Eklat in der Kölner Philharmonie

In Köln wird ein Konzert abgebrochen, weil dem Publikum die Musik zu radikal ist. Ein Musiker wird mit den Worten „Reden Sie gefälligst Deutsch“ beschimpft. Dieses Benehmen ist das Ende der wahren deutschen Kultur. Ein Kommentar

 

Von Axel Brüggemann

 

In der Kolumne letzte Woche ging es um eine Studie des Bonner Theaters. Das Ergebnis: So links wie viele Künstler, so rechts ist ihr Publikum. Heute dann die Nachricht aus der Nachbarstadt Köln: Ein Konzert des „Concerto Köln“ in der Philharmonie wurde vom Publikum massiv gestört. Neben Werken von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach stand auch Neue Musik von Fred Frith, Henry Mikolaj und Steve Reich auf dem Programm. Bei dessen Stück „Piano Phase“ (von 1967!!!) kam es zum Tumult: das Publikum wurde unruhig, begann zu lachen, zu pfeifen, zu rufen – so aggressiv und laut, dass das Ensemble sich nach einigen Minuten gezwungen sah, das Konzert abzubrechen.

Der Eklat  hatte sich bereits angekündigt, als der Cembalist Mahan Esfahani zuvor auf Englisch in das Werk einführte und Zwischenrufer ihn ankeiften: „Reden Sie doch gefälligst Deutsch!“ Auch sein späterer Versuch, in Dialog zu kommen und das Publikum zu fragen „Wovor haben Sie Angst?“ ging schief: die Kölner Nicht-Zuhörer hatten kein Interesse an einer Debatte. Sie wollten den Tumult!

Streit oder Provokation?

Grundsätzlich ist es ja gut, wenn Musik seine Zuhörer verstört. Was wäre die Musikgeschichte ohne die Eklats zu Mahlers Erster Sinfonie, ohne das Publikum, das sich bei der Uraufführung von Zimmermanns „Soldaten“ die Ohren zuhielt? Ja, mehr noch: Es ist wahre Kunst, das Unhörbare und das Unerhörte hörbar zu machen. Logisch, dass es dabei auch zur Konfrontation kommt – immer und überall.

Das Konzert in Köln aber, wenn man liest, was Anwesende berichten, hat nichts mit Provokationskunst des Klanges zu tun. Die Philharmonie wurde zu einem Ventil der gefährlichen Bürgerlichkeit, jener Biedermeier, die nur einen Anlass zur Brandstifterei suchen. Und, ja, in Köln hat sich das Kulturbürgertum nun selber demaskiert –  es hat bewiesen, dass die Angst des Bonner Theaters vor seinen eigenen Zuschauern durchaus Berechtigung hat.

Was besonders verstört, ist dass es in Deutschland inzwischen ein Klima gibt, in dem es schon lange nicht mehr um die Auseinandersetzungen zu gehen scheint, nicht um das Zuhören. Wer Angela Merkel bei Anne Will gesehen hat, wird sich an den Satz der Kanzlerin erinnern. „Ich rede mit jedem, der zuhören will“, hat sie da gesagt, „habe allerdings den Eindruck, dass es inzwischen viele gibt, die gar nicht mehr zuhören wollen.“ Und trotzdem versucht sie, weiter zu erklären.

Kulturelle Penisvergrößerung

Wie groß die Untugend des Nicht-Zuhören-Wollens ist, hat sich nun auch dort gezeigt, wo man eigentlich zum Ohrenaufsperren hingeht: im Konzert. An einem Ort, der dazu gedacht ist, neue Eindrücke zu gewinnen, der einer Kunst gewidmet ist, in der das immer Gleiche (das klassische Repertoire) jeden Abend aufs Neue kritisch befragt und interpretiert wird, an dem das Fremde, das Überraschende und das Verstörende zur Regel gehören.

Das Kölner Konzert hat nun gezeigt, dass diese Aufgabe der Kultur von vielen Menschen gar nicht mehr gewollt wird. Dass es ein erschreckend großes Publikum gibt, das – im Jargon des AfD-Programms – jenen Kitsch Kultur nennt, der lediglich der Selbstbestätigung dient, dessen Aufgabe es sein soll, die nationale Identität zu bestätigen und zu stärken, in dem sich die Dummen durch die Genies des Landes erhöht fühlen. Es gibt tatsächlich immer mehr Menschen, die das Konzert als eine Art musikalische Penisvergrößerung verstehen, die allein deshalb auf dicke Hose machen, weil sie zufällig aus dem gleichen Land wie Bach, Beethoven oder Wagner kommen. Und die zum Verbal-Krieg rüsten, sobald die Musik eines unangefochtenen, ausländischen Titans wie Steve Reich erklingt. Menschen, die es nicht mehr ertragen, wenn – oh, Untergang des Abendlandes! – internationale Künstler Englisch sprechen. Menschen, die Künstler beleidigen und anschreien sind jene Menschen, die Ausländerkindern mit besoffenem Atem „Wir sind das Volk“ entgegenkeifen. Bislang haben wir sie eher mit dem Horst Wessel Lied in Verbindung gebracht, nun ziehen sie auch Beethoven und Co. in den Schmutz.

