Klassik in der Nordägäis

Molyvos Festival mit Weitblick (c) Alex Grymanis

Vom 9. bis 19. August verwandelte das Molyvos Festival die griechische Insel Lesbos in einen großen Freiluft-Konzertsaal.

Die Sonne geht unter und taucht die Tempelruine von Messa in ein orangegoldenes Licht. In unmittelbarer Umgebung der ionischen Säulenfragmente ist eine kleine Bühne mit einer Zuschauertribüne aufgebaut, alles unter freiem Himmel, versteht sich, schließlich ist Griechenland im Sommer reines Open-Air-Gebiet. Immer mehr Konzertbesucher streben zu den Sitzplätzen, und wer keinen mehr findet, stellt sich einfach an den Wegrand. Die älteren Menschen sitzen auf Klappstühlen, die Kinder auf der Erde, keiner will sich das Spektakel entgehen lassen, denn heute Abend ist Konzert. Jedoch nicht, wie in Griechenland üblich, melancholischer Gesang mit Bouzouki-Begleitung, sondern ein Solo- und Kammermusikabend mit klassischer Musik. Gerade sitzt Kiveli Dörken am Flügel. Sie ist nicht nur Pianistin, sondern – gemeinsam mit ihrer Schwester Danae – künstlerische Leiterin des Molyvos International Music Festivals auf Lesbos.

Hochkonzentriert lauschen die Besucher ihrer ebenso klangsensiblen wie temperamentvollen Deutung von Schuberts letzten Drei Klavierstücken D 946. Dass deren Melodien gelegentlich von einem in der Ferne blökenden Schaf und Hundegebell kommentiert werden, stört niemanden, man ist hier eben auf dem Land. Neben Schubert steht Saint-Saëns’ effektvolles Rondo capriccioso auf dem Programm sowie eine von türkischer Musik inspirierte Eigenkomposition des Cellisten Wassily Gerassimez, die er als Solostück darbietet. Das kommt beim griechischen Publikum besonders gut an, denn diese Klänge sind vielen besonders vertraut, doch auch die klassischen Werke werden begeistert beklatscht. Das Konzert in Messa ist die vierte und letzte Veranstaltung der „Pre-Festival Activities“, die vom 9. bis 13. August dem eigentlichen Molyvos Festival vorangestellt sind. Sie finden dieses Jahr erstmals statt, sind über ganz Lesbos verteilt und kombinieren ein Konzert mit einer Führung durch Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Die Idee dahinter ist, dass die Musiktouristen durch die Besichtigungen die Insel kennen lernen und die Inselbewohner in den Genuss von Konzerten kommen, die sie sonst auf Lesbos nicht erleben können.

Das eigentliche Festival wird anschließend in Molyvos, ausgerichtet, einer mittelalterlich anmutenden Kleinstadt mit Treppengassen und von Blättern überdachten Sträßchen an der Nordwestküste von Lesbos. Viele Häuser stammen aus dem 18. Jahrhundert und wurden in traditionell türkischer Bauweise errichtet, darunter auch einige herrschaftliche Villen mit prächtigen Erkern. Zweifelsohne ist der hübsche Ort mit seinen zahlreichen Restaurants, Cafés und Souvenirgeschäften vom Tourismus geprägt, dennoch stößt man außerhalb der Hauptstraßen noch auf griechisches Dorfleben. Auch ein malerischer kleiner Hafen gehört zum Ort, hier reiht sich ein uriges Fischrestaurant ans andere, außerdem gibt es in der Umgebung mehrere Hotels und Kiesstrände.

Dass das Festival in Molyvos ausgerichtet wird, ist kein Zufall. Dort hatten die Großeltern von Danae und Kiveli Dörken ein Haus, in dem die Mädchen regelmäßig ihre Sommerferien verbrachten. Irgendwann einmal, so dachten sie, werden wir in Molyvos Kammermusikkonzerte veranstalten. Sie begannen 2014 zunächst mit einem einzigen Konzert, bei dessen Planung sie Dimitris Tryfon kennen lernten. Er ist ein Unternehmer aus Lesbos und ein talentierter Amateurpianist und wurde einer der Gründer des Festivals. Im Folgejahr startete das Molyvos Festival mit drei Konzerten, und dank der guten Vernetzung der beiden Dörken-Schwestern in der Musikwelt, kamen bald exzellente Künstler nach Lesbos, um sich zu Kammermusik-Ensembles zusammenzuschließen. Dieses Jahr fanden unter anderen der russische Geigenstar Kyrill Troussov, der renommierte Klarinettist Sebastian Manz und die weltweit gefeierte Koloratur-Sopranistin Marlis Petersen nach Molyvos, um dort auf der Burg ein anspruchsvolles Programm in fünf Konzerten – darunter ein Kinderkonzert – darzubieten, das von Bach-Kantaten über Bläserquintettwerke von Ligeti bis zu Messiaens Quartett für das Ende der Zeit reichte. Dabei musizierten alle Beteiligten auf einem sehr hohen Niveau, insbesondere wenn man bedenkt, dass die Zeit zum gemeinsamen Proben begrenzt war. Was die Organisation angeht, basiert das Festival fast ausschließlich auf ehrenamtlichem Engagement und wurde 2017 auf der Musikmesse Classical:NEXT in Rotterdam mit einem Innovation Award ausgezeichnet.

Außer den Abendkonzerten wurden auch so genannte „Molyvos Musical Moments“ organisiert, unangekündigte Kurzdarbietungen einzelner Ensembles in den Straßen des Städtchens, um die Musik auch zu den Menschen vor Ort zu bringen. So mancher Dorfbewohner, der es zunächst recht eilig hatte, stellte dann spontan den Motor seines Motorrads ab und lauschte den Flötenklängen von Daniela Koch oder dem feinsinnigen Gitarrenspiel von Petrit Çeku. “Das Besondere am Molyvos Festival ist, dass die Menschen hier über die Musik zusammengeführt werden”, stellt auch der Geiger Linus Roth, der dieses Jahr zum zweiten Mal dabei ist, fest. Und dass die Konzerte in Molyvos so gut ankommen liege daran, dass “die Griechen hungrig nach Kultur sind”, meint die Sopranistin Marlis Petersen. Für sie persönlich ist das Einzigartige beim Festival, dass “man hier mehr Musikermensch ist als anderswo”. Neben Konzerten umfasst das Festival seit diesem Jahr auch ein Education-Programm, bei dem Schulkinder von Lesbos selbst ein Konzert in ihren Schulen organisierten, außerdem besuchen Musiker das ganze Jahr über Schulklassen auf Lesbos und geben dort Konzerte, um ihnen so die klassische Musik näher zu bringen. Das Molyvos International Music Festival hat zahlreiche Förderer und Unterstützer. Zu den wichtigsten Partnern gehören neben regionalen Tourismusverbänden die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Athen, das Griechische Ministerium für Kultur und Sport und die Region Nordägäis. Außerdem unterstützen die Stavros Niarchos Stiftung und die John S. Latsis Stiftung das Festival durch Spenden. Mehr über das Festival finden Sie hier, weitere Informationen über Griechenland hier.

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