Kate Bush: Das heimliche Bush-Comeback!

(Kate Bush: Das heimliche Bush-Comeback)

Eigentlich hatte sich die Künstlerin Kate Bush vor 35 Jahren von der Bühne zurückgezogen,
doch im März 2014 lud sie plötzlich zu einem Privatkonzert ins Londoner Hammersmith Apollo
Theater. Der Titel: „Before the Dawn“. Wir mischten uns (unauffällig) unters Publikum.

Vögel ziehen ihre Runden, Federn fallen vom Himmel und gigantische Papierflugzeuge schweben durch den Raum. Der Wald wird immer dichter, die Stimmung trügerischer. Als der Hahn dann dreimal kräht, wird die weiße Friedenstaube von der tanzenden Holzpuppe verspeist und ausufernde Chöre beginnen den Zuschauer nun in musikalische Ekstase zu versetzen. Mit dem überdimensionalen Tor zum Paradies, das sich ein letztes Mal ächzend und krachend öffnet, sind der Band Schnäbel gewachsen und die Gastgeberin des Abends fliegt unter hämischem Gelächter als Krähe verwandelt gen Sonnenaufgang.
Kate Bush, heute 56 Jahre alt, ist zurück. Und wie! 35 Jahre nach ihrer letzten großen Bühnenshow rief sie ihre Fans zu einer Pilgerreise ins barocke Londoner Hammersmith Apollo Theater. Auf ihrer Website hatte Bush veröffentlicht, dass sie sehr darum bemüht sei, ihr Publikum an einem Gesamtkunstwerk teilhaben zu lassen – Handys, iPhones und iPads solle man zu Hause lassen.
Eine solche Einladung schlägt man als Musikfan nicht aus. Vor allem nicht, wenn sie von einer so geheimnisvollen Poetin wie Kate Bush kommt. Die Dame liebt das Mysterium, Hitchcock-Filme und die Psychoanalyse, sie ist eine zerbrechliche Feministin und steht als Inbegriff für die britische Seele. In ihrer Musik fanden Tabubrüche mit althergebrachten Klangvorstellungen und Stereotypen statt. Möchte man Bushs Musik in eine Kategorie zwängen, so wird schnell klar, dass das nicht möglich ist, denn Bush malt mit allen Farben, die ihr zur Verfügung stehen. Ob Jazz, Pop, Klassik oder beeindruckende Soundcollagen – es ist die Musik, die sich ihren Geschichten und ihren Bildern unterordnen muss. Es gibt da Bushs Klavierlied von „Mrs. Bartolozzi“ vor ihrer Waschmaschine, als eine Transformation von Schuberts „Gretchen am Spinnrade“ oder den 13 Minuten langen Song „Lake Tahoe“, bei dem sie zusammen mit zwei Countertenören die Spukgeschichte einer alten Dame erzählt, die sich im Jenseits nach ihrem Schoßhund sehnt. Mainstream-Fans denken bei Kate Bush an „Babooshka“, aufgenommen im Jahr 1981.
Jetzt steht sie auf der Bühne, und wie aus dem Nichts verwandeln sich ihre hingehauchten Worte „the wind is whistling“ aus dem Song „King of the mountain“ zu einem Sturm auf der Theaterbühne. Bush verschwindet im Hintergrund und der Perkussionist Milo Cinelu fängt an – wie der Donnergott Thor – einen Hammer über seinem Kopf zu schwingen. Dann wird es kalt, und auf der Bühne regnet es plötzlich. Konfettikanonen schleudern Zitate aus dem Gedicht „The Coming of Arthur“ des romantischen Dichters Lord Alfred Tennyson ins Publikum. Schnell beginnt man zu verstehen, dass das Gewitter der Beginn der Suite The ninth wave von Kate Bushs 1985 veröffentlichtem Album Hounds of love ist. Downton-Abbey-Darsteller Kevin Doyle gastiert als Amateur-Astronom und empfängt scheinbar das SOS-Signal eines sinkenden Schiffes, doch die Küstenwache nimmt die Meldung nicht ernst und weigert sich zu helfen. Einen Wimpernschlag später hat sich die Bühne in ein Schiffswrack aus Fischgräten verwandelt, während wir auf einem Bildschirm Kate Bush hilflos und um Luft ringend in einer Schwimmweste im Wasser treiben sehen. Als sie zum Prolog „And Dream of Sheep“ ihre Stimme anhebt, erzählt sie uns von ihrem Kampf gegen die Müdigkeit und wie sehr sie sich zurück in ihr warmes Zuhause wünscht.
Seinen dramatischen Höhepunkt findet der erste Akt in dem Song „Hello Earth“. Während minutenlang archaische Mönchsgesänge über eine Choralmelodie improvisieren, klettert Bush an einer Boje empor, bevor sie von den Fischen erneut in die Tiefe gerissen wird. Es folgt Bushs zweites Meisterwerk – ihre Suite An Endless Sky of Honey. Auf der Bühne fällt noch Schnee, während im Hintergrund echte Birken wachsen und sich bereits der Frühling ankündigt. Eine zehn Meter hohe Tür in Form eines Schlüssellochs senkt sich nun auf die Bühne herab. Durch sie hindurch findet eine der Hauptrollen ihren Weg auf die Bühne. Eine lebensgroße Holzpuppe des Marionettenspielers Basil Twist. Sie steht symbolisch für den Menschen der aufgrund seiner Neugier das Paradies verlassen hat. An Endless Sky of Honey beschreibt den Verlauf eines bildhaft schönen Sommertages und integriert das Läuten der Glocken, den Gesang der Vögel und die Werke eines Malers mit in sein musikalisches Konzept. Wenn Bush am Flügel sitzt und täuschend echt den Gesang von Amseln und Tauben imitiert, lässt das Schaudern nicht nach. Zusammenfassend war „Before the Dawn“ alles andere als größenwahnsinniger Musicalkitsch. Es war eine raue und doch hochästhetische Legierung aus Puppenspiel, Theater, Tanz, Malerei, Musiktheater und Film.
Die Show war kein mediales Spektakel, sondern pure Kunst. Bush wirkt heute wie eine geerdete Übermutter, die ganz in sich selbst ruht und ihre Hörer auffordert, in sich zu gehen. Shakespeare, Anderson, Schubert, James Joyce, Freud, Hitchcock und Elvis – alle waren im Geiste präsent und auch angesichts unserer so rastlosen, entmystifizierten, schnelllebigen Gegenwart ermahnt Bush uns mit „Before the Dawn“ zu einer Entschleunigung und vor allem zu mehr
Demut.

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