Ein Anruf bei… John Eliot Gardiner

John Eliot Gardiner. Foto: Sim Canetty-Clarke

Ein Anruf bei … Dirigent John Eliot Gardiner, der mit dem berühmten Bach-Porträt aufgewachsen ist, das seine Familie während des Krieges in Verwahrung hatte. Jetzt hat er sich dafür eingesetzt, dass das Bild in diesem Sommer ins Bach-Archiv nach Leipzig zurückkehrt.

Herr Gardiner, erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dem Bach-Porträt von Elias Gottlob Haußmann?

Es hing in meinem Elternhaus seit meiner Geburt. Walter Jenke, der aus der Nähe von Breslau stammte und ein guter Freund von meinem Vater war, brachte es mit. Er befand sich damals auf der Flucht vor den Nazis. Bis ich neun Jahre alt war, habe ich das Porträt jeden Tag gesehen, ehe Jenke es 1952 an William Scheide nach Princeton verkauft hat.

Und warum kommt es jetzt nach Leipzig?

Ursprünglich wollte Scheide das Porträt an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz schicken. Vor etwa zwei Jahren habe ich ihn zusammen mit Christoph Wolff, dem damaligen Direktor des Bach-Archivs, getroffen. Wir haben mit ihm und mit Judith, seiner Ehefrau, gesprochen, dass es doch schade wäre, wenn das Porträt nicht zurückkommen könnte nach Leipzig. Dann hat er es dem Leipziger Bach-Archiv vermacht.

Die Augen leicht zugekniffen, blickt einen der Barockkomponist auf dem Porträt recht finster an. Hatten Sie denn als Kind keine Angst vor dem grimmigen Alten mit der merkwürdigen Perücke?

Oh, doch! Genau das war mein Eindruck, als ich ein Kind war! Ich fürchtete ihn regelrecht. Als Junge war ich fast ein wenig überfordert von dem Gedanken, dass dieser Mensch eine solch freud- und geistvolle Musik komponieren konnte. Jetzt, sechzig Jahre später, ist mein Eindruck ein anderer: Von seiner Nase aufwärts sehe ich Bach, den Pä-dagogen und Kantoren. Aber die Kinn- und Mundpartie – da sehe ich heute einen freundlichen, sympathischen Herrn, dem die Freuden des Lebens sehr wichtig waren.

Habe ich das richtig verstanden: Sie haben sich schon als kleiner Junge mit Bachs Musik befasst?

Meine Eltern waren enthusiastische Laienmusiker. Zu Hause gab es immer Musik bei uns, wir haben sehr viel gesungen und musiziert. Auf diesem Weg habe ich sehr früh die Musik von Schütz, Bach, Monteverdi und Purcell kennengelernt. Für mich war das völlig normal – bis ich in die Schule kam und plötzlich feststellen musste, dass ich auf weiter Flur der einzige war, der sich in diesem Alter schon mit solcher Musik befasste.

Sie haben also schon sehr früh Ihre musikalische Lebensaufgabe entdeckt …

Als Zwölfjähriger konnte ich alle Bach-Motetten auswendig. Für mich war der Komponist eine Art Fixstern. Ich kann mir nicht vorstellen, Musik zu dirigieren ohne meine Bach-Kenntnisse als Fundament. Insofern war es auch ein bahnbrechendes Erlebnis für mich, als ich im Jahr 2000 sämtliche Kirchenkantaten von Bach dirigierte. Da war ich plötzlich sehr nah bei ihm – als Komponist und als Musiker.

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