Dass Schumann ein Zerrissener war, ist doch klar

Joachim Kaiser mit crescendo-Autor Tobias Haberl im Wohnzimmer seines Hauses Joachim Kaiser mit crescendo-Autor Tobias Haberl im Wohnzimmer seines Hauses

Auf eine CD mit Joachim Kaiser: Deutschlands Kritiker Nr.1 erklärt uns die Welt der Klassik.

Thema diesmal: Robert Schumann und sein 200. Geburtstag.

crescendo: Im Juni feiert Robert Schumann seinen 200. Geburtstag. Berührt Sie das?
Kaiser: Wenn ein unbekannter Komponist vor 300 Jahren gestorben ist, sage ich mir schon: Hm, Jochen, vielleicht hast du dich um den zu wenig gekümmert. Einer wie Schumann aber braucht so ein Jubiläum nicht. Der ist immer präsent. Ein Klavier- oder Liederabend ohne Schumann ist heute ja kaum denkbar.

Wann hat er Sie zum ersten Mal richtig gepackt?
Mein Vater spielte oft seine Violinsonaten. Da war ich fünf oder sechs. „Du Papa, das ist tolle Musik”, sagte ich. Und mein Vater sagte: „Ach, mein Söhnchen, der Schumann schreit immer so. Schubert war viel weniger aufgeregt und hatte genauso viel zu sagen.“ Heute weiß ich, dass er mich nur bremsen wollte.

Bremsen, weil Schumann so gefährlich romantische Musik geschrieben hat?
Naja, seine „Humoreske” zum Beispiel ist ja alles andere als lustig. Chopin hat auch romantische Musik ohne doppelten Boden geschrieben. Aber Sie haben schon recht, Schumann ergreift einen, weil er kein Weltanschauungsmusiker war. Der vertonte nicht eine bestimmte Idee vom Dasein wie Beethoven oder Wagner, der ging direkt auf seine Seelenlage ein. Schumann kann ganz lyrisch sein und im nächsten Moment schon fahl und verdämmernd: „Die Nacht bedecket die Runde,/(…)/ Und mich schauert´s im Herzensgrunde“ heißt es in einem Lied.

Goethe hat geschrieben: „Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke.“ Trotzdem zieht es Sie an?
Natürlich. Die „Trauermarschsonate“ von Chopin oder eben Schumanns „Humoreske“, das ist wunderbare Musik. Trotzdem kommt es immer darauf an, dass das ästhetische Gelingen dem seelischen Zwiespalt angemessen ist.

Sie haben Robert Schumann mal als Ihren Lieblingskomponisten angegeben. Was ist mit Beethoven, Bach, Mozart?
Ich weiß schon, dass die im Grunde größere Komponisten waren, aber diese ungebremste Jünglingshaftigkeit, dieser Schwung bei Schumann, dafür lohnt es sich einfach auf der Welt zu sein. Schumann hat mich übrigens nie als Patient, sondern immer als Produzent interessiert.

Sie spielen auf seine Depressionen und seine bipolare Störung an. Neulich meinte ein Intendant, dass Schumann jetzt, wo die Gesellschaft offen über das Thema Depression spricht, neu entdeckt werden könne …
Naja, wer Musik liebt, der weiß inzwischen, dass die große Musik nicht von Leuten komponiert wird, die unverstörte optimistische Seelen haben. Dass Schumann ein Zerrissener war, ist doch klar, und wer im Jahr 2010 herausfindet: „Donnerwetter, wie interessant, die Menschen haben Depressionen”, der ist ein bisschen spät dran. Im Übrigen hatte er auch manische, glückliche Phasen.

Zum Beispiel?
Im ersten Jahr der Ehe mit Clara schrieb er 140 Lieder. Die Liebe muss ihn unglaublich beflügelt haben.

Kennt der Kritiker Joachim Kaiser dieses Gefühl auch?
Wenn man sich verliebt, macht das Leben einfach mehr Spaß. Da lasse ich fünf auch mal gerade sein und habe weniger Lust, jemanden zu verreißen. Trotzdem glaube ich nicht, dass meine Kritiken anders ausgefallen sind, wenn ich frisch verliebt war.

Was empfehlen Sie einem Schumann-Einsteiger?
Die „Kinderszenen“, die sind übersichtlich, sehr melodisch, wirklich schön. Seine ganze romantische Genialität aber liegt im ersten Satz des Klavierkonzerts aus dem Jahr 1840/41, Dinu Lipatti hat das fabelhaft gespielt. Wem das nicht gefällt, für den ist Schumann verloren, der kann einem aber auch leid tun.

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