Kit Armstrong: Der Star und sein Mentor

(Kit Amstrong und Alfred Brendel 2016 beim Mozartfest Würzburg; Foto: Van Loon)

Eigentlich unterrichtet Alfred Brendel keine Kinder. Für den damals zwölfjährigen Kit Armstrong machte er eine Ausnahme. Heute ist der musikalische Überflieger 24 Jahre alt und Brendel sein treuer Mentor.

crescendo: Nicht viele können Alfred Brendel ihren Mentor nennen. Wie kam es bei Ihnen dazu?
Kit Armstrong: Das begann vor vielen Jahren. Ich war damals zwölf Jahre alt und studierte am Curtis Institute of Music in Philadelphia. Alfred Brendel hat dort im Kimmel Center ein Recital gegeben, und ich ging natürlich hin und war total begeistert. In der Pause sprach mich auf einmal eine Frau an, die neben mir saß und wissen wollte, ob ich auch Musiker sei. Ich habe gesagt, wer ich bin, dass ich Student bin und seit vielen Jahren Klavier spiele. Und da hat sie mir gesagt, sie sei eine sehr gute Freundin von Alfred Brendel.

Was für ein Zufall!
KA: Das war wirklich ein unglaubliches Glück – in diesem riesigen Saal mit 2.000 Zuhörern saß ich zufällig direkt neben ihr! Nach dem Konzert hat sie mich mit zu Herrn Brendel genommen, und er hat mich zu sich nach London eingeladen, damit ich ihm etwas vorspiele. Das hatte ich überhaupt nicht erwartet. Schließlich hatte ich schon einige berühmte Künstler nach Konzerten kurz gesehen und meistens sagten sie dann die üblichen Sprüche. „Mach weiter so“, „Üb’ schön“ und so weiter. Brendel war völlig anders, ganz ehrlich. Ein Mann der Tat! Nach einigen Monaten habe ich Herrn Brendel angerufen und sein Angebot angenommen.

Wie lief Ihr Treffen in London ab?
KA: Ich habe ihm damals die Les-Adieux-Sonate von Beethoven vorgespielt, und es war ganz anders als erwartet. Oft spielt man ein Stück vor, dann heißt es: „Sehr gut, weiter so, alles Gute für Ihr weiteres Leben.“ Nicht so bei Brendel. Nach dem ersten Takt hat er mir sofort seine Vorstellung erklärt und vorgespielt, und wir haben so die zwei ersten Sätze der Sonate durchgearbeitet. Damit sind fünf Stunden vergangen. So fing das an. Seither sehen wir uns ungefähr zehnmal im Jahr. Wenn ich bei ihm bin, tue ich alles, was ich kann, um offen zu bleiben und möglichst viel von ihm zu lernen.

Alfred Brendel ist dafür bekannt, keine Kinder zu unterrichten. Warum hat er bei Ihnen eine Ausnahme gemacht?
KA: Das ist eine gute Frage. Ich selbst konnte mit dem Begriff „Kind“ nie viel anfangen und habe mich mit derartigen Kategorien nie wohl gefühlt. Man ist die Person, die man ist.

Was haben Sie bei Brendel gelernt?
KA: Brendels Lieblingsfrage, die fast immer rhetorisch gemeint ist, lautet: Was ist der Charakter dieser Stelle, dieser Melodie? Darum geht es für ihn in erster Linie bei der Musik: dass man als Interpret in der Musik einen Charakter erkennt und diesen zum Ausdruck bringt. Das ist seine grundlegende Philosophie und dafür ist das Hören sehr wichtig. Ich meine nicht die körperliche Wahrnehmung, sondern die geistige Vorstellung, die man von einem Stück hat. Das ist das, woran Brendel mit mir gearbeitet hat. Die Übersetzung der geistigen Vorstellung in hörbare Musik ist dann nur noch ein Mittel zum Zweck.

Sind Alfred Brendel und Sie sich ähnlich?
KA: Intuitiv würde ich sagen: nein. Wir kommen ja aus verschiedenen Generationen, und er hat einen solchen Reichtum an Erfahrung, den ich nicht habe. Aber wir haben in den meisten Bereichen ähnliche Geschmäcker. Wir haben zum Beispiel beide eine große Leidenschaft für japanische Filme aus den 50er-Jahren.

Was ist Alfred Brendel für Sie heute – ein Lehrer, ein Mentor, ein Freund?
KA: Er ist mein Mentor. Früher habe ich immer versucht, so zu spielen, wie es in seinem Sinne wäre. Wenn ich jetzt Klavier spiele, denke ich nicht mehr nur an ihn. Jetzt mache ich manchmal bewusst Sachen, von denen ich weiß, dass Brendel sie niemals so gemacht hätte. Aber ich möchte für mich selbst herausfinden, wohin das führt.

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *