Jan Willem de Vriend: Der dirigierende Holländer

(Foto: Marcel van den Broek)

Jan Willem de Vriend war lange Spezialist für Alte Musik. Umso erstaunlicher, dass er jetzt mit einer neuen Sinfonischen Beethoven-Interpretation die Kritiker begeistert.    

„Unglaublich schnell, fast wie auf einer Autobahn!“ Jan Willem de Vriend merkt man an, dass ihn die Übertragung eines Haydn-Konzerts, die er am Tag vor unserem Interview zufällig im Radio gehört hat, noch immer beschäftigt. „Wenige Leute machen sich klar, wie das früher war mit dem Tempo. Ein Beispiel: Beethoven hat mit seinem Neffen Karl in einer Kneipe gesessen, und der bittet ihn: ‚Louis’ – er hat sich so gerne Louis genannt, der Beethoven – ‚ich brauche jetzt wirklich die Metronomzahlen für Deine neue Sinfonie.’ Und Beethoven hat etwas gemurmelt, hat sie schnell hingeschrieben, und das war es dann.“

Das war Beethoven. Wer aber ist dieser niederländische Dirigent, der sich traut, so etwas zu erzählen und vielleicht gerade deshalb mit seiner Beethoven-Gesamteinspielung für Furore in der Fachwelt gesorgt hat?

De Vriend, klar, hat diesen typisch niederländischen Akzent, der – aus welchen Gründen auch immer – sympathisch rüberkommt. Er redet zwar schnell, hat aber auch viel zu sagen. Und man wundert sich ein bisschen, dass ein so temperamentvoller Interview-Partner so abgeklärte Beethoven-Aufnahmen vorgelegt hat. Aufnahmen, die zeigen, dass gute historische Aufführungspraxis sich nicht in rasend schnell dirigierten Allegrosätzen erschöpft.

Wenn de Vriend über Musik redet, dann kommt das von Herzen und ist so zugänglich, dass es jeder versteht: „Wir streben heute überall Präzision an. Vielleicht kommt es daher, dass manche Dirigenten die notierten Tempi den ganzen Satz über durchhacken. Zu Beethovens Zeit war man viel flexibler. Der Witz von Haydns ‚Die Uhr’ war übrigens auch nicht, dass da eine Uhr nachgeahmt wird. Haydn wollte zeigen, wie kurios es eigentlich ist, wenn man den ganzen Satz über nur ein Tempo spielt.“

Der, der das sagt, hat eine bemerkenswerte Wandlung hinter sich. Als Experte für historische Aufführungspraxis gründete Jan Willem de Vriend 1982 das Combattimento Consort Amsterdam und war damit ein Pionier der „Originalklang“-Bewegung. 24 Jahre lang widmete er sich fast ausschließlich der Alten Musik, dann kam der Wechsel: Seit 2006 ist er Chefdirigent des Netherlands Symphony Orchestra in Enschede. Seitdem gilt es, das gesamte Repertoire eines großen Sinfonieorchesters auf die Bühne zu bringen – von Händel bis Strawinsky. Und: Wie meistert man so eine Aufgabe? Der Niederländer hat eine entwaffnend einfache Antwort: „Man muss die Musik, die man dirigiert, gar nicht so gut kennen – aber man muss sie immer gut studieren! Das ist meine Erfahrung aus der Alte-Musik-Bewegung.“

So hat er es auch mit der Urfassung von Mahlers erster Sinfonie getan: „Die war nur noch in Mahlers Handschrift in einer einst in Hamburg aufgeführten Version vorhanden“, erzählt de Vriend. Verblüfft stellte er fest, wie sich Mahlers bislang unbekannte Erstfassung von der unterschied, die wir heute kennen. „Das ist doch ganz interessant, dachte ich mir. Ich habe dann Mahler-Spezialisten gefragt. Die meinten: Um Mahlers Entwicklung besser zu verstehen, wäre es wichtig, dass man diese Urfassung wieder aufführt.“ Das Ergebnis kann man heute auch auf CD nachhören.

Inzwischen gilt de Vriend als Spezialist für solche musikalischen Wiederauferstehungen. Im Mai 2012 wurde er vom SWR engagiert. Für die Schwetzinger Festspiele sollte er der Opernrarität „Rosamunde“ des Coburger Mozart-Zeitgenossen Anton Schweitzer zu neuem Leben verhelfen. De Vriend berichtet: „Selbst nach der Generalprobe haben wir noch Sachen ändern müssen. Das war eine unglaubliche Aufgabe. Noch bei der Premiere waren wir Musiker eigentlich in einem Suchprozess. So etwas ist das Tollste, was man als Dirigent machen kann!“ Der Lohn für diesen Mut waren begeisterte Kritiken, die Jan Willem de Vriend in Deutschland viel Aufmerksamkeit eingebracht haben.

In den Niederlanden hingegen gestaltet sich die Sache schwieriger: Neben einem hartnäckigen Finanzierungszwist zwischen Sinfonieorchester und Opernhaus der Stadt Enschede, droht nun auch die Orchesterfusion. „Das kulturelle Klima in den Niederlanden hat unter der letzten Regierung sehr gelitten. Hoffentlich wird es jetzt besser. Doch was kaputt gemacht worden ist“, sagt de Vriend, „das kann man kaum reparieren.“

Der Dirigent erklärt, dass das Schicksal von vier namhaften Ensembles – des Brabants Orkest, des Limburgs Symfonie Orkest, eines Radiosinfonieorchesters sowie der Holland Symfonia – bereits beschlossene Sache sei: Fusion oder Abschaffung!

Ähnliches droht auch in Enschede: „Im Prinzip sind nur noch wir und die Kollegen vom philharmonischen Orchester Arnheim eigenständig. Und nun beginnen die Diskussionen, ob diese beiden Orchester demnächst zusammengelegt werden. Das ist schlimm!“ Wer könnte dem niederländischen Dirigenten diese Sicht der Dinge nicht nachfühlen, wo es doch auch bei uns in Deutschland zu immer mehr Konzentrationseffekten in der Orchesterlandschaft kommt.

Umso erfreulicher, dass de Vriend auf der künstlerischen Seite zuversichtlich in die Zukunft blicken kann. So konnte er für sein Netherlands Symphony Orchestra gerade erst eine Festivaleinladung nach Spanien entgegennehmen. Und für das nächste Großprojekt nach dem Beethoven-Zyklus hat sich de Vriend bezeichnenderweise für eine Gesamtaufnahme der Sinfonien von Felix Mendelssohn Bartholdy entschieden. Warum Mendelssohn? „Das liegt mir wirklich sehr am Herzen. Viele denken: ‚Naja, Mendelssohn, das ist nicht so schwer, das macht man mal eben schnell.’ Gar nicht wahr! Das ist unglaublich gute, reichhaltige Musik!“

Zur Produktion von CD-Aufnahmen im Allgemeinen hat de Vriend übrigens eine interessante Meinung: „Das Wichtigste bei solchen Einspielungen ist, den Spannungsbogen zu bewahren. Das bekommt man nicht hin, wenn man ewig an einer Aufnahme herum montiert und jede Note einzeln korrigiert.“

Sein Credo ist deshalb die „ehrliche“ Produktion mit einem Minimum an Schnittarbeit. Oder wie de Vriend es formuliert: mit „Hunger, Lust, Drive und Interesse am Arbeiten!“

Jan Willem De Vriend: Complete Symphonies
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