Dirigent John Axelrod führt durch Sevilla

Maurische Paläste, Flamenco, Stierkampf und Paradies der Meeresfrüchte – mit Dirigent und crescendo-Kolumnist John Axelrod durch Andalusiens Hauptstadt.

“Bienvenida!” tönt es durch die Hotellobby. Auftritt John Axelrod. Sonnenbrille, Künstlerschal und ein wilder Lockenkopf unter einem weißen Hut. Der amerikanische Dirigent ist ein ex­trovertierter Vollblutbühnenmensch und kann es gar nicht erwarten, „sein“ Sevilla zu zeigen. Seit 2014 ist John Axelrod in seiner Funktion als musikalischer und künstlerischer Leiter des Real Orquesta Sinfónica de Sevilla der erste und einzige Generalmusikdirektor Spaniens, und das Hotel Vincci la Rabida in der Calle Castelar ist so etwas wie sein zweites Zuhause, wenn er in Sevilla ist. Von dort aus startet der Spaziergang durch die von der Sonne in goldenes Licht getauchten Gassen. „Auf der Plaza de Molviedro blühen jedes Jahr für zwei Wochen die Jacaranda-Bäume und verwandeln den kleinen Platz in ein märchenhaftes violettes Blütenmeer“, erzählt John Axelrod und hält inne. „Sevilla ist für mich aus vielen Gründen die schönste Stadt der Welt.“ Nach wenigen Schritten erreichen wir die „La Azotea“, ein kleines Tapaslokal in der Calle Zaragoza, in dem John Axelrod mit großem Hallo den Besitzer begrüßt und sogleich kulinarische Pläne schmiedet. „Wir müssen unbedingt Fisch essen, dieser Ort hier ist das Paradies für Liebhaber von Meeresfrüchten; besseren Fisch und bessere Muscheln bekommt man sonst nirgendwo, nicht mal in Japan.“ Gesagt, getan. Die Muscheln mit Öl und Zitrone zergehen auf der Zunge, es folgt gegrilltes Schwertfischfilet mit Gemüse und ein Teller mit Artischocken zum Niederknien – dazu gibt es Rotwein. John Axelrod strahlt. Gutes Essen ist neben Musik seine große Leidenschaft. 1994 war der Dirigent sogar für kurze Zeit Leiter des Robert Mondavi Wine and Food Center in Costa Mesa in Kalifornien. „Mit dem Essen ist es wie mit der Musik“, bekennt er. „Wenn die Qualität nicht absolut hervorragend ist, macht mich das kreuzunglücklich, aber wenn die Qualität stimmt, bin ich der glücklichste Mensch der Welt.“

Als das Real Orquesta Sinfónica de Sevilla 1991 von Vjekoslav Šutej gegründet wurde, bestand es aus 23 Musikern, die Šutej aus Osteuropa mitgebracht hatte. In den letzten 25 Jahren hat sich das Gesicht des Klangkörpers jedoch völlig verändert. Das liegt auch daran, dass man in Sevilla viel für den Nachwuchs tut, berichtet John Axelrod begeistert. „Hier wimmelt es von guten Jugendorchestern wie in keinem anderen Land. Neun Nachwuchsorchester gibt es momentan in Sevilla und die Qualität ist enorm. Die jungen Musiker brennen für das, was sie tun, und ich kann hier wirklich etwas bewegen. Die ganze Stadt duftet nach Zukunft und Perspektive und ist zugleich tief verwurzelt in ihren Traditionen. Das ist eine unglaublich reizvolle Mischung!“

John Axelrod kann selbst auf eine bewegte und vielseitige Karriere zurückblicken. 1966 wurde er in Houston in Texas geboren und nach musikalisch geprägten Kindertagen bereits mit 16 Jahren von seinem Mentor und Vorbild Leonard Bernstein höchstpersönlich unter die Fittiche genommen. Später studierte er Musikwissenschaften an der Harvard University, Jazzklavier in Boston und Dirigieren in St. Petersburg, arbeitete in Amerika als Künstleragent und Artists and Repertoire Manager für verschiedene Plattenfirmen, gründete in seiner Heimatstadt das Orchestra X und kam schließlich als Assistent von Christoph Eschenbach nach Deutschland. John Axelrod nippt an seinem Wein und streckt drei Finger in die Luft. „Drei Menschen sind dafür verantwortlich, dass ich überhaupt nach Europa gekommen bin“, erzählt er. „Meine Oma, meine Frau und Christoph Eschenbach.“ Er lacht. Mittlerweile hat John Axelrod über 150 Orchester dirigiert und war musikalischer Leiter des Theaters Luzern, des l’Orchestre National des Pays de la Loire und der Filmmusik-Gala „Hollywood in Vienna“. Der Spagat, den er seit November 2014 als Generalmusikdirektor in Sevilla täglich vollführen muss, ist eine neue Herausforderung, denn der Dirigent kann sich nicht nur auf die musikalische Arbeit mit seinem Orchester konzentrieren, sondern wird auch in politische Entscheidungen einbezogen, die sich auf die Planung seines Spielplans auswirken. Zudem muss er alle künstlerischen Visionen immer wieder rechtfertigen. „Das ist manchmal ein Kampf gegen bürokratische Windmühlen“, sagt er und lacht. „Aber nur wenn man große Träume hat, kann man auch etwas erreichen.“

