Juan Diego Flórez: Mozart war Schuld

Foto: Gregor Hohenberg / SonyClassical

Der peruanische Tenor Juan Diego Flórez ist auf dem Zenit seiner Karriere: berühmt und gefeiert für seine Klang-Eleganz, seine Phrasierung und die Brillanz seiner hohen Töne. Uns verrät er, was das mit Mozart, Käse und einem Waschbrettbauch zu tun hat.

crescendo: Sie gelten als der derzeit technisch bester Tenor der Welt. Macht das Druck?
Juan Diego Flórez: Ich glaube nicht, dass ich der beste Tenor der Welt bin. Aber ja, ich konzentriere mich sehr auf meine Arbeit: gut zu singen, immer besser im Ausdruck zu werden, besser zu phrasieren, besser zu intonieren. Und ich bin sehr selbstkritisch. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich mich darauf freue, mein Repertoire zu erweitern. Auch, weil es eine Herausforderung ist. Traviata, Norma … So viele neue Titel! Es ist aufregend!

Ihre musikalische Karriere begann mit Pop, Rock und lateinamerikanischer Musik. Wann haben Sie gespürt, dass Sie Klassik singen wollen?
Eigentlich war Mozart schuld! Als ich am Gymnasium war, hörte ich Rock und Pop, schrieb eigene Songs, gab Konzerte, alles mit meiner Gitarre. Ich war 15 oder 16. Danach ging ich aufs Konservatorium, weil ich etwas über Musik lernen wollte. Wie man sie aufschreibt, wie man sie liest und wie man besser singt. Der Gesangsunterricht schult natürlich die Opernstimme. Was ist passiert? Ich habe gemerkt: Wow, ich mag das! Und so hab ich angefangen, die Stimme zu schulen. Sie wurde lauter, bekam mehr Vibrato – meine Freunde haben über mich gelacht. Aber ich mochte diese Art zu singen immer mehr.

Und Sie konnten es …
Ja, mehr oder weniger. Und dann ist es passiert: Ich habe angefangen, diese Musik zu lieben – vor allem Mozart. Während meines ersten Jahres am Konservatorium war ich im Chor. Als ich 18 ­
war, haben wir in der Zauberflöte mitgewirkt – ein unglaubliches Erlebnis. Da habe ich beschlossen, Opernsänger zu werden und die Popmusik hinter mir zu lassen. Ich war begeistert, aber auch unsicher. Ich fragte alle Leute: „Glaubst du, dass ich ein Opernsänger werde? Denkst du, dass ich Talent habe?“ Und sie haben geantwortet: „Ach ja, wenn du fleißig bist und übst.“ Also habe ich drei Jahre lang in Lima studiert, dann in Amerika.

War von Anfang an klar, dass Sie ein Belcanto-Tenor sind?
Ich habe bereits im zweiten Jahr angefangen, Arien mit viel Koloraturen zu singen – La Clemenza di Tito, später Händel, Rossini. Ja, irgendwie war es klar. Auch als ich Ernesto Palacio traf, meinen Agenten, sagte der, ich solle Rossini singen. Nicht, dass es einfach gewesen wäre – Rossini ist nie einfach –, aber ich konnte es! Ohne zu krächzen, ohne mich umzubringen.

Man sagt Ihnen „Tränen in der Stimme“ nach …
Das ist geschrieben worden, als ich den Werther gesungen habe. Ich weiß, dass ich vor allem in tragischen Rollen gut bin. Orphée, La sonnambula, Werther … Es ist die Melancholie in meiner Stimme. Das hilft, wenn man Rollen wie den Romeo singt.

Zugleich ist sie warm und hell …
Ja, und wohl auch ergreifend – die Leute müssen weinen. Gestern, am Ende der Lucrezia Borgia (Salzburger Festspiele 2017, Anm. d. Red.), als Gennaro stirbt: ein sehr berührender Moment. Ich konnte von der Bühne aus sehen, dass die Leute weinen. Natürlich ist man da auch selbst berührt – man hat das ja provoziert.

Von Rossini und Meyerbeer haben Sie gesagt, die würden Ihrer Stimme passen wie ein Handschuh. Jetzt machen Sie ein Mozart-Album – auch ein Handschuh?
Ja, es ist ähnlich. Aber viele fragen sich, warum ich Mozart noch nie auf der Bühne gesungen habe. Das liegt daran, dass ich meist Belcanto singe. Und Belcanto ist üblicherweise für den König abonniert. Bei Mozart gibt es Könige aber nur in La Clemenza di Tito und Idomeneo. Die großen Rollen sind bei ihm meist dem Sopran oder Mezzo vorbehalten, der Tenor ist eine eher kleine Figur wie Ottavio, Fernando … Sie haben schöne Arien, aber auf die Frage, ob ich den Barbiere oder Così fan tutte singen will, sage ich: den Barbiere. Dennoch habe ich Mozart konzertant immer gut gesungen und war öfter knapp davor, in einer neuen Inszenierung mitzuwirken. Irgendwann werde ich es tun.

Singen Sie Mozart jetzt erst, weil sich Ihre Stimme langsam verändert?
Nicht unbedingt. Aber ja: Mozart ist sehr zentral und nicht hoch, sitzt sozusagen in der Mitte. Das Zentrum meiner Stimme ist jetzt größer. Das hilft bei Mozart.

Also auch eine Alterssache?
Ein bisschen vielleicht. Aber ich hätte ihn auch schon früher singen können. Mozart ist leicht, hat keine hohen Töne. Wie gesagt: Es sitzt alles in der Mitte. Manche Mozartrollen könnten sogar von einem Bariton gesungen werden.

