Ja, man kann Wagners “Ring” noch neu erfinden!

(c) Salzburger Osterfestspiele 2017

Walküren mit Flügelhauben braucht heute kein Mensch mehr. Und die hundertste zwanghaft modernisierte Version von Wagners “Ring” auch nicht. Aber was für eine Re-Kreation macht Sinn?
Bei den Salzburger Osterfestspiele 2017 findet unsere Autorin eine Antwort.

Haben wir in Sachen „Ring des Nibelungen“ schon alles Machbare gesehen? Oder sind wir zu verunsichert, um die Ereignisse der Gegenwart im Gewand von Wagners Tetralogie auf die Bühne stellen zu wollen? Sicher ist: Es gibt meines Erachtens viel zu viele Deutungen des „Rings“, die sich schnell überholen. Wie die immer noch in Bayreuth aktuelle von Frank Castorf, die in der deutsch-deutschen Vergangenheit wühlt und keine erhellenden Neuansätze mehr bringt. Aber es gibt auch zeitlose Deutungen, die in ihrer Gültigkeit Jahrzehnte überdauern können. Wie etwa die „Walküre“ von 1967, mit der Herbst von Karajan seine neu geschaffenen Salzburger Osterfestspiele eröffnete.

Als bekannt wurde, dass die Osterfestspiele 2017 eine Re-Kreation gerade dieses Meilensteins der Aufführungsgeschichte bringen würden, waren die Reaktionen geteilt. Der Griff in die Retro-Kiste als Kapitulation vor einer Neudeutung? Könnte man meinen. Interessanterweise ist gerade das Gegenteil der Fall. Dazu muss allerdings klargestellt werden, dass lediglich das Bühnenbild des legendären Günther Schneider-Siemssen rekonstruiert wurde: Jene bekannte Ring-Ellipse, die im zweiten Aufzug auseinanderbirst und eine Kluft zwischen Wotan und Brünnhilde reißt. Schneider-Siemssens beziehungsreiche, kosmisch bewegte Bilder besitzen für mich noch heute eine zeitlos gültige Aussagekraft fürs Werk und wirken ganz und gar nicht „angestaubt“. Zumal mit heutiger Licht- und Projektionstechnik gearbeitet wird und auch die Regie von Vera Nemirova sowie die Kostüme (Jens Kilian) komplett neu sind. Kein Theatermuseum mit schweren Umhängen, dicker Schminke und bedeutungsvollem Schreiten also, sondern eine durchdachte Personenführung aus heutiger Sicht. Nemirova durchleuchtet die „Ring“-Personen sehr genau und – wie mir scheint – sie liebt sie: Die jugendliche Brünnhilde darf barfuß quer über die Bühne laufen, Wotan treibt es innerlich wie auch auf der Bühne hin und her, Siegmund und Sieglinde finden vorsichtig, aber intensiv zu ihren Gefühlen. Nur Fricka und die Walküren bleiben statuarisch, Sinnbild eines erstarrten Systems. Dass die Personen ein wenig zu häufig frontal dem Publikum zugewandt sind, hat mit der Akustik der überbreiten Salzburger Bühne zu tun.

Kurz gesagt: Wer die Kunstform Oper angesichts einer Re-Kreation wie der aktuellen Salzburger „Walküre“ schon totgesagt bzw. eingemottet hat, übersieht, wie interessant es sein kann, einen 50 Jahre alten Raum mit Gedanken aus unserer heutigen Lebenswelt neu aufzuladen. „Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, woher wir kommen“, sagt Regisseurin Nemirova – und tatsächlich führt dieser optische Rückgriff die meisten der Festspielbesucher (nicht nur diejenigen, die das „Original“ noch gesehen haben) zurück in die höchstpersönliche Wagner-Theatergeschichte. Auch mich, die als kleines Kind mit genau dieser Ästhetik aufgewachsen ist. Sie macht uns deutlich, woher wir kommen und dass vieles vermeintlich Alte noch heute sehr modern wirken kann – aber auch, wie wir uns selbst geändert haben. Wie das Regietheater unsere Sehgewohnheiten und die verschiedensten Aufführungspraktiken unsere Hörgewohnheiten beeinflusst hat. Und dass Altes und Neues eine spannende Reibungsfläche mit vielen Inspirationen ergeben können.

Gut, dass auch Christian Thielemann mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden seinen eigenen Klang gefunden hat und nicht dem Karajanschen Ideal nacheifert. Die Walküre von 2017 klingt vor allem in den Streichern extrem wohltönend, setzt klug Akzente und überwältigt immer wieder emotional. Eine Parallele zwischen 1967 und 2017 fällt zudem auf: nämlich dass man hier beiderseits Idealbesetzungen des Werks gefunden hat. Anja Harteros überwältigt als facettenreiche Sieglinde im Piano wie im „Hehrsten Wunder“-Ausbruch des dritten Aufzugs – ihr zur Seite ist Peter Seiffert immer noch klangschön wie eh und je und strahlt in seinen „Wälse“-Rufen. Fast unterfordert ist der wie immer extrem präsente Georg Zeppenfeld in der Partie des Hunding. Vitalij Kowaljow ist ein Göttervater mit Tiefgang und Ausstrahlung, anfangs zurückhaltend, aber in „Wotans Abschied“ zu Höchstform auflaufend – eher baritonal, sehr weich und lyrisch singend. Und Anja Kampe ist mit vielen, nie zu harten Spitzentönen und jugendlicher Kraft sowieso die derzeitige Top-Besetzung der Partie. Auch Christa Mayer (Fricka) und ausnahmslos alle (und das ist selten!) Walküren-Stimmen sind erste Wahl. Stehende Ovationen bei der Aufführung zum Abschluss der Salzburger Osterfestspiele 2017 für ein rundum gelungenes Experiment, das – so umstritten es in der Kritiker-Riege auch sein mag – für mich das Zeug dazu hat, Operngeschichte zu schreiben!

Barbara Angerer-Winterstetter

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