Jung und Alt: Jetzt noch ein Instrument lernen?
Dazu bin ich zu alt!

(IMMM Hannover)

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Gerade in der Musik scheint es ab einem gewissen Alter schlichtweg „zu spät“. Woher kommt diese Annahme – und darf man sich als Erwachsener wirklich keine Hoffnungen mehr machen, ein Instrument zu lernen?

Viele Erwachsene wünschen sich, ein Instrument spielen zu können, zweifeln aber am Erfolg oder trauen sich nicht, noch einmal „Anfänger“ zu sein. Professor Dr. Eckart Altenmüller ist Neurologe, Flötist und Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Mit uns hat er über Probleme und Möglichkeiten des Musizierens im Alter gesprochen. Dass Hans gegenüber dem Hänschen im Nachteil ist, trifft laut ihm jedoch nur auf musikalische Spitzenleistungen zu: „Es gibt relativ viele Untersuchungen, die zeigen, dass man, wenn man bis zum Alter von 12 oder 13 Jahren noch nicht angefangen hat, zwar ein guter Musiker werden kann, aber vielleicht nicht das Level eines Lang Lang erreichen wird. Diese Begrenzung entsteht, weil die Anpassungsfähigkeit des Nervensystems bei jungen Menschen am größten ist und damit die Voraussetzungen für spätere optimale Leistungen früh geschaffen werden. Trotzdem ist noch nicht klar, ob Erwachsene wirklich langsamer lernen als Kinder. Auf jeden Fall lernen sie anders, sehr viel kognitiver. Begabte Kinder können spüren, welche Bewegungsabläufe sich gut anfühlen, und lernen dadurch sehr schnell. Das ist bei Erwachsenen oft durch Verspannungen eingeschränkt oder durch Gedanken verkompliziert.“

So beklagen viele, die eigentlich gerne musizieren würden, sie seien „unmusikalisch“. Tatsächlich trifft das nur auf eine sehr kleine Gruppe von Menschen zu. Circa zwei bis drei Prozent leiden unter einer sogenannten „Amusie“. Musik ist dann nichts anderes als Lärm: „Diese Menschen würden nie freiwillig in ein Konzert gehen, denn sie verstehen gar nicht, was Leute daran finden, wenn vorne im Orchester so seltsame Geräusche entstehen. Das ist aber ein sehr seltenes Phänomen.“

Bei musizierenden Kindern konnte man in Untersuchungen ein besser entwickeltes Sprachzentrum sowie Vergrößerungen der Hirnregionen nachweisen, die beim Musizieren involviert sind, und auch die beiden Gehirnhälften sind besser verknüpft. Diese Beobachtungen können auch bei Erwachsenen gemacht werden, wenn auch in etwas geringerer Ausprägung. Aber was genau passiert im Gehirn, wenn wir musizieren? Prof. Altenmüller schildert es so: „Die Nervenzellen vergrößern sich etwas, weil sie mehr Stoffwechsel entwickeln und ihre Verzweigungen – die Dendriten – werden häufiger und mehr. Das heißt, je mehr ich mein Gehirn vernetze, umso größer werden diese Dendritenbäume. Diese Effekte sind auch hormonell bedingt und am ausgeprägtesten im Alter zwischen 15 und 25 Jahren, aber sie bleiben lebenslang erhalten und können vor allem dann noch mal stark beschleunigt werden, wenn hohe Motivation gegeben ist.“

Prof. Dr. Eckart Altenmüller; Foto: IMMM Hannover

Prof. Dr. Eckart Altenmüller; Foto: IMMM Hannover

Diese Motivation bringen viele Erwachsene bereits mit, wenn sie sich von angeblicher „Unmusikalität“ oder Sprichwörtern nicht einschüchtern lassen. Prof. Altenmüller hat selbst mehrere Jahre lang Querflötenunterricht gegeben und dabei auch mit erwachsenen Schülern gearbeitet: „Diese Stunden habe ich immer als sehr anregend empfunden, weil man so viel zurückbekommt. Erwachsene haben eine große Quelle an Möglichkeiten. Sie haben viel Hörerfahrung und in aller Regel sehr genaue Vorstellungen von dem, was sie wollen. Ein Nachteil ist, dass sie sich oft sehr schnell unter Druck setzen oder setzen lassen, indem sie etwa einem bestimmten berühmten Vorbild nacheifern. Aber gerade diese Motivation und die oftmals starke Auseinandersetzung mit dem Instrument, der Geschichte, den Komponisten und Werken sind tolle Quellen.“