In den letzten Wochen haben wir uns oft über unser Land gewundert: Als Asylbewerber in Köln in der Silvesternacht jede Grenze eines menschenwürdigen Staates überschritten haben, aber auch über den Ausbruch von tief verborgenen Ängsten in Form von Hass in den vielen deutschen Städten, wo Asylbewerber beschimpft und bedroht wurden. Und, ja, aus irgendeinem Grund haben wir geglaubt, dass unsere Kulturinstitutionen immun vor derartiger Engstirnigkeit sind. Dass die Straße spätestens am Ticketschalter der Philharmonie endet. Dass wenigstens die Kultur nicht zum Kampfgebiet wird, sondern eine der wenigen Institutionen bleibt, in denen Lösungen debattiert werden, in denen Räum zum Zuhören geöffnet werden, eine letzte Bastion des Miteinanders. Aber die Umfrage in Bonn und das Publikum in Köln zeigen nun: das sind sie nicht!

Die Dummdeutschen dürfen nicht das Deutsche definieren

Im Gegenteil: Der Kulturkonsum in Deutschland ist oft kein Konsum der Inspiration mehr, sondern Konsum des Bekannten und ein Baden in Vorurteilen. Es ist so weit, dass auch die Kulturinstitutionen unseres Landes zu Kampffeldern ernannt wurden. Die Wutbürger wollen ihren Bach, ihren Beethoven, ihren Wagner hören, so wie sie ihr Schnitzel und ihre dicke braune Sauce spachteln und beim Anblick eines Sushis „Ihhhh!“ schreien. Ihnen ist es Wurst, dass kein deutscher Komponist nur als Deutscher komponiert hat, dass nicht einmal Wagners Werke (welche die AfD wahrscheinlich als Kunstwerke versteht, die uns unsere deutsche Tradition bewusst werden lassen) allein aus Deutschland entstanden sind, dass Wagner bei den Franzosen, bei Auber und dem Exildeutschen Meyerbeer geklaut hat, beim Italiener Verdi und bei Rossini, dass es, verdammt, keine deutsche Kunst gibt, die allein aus deutscher Über-Deutschheit geboren wurde!

Die Frage ist, was wir nun aus den Vorfällen während des Kölner Konzertes machen? Es wird langsam schwer, immer weiter auf Dialog zu setzen. Und doch: Der Dialog ist die einzige Lösung. Denn wer in Konzerte geht, weil er die Musik liebt, weiß, dass gerade diese Kunst nur dann funktioniert, wenn jeder auf jeden hört, wenn man gemeinsam über Interpretationen streitet – und am Ende zusammen ein Werk interpretiert. Daniel Barenboim zeigt das mit seinem West-Eastern-Divan Orchester. Auch hier geht es ihm nicht darum, dass alles Friede-Freude-Eierkuchen ist, sondern darum, dass gestritten wird, „nur wenn wir dann Beethoven spielen“, sagt Barenboim, „dann müssen wir uns, wohl oder übel, für eine gemeinsame Interpretation entscheiden.“ Und darum muss es in Zukunft auch an deutschen Bühne und in deutschen Konzerthäusern gehen: Beethoven, Bach und Reich gehören niemandem – sie stehen jeden Abend aufs Neue im Raum, um uns das Zuhören zu lehren.

Weiter reden, weiter zuhören!

Es wäre falsch, die vermeintlichen Bildungsbürger, die in Köln als verbale Brandstifter aufgetreten sind, auszusperren. Niemand braucht Kultur so sehr wie sie! Und, ja, wir müssen weiterhin versuchen, ihnen unsere Sicht der Kunst zu erklären. Wenn sie es auf Englisch nicht verstehen, dann eben auf Deutsch! Dass es viele Menschen gibt, die gar nicht mehr zuhören wollen, entlässt weder Angela Merkel noch uns Kulturschaffenden aus der Verantwortung, weiter zu erklären. Und, nein, niemandem ist geholfen, wenn der eine seine Ohren verschließt, die eigenen auch zu verschließen. Es ist richtig, dass Kölns Intendant Louwrens Langevoort angekündigt hat, das Ensemble noch einmal mit Steve Reich einzuladen. Um jedem Kölner die Möglichkeit zu geben, zuzuhören, wenn das Neue, das Andere erklingt.

Denn eines darf nicht und niemals passieren: Dass die Dummdeutschen uns sagen, welche Musik zu unserer Kultur gehört. Jedem steht es frei für jedes Konzert Karten zu kaufen oder eben nicht. Und, ja, selbst aufgeregter Protest gehört zum Kulturleben. Der aber kann nur dann ernsthaft ausgedrückt werden, wenn man zuvor wenigstens versucht, zuzuhören. Sollten die Bürger, die ihre Ohren zuhalten und ihre Mäuler aufreißen in Zukunft bestimmen, was an deutschen Philharmonien gespielt wird, und welche Musik auf der Müllhade des Entarteten landet, erreichen sie damit nur eines: Das Ende jener Kulturnation, die Deutschland gerade deshalb geworden ist, weil seine Künstler immer wieder in die Welt gezogen sind, um mit offenen Ohren und offenen Augen neue Eindrücke in unsere Museen, Theater und Konzerthäuser zu bringen. Deutschland ist jene Kulturnation, die sie ist, weil sie seit Jahrhunderten so undeutsch gedacht hat – ihr eigentlicher Kern ist eben nicht die Selbstbestätigung, sondern die Öffnung in die Welt.

Share

Kommentare

  1. 1. März 2016 at 19:22

    Sehr geehrter Herr Brüggemann, vielen Dank für diesen sehr , sehr, sehr gut geschriebenen Artikel. Mehr kann ich i.M. gar nicht schreiben, da mir – als musikbegeisterter Mensch – der Atem fehlt um die vielen Gedanken “um Köln” zu sortieren. Mensch – ist Kommunikation anstrengend – aber wohl der einzige, richtige Weg!?

    • Ulrike Meyer
      2. März 2016 at 14:36

      Finde Ihre Darbietung toll. Bitte weiter so.

    • 3. März 2016 at 17:08

      Oh no – ONOO – weder Wissenschaft noch Kunst und Kultur können demokratische Veranstaltungen sein – warum sich also nach unten (den “Dummdeutschen”)orientieren? Nie und nimmer – die Deutungs- und Ausführungshoheit haben die Küsntler und Musiker und nicht das VOLK.
      Dagegen hat eine Kanzlerin, die nach demokratischen Regeln gewähhlt wurde, sehr wohl eine Verpflichtung dem eigenen Volk gegenüber und insbesondere hat sie alle demokratischen Regeln sprich Gesetze und unser Grundgesetz nicht nur zu respektieren, sondern umzusetzen.
      Insofern hingt ihr Vergleich Herr Brüggemamnn leider in allen Dimensionen. Lassen Sie doch solche Anbiederei – oder wollen Sie sich im Schatten einer vermeintlich Mächtigen und Moralischen sonnen? In Anbetracht Ihrer Vita mit ZDF und ARD ist das nachvollziehbar – aber nicht tolerierbar und auch nicht alternativlos…..
      “Im Jahr 2006 kritisierte Brüggemann zunächst unter eigenem Namen im Magazin Park Avenue die Berliner Philharmoniker und ihren Chefdirigenten Sir Simon Rattle. Das Orchester habe keinen „deutschen Klang“ mehr, andere könnten besser „in Schwarz-Rot-Gold“ musizieren” – das steht in WIKIpedia über SIe: da muss ich Sie als Psychotherapeutin natürlich fragen: Sind Sie auf dem Weg der Selbstfindung? Das wäre ehrenhaft, aber Sie asl Person ders öffentlichen Lebens sollten das nicht vor Publikum machen, sondern erst einmal mit sich allein abmachen. Wenn Sie dann klarsehen für sich selbst, gibt`s auch wieder gute (nicht mainstream) Artikel.
      Ich hoffe, Sie kommen mit meiner Offenheit klar.

  2. Didi Beck
    1. März 2016 at 20:22

    Vielen Dank für ihre Worte, sie sprechen mir schlicht und ergreifend aus der Seele

  3. Alexander Dorn
    1. März 2016 at 20:34

    Unfug.

  4. 1. März 2016 at 20:48

    Ein übler Vorgang, der mich in der Philharmonie freilich nicht so völlig überrascht – ein extrem lesenswerter Text. Meine Meinung dazu (frei nach Kinski): Mit dem Kauf einer Eintrittskarte hat man nur ein einziges Recht erworben – bis zum Ende der Vorstellung die Schnauze zu halten. DANACH kann man gerne über alles reden, VORHER NICHT. Natürlich gibt es Ausnahmen, beispielsweise gewisse Formen des Kindertheaters (wie auch ich sie teilweise betreibe), des Imropvisationstheaters, der Eventkunst. Nur muss das Publikum sich IMMER den Erfordernissen der Aufführung unterordnen. Läuft es andersherum, kann man jede Art der Kunst sofort in die Tonne kloppen.

  5. Marcel Hähnel
    1. März 2016 at 23:09

    Was ist denn in dem Text mit dem Namen Henryk Mikołaj Górecki geschehen?
    Was die Publikumsreaktion angeht, bin ich entsetzt. Diese Stimmung im Lande, in der man es nun als angewandte Demokratie versteht, mit der Mistgabel auf alles loszugehen, was man selbst nicht kennenlernen möchte, bereitet mir massives Unbehagen. An einer Stelle möchte ich dem Autor dennoch ein wenig wiedersprechen. Ich denke nicht, dass das Problem der Störer primär in Reichs Nationalität lag. Sonst wäre ja bereits bei Górecki oder Frith der Tumult gestartet. Ein Werk von Leonard Bernstein wird von diesen Menschen sicherlich noch eher angenommen als ein Werk des Güterslohers Hans Werner Henze (oder bin ich jetzt zu optimistisch, was die Akzeptanz eines jüdischen Komponisten angeht?). An der Problematik von erzkonservativen Pöblern, die anderen ihren Willen aufzwingen und sich dabei in der legitimierten Mehrheitsvertretung sehen, ändert das aber auch nichts.

  6. Gisela Rindle
    2. März 2016 at 00:35

    Lieber Herr Hähnel, Henze ist aber kein Jude, im Gegenteil, ihn ärgerte die rechte Gesinnung seines Vaters….

  7. HaPe Haefel
    2. März 2016 at 01:06

    Da ist nicht mehr hinzu zu führen! Danke für die deutlichen Worte.

  8. 2. März 2016 at 08:18

    @Gisela Rindle: Herr Hähnel meinte Leonard Bernstein mit dem jüdischen Komponisten, und das ist durchaus richtig. Und Henze ist leider nicht mehr unter uns (er hätte sich sehr über diesen Vorfall aufgeregt).
    Das schockierende an dem Vorgang ist, dass die angeblich “provokanten” Komponisten aus Köln eigentlich zu denjenigen gehören, die im Neue Musik-Lager als extrem publikumsfreundlich und gut hörbar gelten. Ich frage mich was los gewesen wäre, hätte man radikalere Musik gespielt…
    Danke für diesen Artikel!

    • Urs Liska
      2. März 2016 at 12:47

      Ich glaube, das einzig wirklich radikale an einer (der) Aufführung von “Piano Phase” ist die tatsache, dass es immer noch ein Mensch ist, der diese nahezu unmögliche Aufgabe meistern muss, so minimal(istisch) gegen sich selbst anzutreten, während ein Computer die Sache mit einem Mausklick erledigen könnte.

      Ansonsten ist doch lediglich provokant daran, dass man sich nicht nach dreieinhalb Minuten entspannt dem nächsten Zwischentext zuwenden kann.

  9. Dennis Kuhn
    2. März 2016 at 09:32

    Ja, widerlich und gar nicht so neu. Das ist mir 2013 in Berlin(!) im Konzerthaus(!) mit demselben Stück von Steve Reich, hier in der Fassung für zwei Marimbas, passiert. Ich hatte damals das Konzertprogramm mit den Schlagzeugern des Schleswig-Holstein Festival Orchesters einstudiert. Wir konnten kaum fassen, was da in der Hauptstadt abging. Hier ein kleiner Auszug einer Zeitungskritik von Clemens Haustein:

    „RADAU BEI YOUNG EURO CLASSIC

    Mit der Exaktheit von Maschinen

    Nicht gerade die feine Art: Als Steve Reichs „Piano Phase“ bei Young Euro Classic zur Aufführung kam, wurde wütend mit den Türen geschlagen, in den Saal hineingerufen, gebuht, gepfiffen und dazwischen geklatscht, um das offenbar entsetzliche Stück vorzeitig zu beenden.

    Auch im Konzertsaal ist heute noch der Skandal möglich. Es kam am Sonntagabend bei Young Euro Classic im Konzerthaus zwar nicht zu Handgreiflichkeiten wie vor hundert Jahren etwa bei der Uraufführung von Strawinskys „Sacre du printemps“. Aber es wurde doch immerhin wütend mit den Türen geschlagen, in den Saal hineingerufen, gebuht, gepfiffen und dazwischen geklatscht, um das offenbar entsetzliche Stück vorzeitig zu beenden. Die sich da so rüpelhaft benahmen, waren – man muss es leider sagen – vor allem ältere Menschen. Und was sie so in Rage brachte ein Werk des Minimal-Music Komponisten Steve Reich für zwei Marimbaphone. Es schien dann auch völlig egal zu sein, dass es sich bei den beiden Schlagzeugern um junge Nachwuchsmusiker des Schleswig-Holstein Festival Orchesters handelte, denen man als Zuhörer doch zumindest mit gutem Willen begegnen sollte. Es wurde Radau gemacht.

    Warum die Aufregung? Steve Reichs „Piano Phase“ ist ein Werk, das mit der ständigen Wiederholung einer Reihe aus zwölf Tönen arbeitet. Zunächst spielen die beiden Musiker diese Reihe unisono, bis einer von ihn das Tempo beschleunigt und eine Phasenverschiebung herbeiführt: Die beiden Reihen werden dann zunächst um einen Ton verschoben gespielt, später um zwei Töne verschoben, um drei Töne – bis nach zwölf Verschiebungen wieder das Unisono erreicht ist. Effekt bei der ganzen Sache ist, dass aus dem Einerlei heraus schwer ortbare Interferenzen entstehen: seltsam schwebende Rhythmen, überraschende Betonungen einzelner Noten, Obertongezirpe. Das erinnert an Licht, das auf einer welligen Wasseroberfläche reflektiert wird: es glänzt scheinbar immer gleich, pulsiert in Wahrheit aber doch in feinen Nuancen. [...]“

    • Alena
      2. März 2016 at 22:16

      Vielen Dank für die Erklärung. Das Stück ist einfach genial und ich finde es erschreckend, dass Menschen die in Konzerte gehen es nicht schaffen könne sich so ein Stück anzuhören und zuhören was dabei überhaupt in der Musik passiert…..

    • angelika susanne
      7. März 2016 at 12:10

      lieber Dennis,
      vielen herzlichen Dank für die ausführliche Beschreibung dieses Stückes, das anscheinend die Gemüter aufzuwühlen scheint. Dies ist ja wünschenswert für interessante Musik. Dass allerdings nicht zwischen dem Interpreten und der Musik selber unterschieden wird ist unverständlich. auf jeden Fall bin ich froh, dass Musik wieder einmal etwas bewirkt hat und Anlass zu Diskussionen gegeben hat.

  10. Hansi Erbes
    2. März 2016 at 10:51

    Einen Menschen wie Esfahani in Ausübung seiner Kunst anzupöbeln – das ist unterstes Niveau. Dumm. Beschämend. Nachhaltig.

  11. Jürgen Weissmann
    2. März 2016 at 11:45

    Ausgerechnet in einem Konzertsaal, an dem am 24. Januar 1975 ein amerikanischer Jazzpianist Musikgeschichte schrieb.

    https://de.wikipedia.org/wiki/The_Köln_Concert

    • Jürgen Weissmann
      2. März 2016 at 11:46

      sorry, …in dem

    • Sabine Krasemann
      2. März 2016 at 15:23

      Das Köln Konzert war in der Kölner Oper. Noch ein peinliches Kölner Thema….

      • Sabine Krasemann
        2. März 2016 at 15:25

        Einen richtigen Konzertsaal hatte Köln nämlich 1975 noch gar nicht. Und auch die Philharmonie (1986 eröffnet) war ja ursprünglich als Mehrzweckhalle geplant.

  12. Raimund Ritz
    2. März 2016 at 11:58

    Kölner Stadtanzeiger: “Halbwegs beruhigt kehrte Esfahani dann allerdings auf die Bühne zurück, um noch das Konzert und sogar eine Zugabe zu spielen. Am Ende bat ein ebenfalls aufgebrachter Besucher um Entschuldigung für „den empörenden Vorfall“.”
    Ein Zuschauer, der den Mut hat, aufzustehen und sich für den Pöbel zu entschuldigen, und ein Musiker, der den Mut hat, nochmal ´raus zu gehen und weiter zu machen. Das finde ich eigentlich sehr bemerkenswert und macht mir wiederum Mut.

  13. Ingrid Strobl
    2. März 2016 at 13:10

    Vielen Dank! Habe Ihren Kommentar auf Facebook geteilt, hoffe, er wird von vielen gelesen.
    Steve Reich war übrigens vor ein paar Jahren in Köln mit zwei wundervollen Konzerten (erst im Ludwig Museum, dann in der Philharmonie) – und das Publikum war glücklich und dankbar. Da war allerdings “nur” Steve Reich, ohne Klassik vorneweg. Gemischt wird´s dann offenbar so wie jetzt?
    Beste Grüße
    Ingrid Strobl

  14. Peter Peters
    3. März 2016 at 15:25

    Erstaunlich wie von dem einen auf das andere geschlossen wird. Was hat die Beschwerde “sprechen sie Deutsch” mit dem Unmut über ein minimal Stück zu tun? Aber man muss natürlich direkt seine totale Überlegenheit hier deutlich machen. Sowas kotzt mich echt an. Ich persönlich hätte auch keine Lust auf 16 Minuten von 12 gleichen Tönen wo sich nur bei genauem hinhören Unterschiede erkennen lassen, besonders nach ein paar “normalen” Musikstücken. Aber hey sonnt euch auf eurem Thron der moralischen Überlegenheit wenn es euch glücklicher macht.

  15. Christian Abendstern
    3. März 2016 at 16:28

    War ja klar, dass die AfD als Sündenbock herhalten muss. Dabei kommentiert Dennis Kuhn, dass er ähnliches 2013 im Berliner Konzerthaus mit demselben Stück von Steve Reich erlebt hat und zitiert aus einer Zeitungskritik von Clemens Haustein mit dem Titel „RADAU BEI YOUNG EURO CLASSIC”.

    Wäre es nicht ein Gebot der Höflichkeit gegenüber dem Publikum und den Subventionen deutscher Behörden, dass fremdsprachige Ansagen auf Deutsch wiederholt werden? Bei dieser Gelegenheit könnte man ja auch gleich ein paar Worte zu diesem Stück von Reich sagen, damit ein größerer Anteil des Publikums eine Chance hat, es zu verstehen. Aber dies würde wohl diejenigen stören, die sich daran ergötzen, sich über die beschränkte(n) musikalische Bildung, Sprachkenntnisse und kurze Geduldsspanne vieler Zuhörer zu echauffieren.

    PS: Da sich vermutlich hier die wenigsten seriöser *alternativer* Nachrichtenquellen bedienen wie z. B. der Wochenzeitung “Junge Freiheit” hier noch der Hinweis, dass es sich bei AfDlern (im Kontrast zu Demos, bei denen jeder mitlaufen kann) überwiegend um Menschen aus dem Bildungsbürgertum handelt, die kein EU-Großreich sondern in Anlehnung an de Gaulle und Adenauer ein friedlich kooperierendes Europa der Vielfalt wollen und nicht tatenlos zusehen können/wollen, wie Merkel & Co. Europa und Deutschland auf dem Altar der Finanzkonzerne opfern. Als Volkswirt traue ich mir zu, dies festzustellen, weiss aber leider auch dass der homo oeconomicus nur selten vorkommt, während der homo vulgaris oftmals angenehme Lügen unangenehmen Wahrheiten vorzieht. Ich wünsche den Titanic-Passagieren noch gute Unterhaltung!

  16. Michael Bahr
    3. März 2016 at 17:30

    Ich finde es in der Tat interessant zu erfahren, dass Reichs Stück schon einmal – in “Vor-Flüchtlingskrisen-Zeiten” für ähnlichen Ärger gesorgt hat. Und damals war das kein deutschlandweiter Aufreger. Scheint also bei diesem Werk dazuzugehören, ordentlich Dampf abzulassen. Ehrlich gesagt: Mich nervt “Piano Phase” ebenfalls. Ich finde Esfahanis letztes Jahr erschienene CD, auf der er mit Concerto Köln neben eben diesem Werk noch Musik von Bach, Gorecki, Geminiani etc. spielt, ausgezeichnet. Goreckis Cembalokonzert von 1980 höre ich mir sogar sehr gerne an, aber eben nicht den Reich, der sägt an meinen Nerven. Allerdings käme ich nicht auf den Gedanken, ein Konzert niederzubrüllen, nur weil mir ein einziges der aufgeführten Werke nicht gefällt. Das ist ungezogen! Haben die Schreihälse nicht an die Zuhörer gedacht, die ruhig zuhören wollten? Die auch bei Reich zuhören wollten? Mit welchem Recht versaut man anderen Menschen das Konzert, nur weil einem selbst eine Laus über die Leber gelaufen ist? Das ist das Unverschämte an diesem Vorgang. Die Rechte derjenigen, die ihren Eintrittspreis entrichtet hatten, in der Erwartung, in Ruhe den unterschiedlichen Musikstücken zuhören zu können, wurden von ungezogenen Lümmeln (wohl Rotzlöffel älteren Semesters in diesem Falle) mit Füßen getreten. Wenn man Reichs Musik nicht mag (wie gesagt: ich mag sie auch nicht) kann man das nach Beendigung der Aufführung deutlich machen, indem man nicht applaudiert, in lautes Buhrufen ausbricht, wütende Briefe an die Konzertintendanz verfasst oder sogar den Interpreten selbst kontaktiert, um ihn zu fragen, warum er so einen tönenden Blödsinn überhaupt aufführt (oh, ich vergaß, zu letzterem müsste man ja des Englischen mächtig sein in diesem konkreten Falle). Also: all dies könnte man tun, ohne damit die anderen Konzertbesucher zu schädigen.