Nach dem Essen geht der Streifzug durch die Stadt weiter, und aus John Axelrod sprudeln in Hülle und Fülle Informationen zu Sevillas Geschichte. Er ist nicht nur ein künstlerischer Visionär, der den Blick in die Zukunft richtet, sondern blickt auch wissbegierig zurück. „Die Stadtflagge von Sevilla trägt den Text ,NO 8 DO‘“, erzählt er, „und die Ziffer 8 symbolisiert ein Wollknäuel.“ Diesen rätselhaften Text findet man überall in Sevilla – an Gebäuden, Laternen und sogar auf Polizeiautos. Entschlüsseln lässt sich das Wortspiel mit „No me ha dejado“ – „Du hast mich nicht verlassen“, eine Anspielung auf den kastilischen König Alfons X., der sich für die Treue der Stadt bedankte, weil er nach seiner Entthronung im Jahr 1282 in Sevilla im Exil leben durfte.

Auf dem Spaziergang grüßt John Axelrod hier und da Straßenmusiker, die Luft ist warm und weich, das Licht glänzt auf den hellen Steinen der Kirchen und Häuser. Phönizier, Römer, Westgoten, Mauren, Juden und Christen waren schon hier in Sevilla zu Hause, das alles spiegelt sich im Stadtbild wider. Auch der Alcázar von Sevilla, der mittelalterliche Königspalast, der bis heute von der spanischen Königsfamilie genutzt wird, ist optisch noch von seiner maurischen Baugeschichte geprägt. Doch viel faszinierender findet John Axelrod die Legenden, die sich in den Gassen östlich der Kathedrale zugetragen haben, im Barrio de Santa Cruz, wo bis ins 15. Jahrhundert hinein die jüdische Bevölkerung der Stadt lebte, bevor die Judería ab 1391 wiederholt von blutigen Pogromen erschüttert wurde und viele ihrer Bewohner ermordet wurden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde das jüdische Viertel wieder aufgebaut und ist als Schauplatz romantischer Opern wie Der Barbier von Sevilla, Figaros Hochzeit oder Carmen weltberühmt geworden. Die zweistöckigen andalusischen Häuschen und die lauschigen Plazas mit Brunnen und Orangenbäumen verströmen heutzutage Behaglichkeit. Pittoreske Balkone mit Geranien und gekachelte Innenhöfe zieren die schattigen Gässchen, die von hübschen kleinen Läden und Cafés gesäumt werden. Am südlichen Ende des Barrio de Santa Cruz befinden sich die nach dem Sevillaner Maler Esteban Murillo benannten wunderschönen Jardines de Murillo, die 1911 entstanden sind und die Obst- und Gemüsegärten des Real Alcázar in eine prächtige Grünanlage verwandelt haben. Gigantische Bäume spenden dort Schatten und laden zum Verweilen und Staunen ein.

Auf dem Rückweg zum Hotel geht’s noch vorbei an der Kathedrale Santa María de la Sede, der drittgrößten Kirche der Welt, die mit ihrem imposanten Glockenturm schon aus weiter Ferne ein echter Blickfang ist.

Vom Restaurant auf der Dachterrasse des Vincci la Rabida hat man einen überwältigenden Blick über die Stadt, der besonders zu späterer Stunde eine theatrale Magie entfaltet. Zum Abendessen gibt es Tintenfisch mit viel Knoblauch, einen kräftigen Rotwein und Besuch vom Konzertmeister. Der Geiger Paçalin Zef Pavaci ist für John Axelrod nicht nur der musikalische Fels in der Brandung seines Orchesters, sondern auch ein Freund, mit dem er hemmungslos künstlerische Zukunftspläne schmieden kann. Schließlich ist es Mitternacht. „Wie wäre es mit einer Kutschfahrt? Das muss man hier einfach machen.“ John Axelrods Augen blitzen vergnügt, von Müdigkeit keine Spur. Also los. Vor der Kathedrale warten zehn Kutschen in filmreifer Kulisse, und das Hufgeklapper ist ein stimmungsvoller Begleiter durch die laue Nachtluft.

Erstmal gibt es einen Abstecher ins Seefahrer-, Torero- und Flamencoviertel Triana auf der anderen Seite des Guadalquivir. Der Blick über den Fluss hinweg bietet eine reizvolle neue Perspektive. Zurück im Zentrum leuchtet die Stierkampfarena La Maestranza am Paseo Cristóbal Colón mit ihren weiß-rotbraun-ockergelben Mauern in der Dunkelheit. Sie wurde im 18. Jahrhundert gebaut und zählt zu den schönsten und ältesten des Landes. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung zur letzten Station des Tages. John Axelrods Arbeitsplatz, das Teatro de la Maestranza, liegt friedlich im nächtlichen Schein der Laternen. „Wenn ich es musikalisch ausdrücken müsste, würde ich sagen, Sevilla ist kein Allegro, aber auch kein Largo.“ John Axelrod lächelt versonnen: „Sevilla ist ein Andante.“

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *