John Axelrod: 12 Töne, 12 Trauben

Unser Kolumnist stellt einen vielseitigen Wein vor, der aus 12 verschiedenen Reben
gemacht wird – und empfiehlt dazu, klar: Zwölftonmusik von Schönberg.

Die Goldenen Zwanziger beschwören ein Bild von Dekadenz, Hedonismus, Gatsby und seinen Partys, Vor- und Nachkriegs-Depression, Weimar und Wall Street, von Stummfilmen und natürlich der unwiderstehlichen Josephine Baker! Wie Dickens mal gesagt hat (wenn auch zu einer anderen Ära): „Es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit“. Sicher ist, dass es eine neue Zeit war, eine neue Ära, eine Revolution in der Musik, die den politischen und sozialen Revolutionen in Russland am Ende des 1. Weltkriegs folgte. Es war eine Zeit voller neuer Ideen. 1923 definierte Schönberg die Dodekaphonie. Und die Welt ist seither nicht mehr dieselbe. Schönberg selbst beschrieb das System als die Möglichkeit, „mit 12 Tönen zu komponieren, die miteinander in Beziehung stehen“.

Der „12 Uve“ ist ein Wein aus Al Paradiso di Frassina, der aus 12 verschiedenen Rebsorten zusammengesetzt ist. Der Winzer beschreibt diesen Wein als „einzigartigen Rotwein, der aus 12 sorgsam ausgewählten Trauben gemacht ist, von denen sechs aus der Toskana und sechs aus Bordeaux stammen, gewachsen auf den Cinigiano-Bergen nahe dem Mittelmeer, im Windschatten des Monte Amiata“. Die Philosophie ist, im Anklang an Schönberg: „Eine Traube, eine Note.“ Mit dieser Idee im Hinterkopf, so heißt es, „symbolisieren diese 12 Rebsorten ein musikalisches Ensemble, zeigen trotzdem die Individualität jeder einzelnen Traube im Wein“.

Ich probierte den Wein neulich in Mailand, und kein Geringerer als Daniel Barenboim saß am Nachbartisch, hörte, was ich über den Wein erzählte und fragte, ob er auch probieren dürfe. Er war genauso hingerissen von diesem Tropfen wie ich, und ich muss sagen, dass dieser Wein nicht weniger komplex ist als ein Werk wie Schönbergs Holzbläser-Quintett op. 26, eines seiner ersten Zwölfton-Stücke. Die Dodekaphonie fand Eingang in die Werke vieler Komponisten der Zweiten Wiener Schule wie Berg oder Webern, aber beeinflusste auch Serialisten und die Avantgardisten des 20. Jahrhunderts von Boulez über Stockhausen bis zu heutigen Komponisten.

Doch während die akademische Musikwelt so tat, als wäre der Heilige Gral gefunden worden, pfeifen die Leute diese Melodien nicht in den Straßen. Mit dem „12 Uve“ ist das anders. Denn dieser Wein, der unter 30 Euro kostet, erobert die Welt im Sturm. Die Küchenchefs lieben es, Wein mit Essen zu kombinieren, und dieser Wein erlaubt es den Köchen und Sommeliers wegen seiner Komplexität und seiner Vielseitigkeit, ihn mit allem, von Fisch über Geflügel bis hin zu Foie Gras, zu kombinieren.

Die wahre Revolution bei der Herstellung dieses Weins ist aber die angewandte Musik-Therapie! Ja, wir wissen, dass Mozart einen besonderen Einfluss auf Menschen hat. Forscher vermuten, dass Kühe, denen Mozart vorgespielt wird, mehr Milch geben und Hühner mehr Eier legen. Und jetzt raten Sie mal, welche Musik diesen 12 Trauben vorgespielt wurde? Mozart natürlich! Schönberg würde sich im Grab umdrehen.

Aber vergessen wir diesen klugen Mann nicht. Natürlich feiern wir Mozart, der bei jeder erdenklichen Gelegenheit vielleicht ein bisschen viel Wein genossen hat – aber auch Schönberg verdient sein Publikum! So wie dieser Wein. Schönbergs Variationen für Orchester op. 31 oder sein Überlebender aus Warschau op. 46, zwei seiner vielen Zwölfton-Werke, werden schon noch ihren Weg in die Ohren der musikliebenden Öffentlichkeit finden. Der „12 Uve“ hat bei den Weinliebhabern jedenfalls schon bleibenden Eindruck hinterlassen. Mozart wäre stolz. Und Schönberg muss sich nicht verstecken.

John Axelrods neue CD „Brahms Beloved“ mit dem Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi ist gerade erschienen.

John Axelrod: Brahms Beloved
Telarc (in-akustik)
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