  17. Inka
    3. März 2016 at 20:02

    Ich habe versucht, mir das Musikstück bis zum Ende anzuhören,
    und kann sagen, diese Art von Musik macht mich regelrecht aggressiv!
    Das ist ja dermaßen nervend.
    So einfach erklärt sich vielleicht auch die Reaktion mancher Leute im Publikum,
    und hat garnichts mit Rassismus oder so zu tun. Die haben es einfach nicht mehr ertragen,
    und waren meinetwegen auch schlecht erzogen. Ich wäre einfach gegangen….

  18. Christian Kucera
    4. März 2016 at 01:44

    Ich, persönlich, auch und gerade als Akademiker, sehe mich absolut auf der Seite der “Störer”, und zwar hauptsächlich aus folgenden Gründen:
    1) Ich habe in England mein Abitur gemacht und in Schottland meinen Magister und habe daher keinerlei Verständnisprobleme was das Englische angeht, aber ich erwarte trotzdem, daß man in Deutschland mit mir deutsch spricht – und wenn ein Künstler das nicht kann (was er ja auch gar nicht können muss, wenn er nicht aus Deutschland kommt), dann muss es eben vorab, oder live, übersetzt werden.
    2) Ich liebe Musik, aber nur melodische, so einfach ist das. Und ich will nicht, daß man mir quasi ungefragt mehr oder weniger experimentelle Musik vorsetzt und damit versucht meinen Horizont zu erweitern oder ähnliches – aber leider muss ich ja mittlerweile zwangsweise solche “Musik” mit anhören, denn es gibt doch praktisch gar kein Konzert mehr, bei dem nur Klassik gespielt wird. Für jedes Stück von Mozart wird eins von Hindemith mitgeliefert, für jedes von Mendelssohn eins von Schönberg, usw. usf. und dann soll ich darüber auch noch froh sein?
    Ich bin ein denkender Mensch der sich gerne selbst aussuchen würde, was er anhört, und wenn die (im übrigen im höchsten Grade subventionierten) Konzerte so aufgeteilt wären, daß zu einem jeden Termin entweder nur Klassik oder nur moderne Musik gespielt würde, dann würde man in den meisten Fällen auch sehen, daß die modernen Konzerte fast leer blieben – weil die meisten Menschen nun einmal Klassik bevorzugen. Moderne Stücke werden doch nur gespielt, weil sie den Menschen untergeschoben werden: ohne Steve Reich kein Beethoven: das ist purer Zwang!
    Es wäre zu wünschen, und würde mir persönlich größte Genugtuung bereiten, wenn diesem unsagbaren Usus jetzt baldigst ein Ende bereitet würde; und wenn lautstarker Protest das Mittel dazu ist, dann werde ich mich ebendem demnächst gerne auch anschließen!

    • Carl Wilhelm
      4. März 2016 at 08:31

      Sehr geehrte Damen und Herren,

      gerade an meinen Vorredner Christian Kucera folgender Hinweis:
      Der Musiker im Konzertsaal ist nicht dafür da, die Konsumlust der hörenden Masse zu befriedigen. Dann kaufen Sie sich bitte keine Konzertkarten, sondern CDs, Schallplatten oder bewegen Sie sich im Internet auf YouTube und Spotify!
      Musiker sind keine gedankenlosen, verdummten Wiedergabemaschinen von Wunschkonzerten für Gewohnheitsohren, sondern entscheiden als mündige und denkende Menschen über ihr eigenes Programm! Wenn das dem einzelnen Künstler abgesprochen wird, ist das wirklich das Ende jeder Kultur!!
      Informieren Sie sich vor dem Konzert über das Programm, entscheiden Sie ob Sie Karten möchten und lassen Sie dann einfach dem Künstler seine Arbeit tun, in dem er versucht Sie und ihr Inneres zu erreichen.
      Die Aufgabe des Künstlers ist nicht, irgendeinen Musikgeschmack zu befriedigen – mit dieser Erwartung ist man auch bei Beethoven, Bach, Mozart, Wagner, Bruckner etc. vollkommen falsch im Konzertsaal!

