erst heute entdeckt, nachedem ich im Konzert in der Alten Oper war und jetzt alles zu diesen beidne Ausnahme-Künstlern suche. In der FAZ am Sonntag gab es einen Artikel zu Kissin, jetzt glücklicherweise hier das Interview mit Dmitrij Hvorostovsky, was noch informativer ist. Sehr gesprächig kommen einem beide nicht vor, aber von Hvorostovsky kommt ja hier richtig was rüber!

  5. Jana Larissa Engel
    11. Oktober 2008 at 11:25

    Auch ich sage danke für dieses aufschlußreiche Interview! Hvorostovsky ist ein Künstler, der es uns normalerweise nicht leicht macht etwas von ihm zu erfahren, er ist nicht so mitteilsam. Sein Konzert zusammen mit seinem Landsmann Kissin war einsame Spitze, und ich war enttäuscht, dass der Saal nicht aus den Nähten platzte wie bei Bartoli. Zwei Weltklasse-Musiker gastieren in Frankfurt, einer aufregender als der andere, und der Saal ist nur dreiviertelvoll. Aber die Rezeption in den Medien ist ja auch nicht berauschend, heute ein kleiner Artikel in der FAZ, der ziemlich lieblos hingeworfen wirkt. Ob das was damit zu tun hat, dass die Russen als ernst und schwermütig verschrien sind? Dann ist natürlich klar, dass so ein humorvolles, ständig gutgelauntes und swingendes Volk wie die Deutschen damit nicht so viel anfangen kann…

  6. Anja Bitzenhofer M.A.
    15. Oktober 2008 at 19:32

    Das Konzert war absolut großartig !
    Ich danke den herausragenden Künstlern für einen unvergessenen Abend !
    Zu den Zeitungskritiken:
    Stefan George hat einst gegenüber Hugo von Hofmannsthal betont:
    “Was ihm widerfährt, hat mehr als persönliche Bedeutung !”

  7. Karin
    30. Juli 2014 at 00:57

    Ich bin eine norddeutsche Krabbe mit einer russischen Seele.
    März 2014 Solokonzert in der Wiener Staatsoper – Tschaikovsky -Rachmaninov und Medtner. – Worte können hier nicht das aussagen, was sich in mir abspielte, als ich Dmitri Chvorostovsky hörte und sehen durfte.
    Seine sensible Sitimmlage ist unbeschreiblich, sie ist zum Malen schön, und das ist noch untertrieben.Bezaubernd und gefährlich – in positiver Hinsicht – sein sparsamer Charme.
    Dass er in seiner russischen Heimat die größte Anhängerschaft hat ist unbestritten, der westliche Mensch ist zu rational veranlagt. der Konsum und der Überfluss haben bei den meisten Menschen die Seele verkümmern lassen.
    Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt – ein slavisches Erbe – in der Musik einmalig – im Leben gefährlich.
    Eine Stimme, der man verfallen ist.

    • Mulzer-Staffa Ingeborg
      25. März 2016 at 18:42

      Ihre Beschreibung spricht mir so sehr aus der Seele.
      Ich bin am 09.04.2016 in Wien beim Konzert -Verdi- mit Dmitri Hvorostovsky. Ich freu mich irrsinnig darauf. Ich werde dann schreiben, wie es mir gefallen hat – ich könnte wohl heute schon sagen- wie sehr es mir gefallen hat. .

  8. Ingeborg Mulzer-Staffa
    27. Juli 2015 at 18:43

    Ach wie wertvoll sind so Menschen wie ein Dmitri Hvorostovsky. Von so feiner Art, mit so tiefer Seele. Die Stimme tröstet und erfreut. Ich kann der Dame nur rechtgeben:
    Eine Stimme nach der man süchtig wird.
    Ich habe einmal von 11.00h mittag bis 23.00h nur Hvorostovsky bei youtoube angehört. Ich konnte nicht aufhören. So eine Zärtllichkeit und doch so viel Kraft in der Stimme.
    Kein vordergründiger Mensch. Jemand der sich nicht anpreist, den man entdecken muss.
    Aber, ich bin mir sicher: Wer ihn entdeckt wird bei seinen Darbietungen so viel Glück empfinden,
    auch durch seine so verhalten charmante Art, dass er einen Dmitri Hvorostovsky nicht mehr vergisst. Wie schon gesagt: Die Wärme seiner Stimme, sein Gemüt umhüllt und macht glücklich.

  9. Ingeborg Mulzer-Staffa
    26. August 2017 at 12:09

    Hab’ Dank, Dmitri Hvorostovsky. Ich war in Grafenegg in der Sommernachtsgala. Es war so schön, diese Stimme in der Umgebung. Und doch tat es auch weh. Ich wünsche so sehr von Herzen ALLES, ALLES GUTE,
    Dmitri Hvorostovsky, Du verbreitest so viel Glück in wunderbaren Stunden und so viel Trost, wenn Trauriges bewältigt werden muss. Das Besondere der so samtenen Stimme, die Intensität beim Vortragen, die herrliche Mimik. Einfach ein Genuß. Eine Glück für die Welt, das man nicht in Worte fassen kann. Oder, wie “die Rett” sagte: Er ist einfach ein Wunder. Spassiba, spassiba.
    Könnte man doch von dem Guten, das man durch Dmitri Hvorostovsky erfahren darf, nur einen Teil zurückgeben, an ihn, seine wunderbare Familie, an Alle die ihm lieb sind. Ich werde mit hoffendem Herz verfolgen, wann Dmitri Hvorostovsky wieder auftritt und es ihm hoffentlich gut oder immer besser geht. Ich wünsche es ihm so sehr.
    Auch Aida Garifullina will ich nicht vergessen. So eine wunderbare Künstlerin. Diese beiden Stimmen zu hören, fabelhaft. WUNDERBARES aus Russland, kann ich nur sagen.

  10. Walther, Gabriele
    6. Oktober 2017 at 23:36

    Es braucht nicht vieler Worte: Dieser Sänger ist einzigartig. Er begleitet mich jeden Abend in die Nacht. Wunderbar!!!

  11. Kohlmann, Ingrid
    22. November 2017 at 16:36

    22.Oktober 2017: Heute in den Mittags-Nachrichten hörte ich im Radio die Meldung, daß Dimitri Hvorostovsky einem schweren Leiden erlegen ist. Noch in diesem Sommer wurde im Fernsehen eine Vorstellung, die er am Neusiedler See/Österreich gegeben hatte, in Deutschland übertragen. Ich erlaube mir an dieser Stelle zu sagen, daß ich bis heute mittag geglaubt hatte, er hätte am Abend vorher “einen über den Durst getrunken”. Diese besagte Meldung im Radio hat mir heute nun leider die tieftraurige Gewißheit gebracht, daß Dimitri Hvorostovsky uns mit seiner hohen Kunst wegen schwerer Krankeit und Tod für immer genommen ist.
    Seiner zurückgebliebenen Familie mein Tiefes Mitempfinden

  12. Kohlmann, Ingeid
    22. November 2017 at 16:46

    Ich habe aber die Meldung vom Ableben des D. Hvorostovsyi, heute, am 22.11.2017, im Mittags-Radio gehört und nicht am 22.10.2017!

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