Klangminimalist mit Rauschebart: Joep Beving

(Joep Beving; Foto: Rahi Rezvani/DG)

Noch vor zwei Jahren spielte Joep Beving nur vor Freunden und Familienmitgliedern. Dann stellte der niederländische Pianist seine Kompositionen unter dem Titel „Solipsism“ online, und das Album wurde über 60 Millionen Mal gestreamt.

Herr Beving, Sie haben parallel zum Studium der Verwaltungswissenschaft auch ein Jazzpiano-Studium begonnen. Nach nur einem Jahr brachen Sie ab. Was ist passiert?
Joep Beving: Ich hatte mit den zwei Studien nicht genug Zeit zum Üben, außerdem habe ich damals Probleme mit den Händen bekommen, hatte Schmerzen und musste das Studium aufgeben. In gewisser Weise war das eine Befreiung. Mir war schon früh klar, dass mein Weg nicht das fordernde Virtuosentum ist. Ab diesem Moment war der akademische Druck weg, und es ging mir nur noch um die Musik. Das war es, was ich schon immer wollte: einfach nur Musik machen.

Nach dem Studium haben Sie viele Jahre in einer Firma gearbeitet und nur in Ihrer Freizeit in Bands gespielt. Wie kam es zur Entstehung Ihres ersten Soloalbums?
J.B.: Ich hatte damals eine sehr stressige Zeit, und es ging mir nicht gut. Alles war dunkel in meinem Kopf, und ich habe nach einem Ausweg gesucht. Das Klavierspielen war für mich wie Meditation – ein Schlüssel, um ganz im Moment zu sein, die Essenz wiederzufinden in mir. Als dann ein enger Freund von mir ums Leben kam, hat das viel für mich verändert. Ich habe auf einmal keine Angst mehr verspürt, und die Musik kam wie von selbst zu mir. Noch nie zuvor hatte ich so gespielt. Die Stücke flossen einfach aus mir heraus. Das Album „Solipsism“ (2015) war damals ein Experiment für mich – entstanden aus dem Bedürfnis, in mich zu gehen, nachzuspüren, wo wir herkommen und was uns Menschen verbindet. Und als ich meine Musik dann das erste Mal vor Publikum gespielt habe, habe ich gemerkt: Die Menschen finden sich darin wieder, werden von meiner Musik berührt.

Sie haben ein altes Schimmel-Klavier von Ihrer Großmutter geerbt, auf dem Sie beide Alben eingespielt haben. Was hat es mit diesem Instrument auf sich?
J.B.: Das Instrument ist sehr wichtig für mich. Sein Klang ist sehr tief und wie eine weiche Bettdecke, die einen umfängt. Dieser Sound ist so besonders und atmosphärisch, dass er es mir erlaubt, immer minimalistischer zu werden in meinen Kompositionen. Er macht die Seele meiner Musik aus, und ich brauche diese dunkle Farbe sehr in meinem Spiel, den warmen Ton, das Geräusch der Hämmer und des Filzes …

Ihre Musik ist sehr melancholisch und gleichzeitig sehr eingängig. Verfolgen Sie ein bestimmtes ästhetisches Ideal?
J.B.: Für mich ist die Melancholie eine Mischung aus Traurigkeit und Schönheit. Es gibt viele Gründe, traurig zu sein, zum Beispiel darüber, dass wir Menschen nicht so miteinander leben, wie wir es könnten. Das frustriert mich sehr. Aber wir können Trost und Vertrauen finden in der Schönheit. Was wir als „schön“ empfinden, ist schwer zu fassen. Das ist wie das Wunder des Goldenen Schnitts und hat mit einem bestimmten Fluss von Energie zu tun. Wenn ich komponiere, gehe ich ganz über das Gefühl und versuche, ein universelles Level zu erreichen. Mit der Melodie ist es dabei wie mit einem Dialog, sie entwickelt sich beinahe von selbst. Für mich hat das zum Teil auch mit Spiritualität zu tun. Da ist dieser innere Zwang in mir, diese Musik zu schreiben. Sie kommt zu mir, und ich gebe sie weiter. Bei alldem habe ich gelernt zu akzeptieren: Was auch immer an Musik aus mir herauskommt – es ist in Ordnung. Ich hoffe, das bleibt so.

Noch vor zwei Jahren spielten Sie nur für Ihre Freunde. Heute stehen Sie auf internationalen Bühnen. Wie fühlt sich das an?
J.B.: Das ist völlig verrückt, ein Traum, der kaum zu verstehen ist. Das macht natürlich auch Angst. Aber letztlich lebe ich einfach ganz im Moment.

Aktuelle CD:

Joep Beving:
Prehension

(Deutsche Grammophon)
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