John Axelrod: Mit Ravel in Australien

Unser Hausdirigent und Kolumnist spannt einen gewagten Bogen vom Kriegsdienst Maurice Ravels zu einem bestimmt hervorragenden Wein aus Down Under.

Es war nicht immer alles ruhig an der Westfront, denn zumindest der Wein war leicht zu bekommen. Alkohol war ein Kernstück des französischen Kriegserlebnisses, es war ein Teil des täglichen Lebens in den Schützengräben. Das Bild des Poilu (franz. Soldat) mit seinem Gewehr und Wein ist in französischen Schilderungen des Ersten Weltkriegs allgegenwärtig.
Als Frankreich 1914 in den Krieg zog, wurde den Truppen nur Wasser ausgeschenkt, aber die Armee begann schon im September des Jahres, eine tägliche Ration Wein zu verteilen. Diese Ration bestand aus Pinard (manchmal übersetzt als „Plörre“), einem sehr minderwertigen Rotwein. Obwohl es viele großartige Werke gibt, die in Verbindung mit dem Ersten Weltkrieg stehen, von Vaughan Williams’ Pastoral-Symphony bis hin zu Elgars Cellokonzert, gibt es eine Komposition, die selten in den Programmen zu diesem Thema auftaucht und es verdient, endlich anerkannt zu ­werden.

Joseph-Maurice Ravel war 39 Jahre, als der Krieg ausbrach, und er tat sein Bestes um ein Pilot der französischen Luftflotte zu werden. Sein Alter und seine schwache Konstitution sprachen jedoch dagegen und so trat er als Lastwagenfahrer in den Kriegsdienst. Er hatte bereits mit der Komposition seiner Klaviersuite Le tombeau de Couperin begonnen, die er 1917 fertig stellte. 1919 orchestrierte er das Werk und widmete die einzelnen Sätze Freunden, die im Kampf gefallen waren. Die Komposition, die als ein „in Andenken geschriebenes Stück“ definiert wird, klingt nicht wie ein Requiem. Auf diese scheinbar seltsame Inkongruenz angesprochen, erwiderte Ravel, die Todesfälle seiner Freunde seien „traurig genug, in ihrer Ewigen Stille.“

"Solch ausbalancierte ­Harmonien klingen sehr nach Ravels Orchesterfassung von „Le tombeau de Couperin"

Obwohl es sicherlich nicht Pinard ist und obwohl es viele exzellente französische Weine zu empfehlen gibt, besonders Champagner aus der Region, die im Ersten Weltkrieg am meisten zerstört wurde, gibt es einen guten Wein aus Australien, ja – das ist richtig, Australien, den man mit Maurice Ravel und seinem Mini-Meisterwerk assoziieren kann. Wäre er serviert worden, hätte es vielleicht eine andere Auswirkung an der Front gegeben.

Nach einer kurzen Zeit, in der er LKWs in Paris bediente, wurde Ravel im März 1916 an die Westfront nach Verdun im Nordwesten Frankreichs geschickt. Verdun. Das ist ein Zufall, der zu gut ist, ihn zu übersehen: Denn Verdun Park Wines ist ein Weinproduzent im Besitz der Familie Voumard. Verdun Park Wines liegt in der kleinen Stadt Verdun am Rande des malerischen Onkaparinga-Tals in den australischen Adelaide Hills und ist spezialisiert auf erstklassige Adelaide-Hills-Weine.

Verdun Parks erste Serie, ein 2009er ‚Lyla’ Sauvignon Blanc, gewann eine Goldmedaille in der Adelaide Hills Wine Show. Der 2013er, der weniger als 20 € die Flasche kostet, ist ebenso wohlriechend mit krautigen Noten in der Nase, gefolgt von frischer Zitronensäure und tropischen Akzenten am Gaumen. Der Wein ist knusprig und wird aus spezifisch ausgesuchten Trauben mit einer hellen strohgrünen Farbe und einem reinen, frischen Aroma hergestellt, das in einen wunderschön artikulierten Geschmack mündet, voll von Zitrus, weißem Pfirsich und dezenten tropischen Früchten in einer harmonischen Balance. Solch ausbalancierte Harmonien klingen sehr nach Ravels Orchesterfassung von Le tombeau de Couperin. Lyla ist ein Wein mit einem blumigen, lebhaften Nachhall, ähnlich den überschäumenden, rhythmischen Barocktänzen in Ravels Musik. Der Erste Weltkrieg mag die erste von vielen Tragödien des 20. Jahrhunderts gewesen sein, aber diese Musik und dieser Wein sind herrliche Erinnerungen an das Beste der Menschheit, und es ist möglich, das Glas zu heben, dabei diese Musik zu hören und mit Ehre und Respekt auf diejenigen anzustoßen, die ihr Leben gaben.

John Axelrod

John Axelrod ist Erster Dirigent des Orchestra Sinfonica di Milano „Giuseppe Verdi“. Nebenbei schreibt er Bücher („Wie großartige Musik entsteht … oder auch nicht. Ansichten eines Dirigenten“) und philosophiert über sein Lieblingshobby: guten Wein. John Axelrods neue CD „Brahms Beloved“ mit dem Orchestra Sinfonica di Milano „Giuseppe Verdi“ ist gerade erschienen.
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