Haben Sie Angst davor, dass Ihre Stimme altert?
Meine Stimme hat sich ja schon verändert. Ich habe kürzlich meine Tenorarien von Lucrezia Borgia von 2007 gehört. Das ist einfach eine andere Stimme, nicht besser, nicht schlechter – einfach anders, dunkler, runder. Das Gute daran: Ich treffe die hohen Töne immer noch. Sie klingen anders, aber immer noch gut und hell. Und ich kann immer noch Rossini singen. Das ist ein Glück. Denn oft ist es so, dass man das leichte Repertoire nicht mehr singen kann.

Ihre Stimme scheint keine Müdigkeit zu kennen.
Oh, danke! Aber ja, ich bin einer der wenigen Sänger, die jedes Konzert allein machen. Ich gebe Liederabende, an denen ich bis zu 25 Stücke singe, meist Opernarien. Aber ich bin es gewöhnt und fühle mich am Ende immer noch frisch. Ich glaube, man macht irgendetwas falsch, wenn die Stimme ermüdet. Natürlich wird man insgesamt müde, aber man sollte weitersingen können, noch eine Arie und noch eine und noch eine … Dazu muss man seine Stimme einfach gut behandeln. Sie ist keine Violine oder so etwas.

Und wie tun Sie das?
Wenn ich zwischen Konzerten oder Auftritten zwei, drei Tage Pause habe, dann singe ich nicht. Ich schone meine Stimme und spreche ganz normal. Falls ich etwas üben muss, tue ich das ohne zu singen, dann lese ich die Musik nur und trällere. Das ist ungemein wichtig. Denn wenn man Proben hat, dann singt man jeden Tag mit voller Stimme. Das ist zu viel.

Sie sind grundsätzlich sehr interessiert an Stimmen, vor allem an der Technik …
Ja, weil sie so etwas Besonderes, so individuell ist. Verschiedene Sänger tun ganz verschiedene Dinge. Ich bin neugierig und beobachte meine Kollegen. Es interessiert mich zu sehen, was sie tun, während ich mit ihnen singe. In allen steckt etwas Gutes – nur so lernen wir.

Viele Sänger, auch Jonas Kaufmann, haben immer wieder Probleme mit ihrer Stimme. Sie kennen das nicht?
Stimmen sind unterschiedlich. Manche Menschen haben ein sehr empfindliches Instrument, manche ein sehr starkes. Meines ist zum Glück seit fast 22 Jahren sehr stark. Aber ich hatte auch nie Angst darum. Plácido Domingo hat ein sehr starkes Instrument. Und ich glaube, auch Kaufmann. Aber es gibt nun mal diese Phasen, in denen man ständig krank wird.

Es heißt, Sie essen der Stimme zuliebe keinen Käse?
Na ja, wenig. Tatsächlich müssen wir Sänger aufpassen, was wir essen. Meine Frau kocht eine spezielle Diät für mich. Was aber viel wichtiger ist: Ich mache viel Sport. Schließlich benutzen wir ja unsere Muskeln sehr viel. Werden Sänger nämlich dick, wird auch ihre Stimme dick. Pavarotti sagte einmal: „Wenn dir jemand erzählt, dick zu sein wäre gut für deine Stimme, dann lügt er.“ Ist aber alles hart wie ein Waschbrett, dann ist die Stimme gut. Nicht umsonst gibt es heute so viele Sänger, die fit aus sehen, schlank sind und dabei große Stimmen haben. Wir müssen uns wie Athleten sehen, wir brauchen viel Luft, viel Muskeln – da sollten wir durchtrainiert sein. Auch ich habe mich schon mal schwergetan mit Koloraturen. Was war los? Ich hatte Bauch angesetzt. Also habe ich weniger gegessen, der Bauch war weg, und schon war die Leichtigkeit in den Koloraturen wieder da. Die Muskeln müssen bei Koloraturen extrem flexibel sein.

Gibt es ein Vorbild?
Als ich auf dem Konservatorium angefangen habe, hatte ich mich noch nicht so viel mit klassischer Musik beschäftigt, bekam aber eine Kassette von Pavarotti. Ich war tief beeindruckt, wie man so singen kann. Ich wollte wie er sein.

Sie engagieren sich auch sozial, vor allem für Nachwuchs bei den Sängern in Peru, wofür Sie den Crystal Award bekommen haben.
Ja, ich war erstaunt, dass das so schnell wahrgenommen wird. Ich hatte gesehen, wie gut das System in Venezuela funktioniert: Seit 45 Jahren werden dort Kinder aus armen Verhältnissen in die Chöre und Orchester geholt. Genau das wollte ich in Peru machen. Sechs Jahre gibt es diese Einrichtung nun, 7.000 Kinder, 21 Zentren in verschiedenen Teilen Perus. Und die Kinder sind so glücklich. Weil sie etwas zu tun haben! Sie haben die Musik, sie haben Werte und sie haben eine große Familie. Das macht die Welt ein bisschen besser.

Pesaro oder Wien – wo wohnen Sie lieber?
Es ist die Kombination! Ich liebe Wien, es ist die Stadt, in der ich am liebsten lebe auf der Welt. Wir sind seit 2015 da, die Kinder gehen dort in die Schule. Aber natürlich: Italien im Sommer, Strand, Meer … In Kombination mit Wien, mit seiner Kultur, dem Theater, den Konzerten – besser geht’s nicht!

Aktuelle CD:

Juan Diego Flórez, Orchestra La Scintilla, Riccardo Minasi:
“Mozart”

(Sony)
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