Vermutlich liegt es auch an gesellschaftlichen Umständen, dass bislang verhältnismäßig wenige erwachsene Schüler an den Musikschulen zu finden sind. Musikhochschulen haben Altersbegrenzungen festgelegt, und auf den Konzertpodien feiert man „Wunderkinder“ und junge Wettbewerbssieger. Es sind Lebensgeschichten wie die von Marie-Luise Neunecker, die unter dem heutigen Leistungsdruck, möglichst schnell möglichst perfekt zu sein vielleicht gar nicht mehr möglich wären. „Neunecker hat im Blasorchester Trompete gelernt, dann Schulmusik studiert und dort im Instrumentenkarussell ein Horn in die Hand genommen. Sie hat sich als erwachsene Frau in wenigen Jahren auf dem Horn so perfektioniert, dass sie Solohornistin im Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks und eine der führenden Hornistinnen ihrer Generation geworden ist“, führt Prof. Altenmüller als Beispiel an und ergänzt nachdenklich: „Ich glaube schon, dass wir einen gesellschaftlichen Effizienzwahn haben, der im Musikbereich leider ganz stark ausgeprägt ist. Bis vor Kurzem hieß es bei Bläser-Probespielen noch: „Mit 35 brauchst du dich gar nicht mehr bewerben.“ Dabei gibt es so viele großartige Künstler mit Umweg-Biografien. Nichts ist ausgeschlossen.“

Selbst wenn Sie keine große Künstlerkarriere anstreben, sollten Sie darüber nachdenken, ein Instrument zu lernen. Regelmäßiges Musizieren wirkt wie eine Gesundheitsvorsorge: „Früheres Musizieren führt im Alter dazu, dass wir bestimmte Leistungen länger erhalten, insbesondere das Wortgedächtnis, aber auch sogenannte exekutive Funktionen, also die Funktionen des Gehirns, die mit Planung und Steuerung von Impulsen zu tun haben. Das gilt nicht nur für diejenigen, die schon als Kind musiziert haben, sondern auch, wenn Sie mit 70 Jahren anfangen. Durch die vielen Aufgaben, die Ihr Gehirn beim Musizieren ausführen muss, schaffen Sie sich eine Situation, die man in der Biologie ,angereicherte Umgebung‘ nennt. Sie führt dazu, dass wir kognitive Reserven aufbauen, ein Kapital an Fertigkeiten, von denen wir sehr lange zehren können. Wenn Sie ein Musikinstrument üben, haben Sie ein geringeres Risiko, an einer Demenz zu erkranken.“

Für den späten Einstieg sind einige Instrumente anatomisch bedingt weniger geeignet als andere. Als „altersangepasste“ Instrumente empfiehlt Prof. Altenmüller Klavier oder Cello: „Überlegen Sie sich, welches Instrument Sie schon immer spielen wollten, gehen Sie an die Musikschule und nehmen Sie eine Schnupperstunde. In der Zwischenzeit haben wir viele Musiklehrer, die das sehr gut machen. Probieren Sie es aus, es ist nie zu spät!“

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Kommentare

  1. Rosemarie
    13. Juni 2017 at 16:29

    Dieser Artikel stimmt mich optimistisch!
    Und wenn musizieren dann auch noch die Demenz ein bisserl rausschiebt,
    umso besser :)

  2. 16. Juni 2017 at 13:11

    Die Vorteile, die man durch das Lernen eines Instrumentes hat, überwiegen eindeutig die Nachteile (z.B. mögliche Lärmbelästigung).

    Das mit den Altersgrenzen bei Musikhochschulen oder dass nur wenige Erwachsene an Musikschulen sind, finde ich schade. Ich hoffe die gesellschaftlichen Ansichten ändern sich auch wieder dahingehend, dass “alte” Leute generell (und auch in diesem Bereich hier) nicht abgeschrieben werden.

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