      Mit freundlichen Grüßen,
      Carl Wilhelm

      • Michael Scheiner
        5. März 2016 at 23:01

        Danke Herr Carl Wilhelm.

      • 7. März 2016 at 15:14

        Danke Herr Carl Wilhelm !!! Ja, niemand ist gezwungen, sich zeitgemäße Musik oder überhaupt irgend eine bestimmte Musik anzuhören oder damit zu beschäftigen, wenn er das nicht will oder wenn er aus welchen Gründen auch immer (geistig?) nicht dazu in der Lage ist – aber es anderen zu vermiesen und durch übelste Störungen und mit ungezogenen, unhöflichen, unflätigen Äußerungen eine Aufführung zu verhindern, das ist absolut unerträglich !!!

  19. Vanhob
    4. März 2016 at 08:32

    Schade da scheint jemand rein gar nichts begriffen zu haben!
    Aber wie man sieht, nützt es nicht immer etwas Akademiker zu sein .
    Das ist keine Garantie dafür Musik oder Kunst begreifen zu können.
    Dazu gehört einfach mehr..
    Offenheit und Toleranz zum Beispiel wäre ein guter Anfang.
    Kunst muss auch nicht immer nur gefallen. Sie kann auch anregen,provozieren und mehr.
    Den Zugang zu neuer Musik kann man sich, wenn nicht vorhanden, auch erarbeiteten.
    Das Konzept neue und alte Musik zu kombinieren, ist eine große Chance für das Publikum sich weiter zu entwickeln. Weiter so….

  20. Fa'iqah
    4. März 2016 at 08:57

    Sehr geehrte kapitalistische Schafe, ins besonders Herr Kucera

    man kann einfach nicht nur in seiner Konfortzone leben und immer seine eigene Sprache überall hören und die Musik hören, die vor 300 Jahre komponiert wurde, nur weil sie Ihre rechts-extreme orientierte Ohren streichelt. Zu “Akademiker sein” gehört es mehrere Sprachen gut zu verstehen, immer ein offenes Ohr für Musik zu haben und vor allem, sich im Konzertsaal benehmen zu können.
    Es gibt keine Epoche, wo die zeitgenössische Musik nicht überwiegend aufgeführt wurde, unsere Zeit ist leider eine große Ausnahme.
    Bitte verwechseln Sie Ausbildung nicht mit Ignoranz und Enge.
    Wenn Musik zum Befriewdigungsinstrument für rechts-extremistische kapitalistische faule alte “Akademiker” wird, dann ist die Deutsche Kultur endgültig zerstört.

    Mit freundlichen Grüßen
    Fa’iqah

    • Michael Scheiner
      5. März 2016 at 23:08

      In der Sache gebe ich Ihnen weitgehend recht, Herr/Frau Fa’iqah. In der Wortwahl finde ich Ihre Kritik zum Teil sehr überzogen und unpassend. Es ist nicht notwendig mit beleidigenden Ausdrücken und herabsetzenden Äußerungen zu argumentieren. Wer argumentiert wie Herr Kucera setzt sich selbst schon herab.

  21. Inka
    4. März 2016 at 10:45

    Ganz schön grenzwertig,
    hier werden Kommentatoren mit anderer Meinung übel beschimpft als rechtsextreme dumme kapitalistische Säcke, und so was wird auch noch freigeschalten….
    Aber natürlich muss es ja am Zuhörer liegen, wenn Musik nicht gefällt, was für eine abgehobene Meinung…..Im übrigen hat selbst der Herr Reich seine Musik experimentell genannt, er war wohl selber nicht überzeugt, und wundert sich vielleicht, daß man sie noch immer spielt. ;)
    Immerhin kriegt der Künstler in Köln ja nun eine extra Konzert, dies wird sicher gut besucht sein, schon von den Künstlerkollegen. Wollen wir dahin, daß sich die Künstler nur noch gegenseitig gut finden? Weil sich das böse Publikum nicht weiterentwickeln will?
    In dem Zusammenhang sogar zu behaupten, das Publikum möge grundsätzlich keine “ausländische” Musik, ist ja nun der Gipfel, und durch nichts im tägl. Leben zu belegen.
    Allerdings dem Satz oben im Artikel kann ich nur zustimmen, je linker die Künstler, desto rechter das Publikum, das scheint vor allem in der Wahrnehmung der Künstler so zu sein.
    Letztens war ich im Theater, einfach eine Komödie, da nahm sich der Hauptdarsteller tatsächlich eine Viertelstunde Zeit, um mitten in der Vorstellung vor dem geschlossenen Vorhang dem Publikum zu vermitteln, welche Parteien man nicht wählen solle.

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *