Querkopf mit Steinway-Flügel: Krystian Zimerman

Foto: Krasskara, DGG

Den üblichen Regeln des Musikbetriebs will sich Pianist Krystian Zimerman partout nicht anpassen. Nur 50 Konzerte gibt er pro Jahr. Im Jetset-Tempo Auftritte rund um den Globus abzuhecheln ist seine Sache nicht.

Krystian Zimerman ist ein konsequenter Abweichler vom Klassik-Mainstream. So ist er stets mit eigenem Flügel unterwegs. Das ist seit 25 Jahren ein Steinway, „aber warum wollen Sie die Marke wissen? Ist das wichtig, ein Label?“, rebelliert er prompt gegen die Frage. Dass der gebürtige Pole 1975 als jüngster Teilnehmer mit 18 Jahren beim renommierten Chopin-Wettbewerb in Warschau den ersten Preis gewann, quittiert er heute mit Achselzucken, „Ach, das ist doch schon so lange her!“ Er musizierte mit Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und langjährig mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle. Mit ihm verwirklichte er vor zwei Jahren einen lang gehegten Wunsch, die Einspielung von Lutosławskis Zweitem Klavierkonzert und der Zweiten Sinfonie, aufgenommen während eines Live-Konzertes in der Berliner Philharmonie.

Doch es ist auch 25 Jahre her, dass Zimerman seine letzte Solo-Einspielung machte. Danach Pause, ein Vierteljahrhundert! Jetzt also, im Alter von 60, hat er endlich Franz Schuberts letzte zwei Sonaten aufgenommen: die mächtige Sonate Nr. 20 A-Dur D 959 und die Sonate Nr. 21 B-Dur D 960, die als Schuberts instrumentaler Schwanengesang gilt. Die zwei – so die Einschätzung der Nachwelt – reifsten Werke, komponiert in seinen letzten Lebensmonaten zwischen Frühjahr und Herbst 1828.

Musste der gefeierte Zimerman erst 60 werden, um sich an diese wichtigen Stücke, die als „harter Kern“ des Klavierrepertoires gelten, zu wagen? „Oh nein“, stellt er lebhaft klar, „ich nahm sie bereits 1990 auf. Aber ich fand sie einfach nicht genug, ich wollte nur eine weitere Aufnahme auf den Markt bringen, wenn sie meinen Ansprüchen genügt“. Der Perfektionist ist auch ein Verfechter des Live-Auftritts: „Ich bin generell kein Fan der Phonographie“ – er benutzt absichtlich diesen Begriff – „denn Musik live kann so powerful sein, das ist Emotion, in Zeit organisiert! Musik ist Zeit“, erklärt er. Im 19. Jahrhundert habe das Publikum den Künstler live gesehen, seine Glaubwürdigkeit erleben können, „dann kamen diese Geräte …“, schüttelt der Pianist den Kopf. Und warum konserviert der Mensch Musik? „Weil er es kann“, sagt Zimerman achselzuckend.

Nun kann – und will – auch der Klaviervirtuose mal wieder. Schuberts zwei letzte Sonaten sind geradezu geheimnisumwittert, Experten und Kritiker interpretierten vielfältig in dieses Vermächtnis des allzu früh Verstorbenen. Sind die Stücke tatsächlich so düster, melancholisch, endzeitlich, wie es die Nachwelt oft vermutet – und müssen sie auch so gespielt werden? Die zweiten, langsamen Sätze seien die traurigste Musik, die er kenne, so Zimerman im Booklet zum Album. Aber beide Scherzos seien voll Humor. Und im Interview ergänzt er: „Ich sah Schubert als kranken Mann, der seinen Tod voraussieht, wollte deshalb das Scherzo in der Sonate Nr. 20 auch nicht lustig spielen. Das war falsch“, habe er jedoch erkannt. Denn eigentlich sei Schubert durch mangelnde Hygiene gestorben, also nichts von trauerumwölkter Todesahnung: „Immerhin ging er kurz vorher noch von Wien nach Eisenstadt und besuchte Haydns Grab, zu Fuß! 70 Kilometer!“, rechnet Zimerman geradezu triumphierend vor.

Eingespielt wurden die Sonaten in der japanischen Stadt Ka­shiwazaki. In der 2007 von einem Erdbeben erschütterten Stadt gab Zimerman ein Gratiskonzert. Als er hörte, dass der Konzertsaal wieder aufgebaut worden war, noch dazu von einem Schüler des weltweit gefragten Akustikers Yasuhisa Toyota (Elbphilharmonie Hamburg, Pierre-Boulez-Saal Berlin), wollte er dort Schubert aufnehmen. Alles klappte, bis auf das Wetter. „Es gab einen irren Schneesturm, wir waren eingeschneit, mussten uns aus dem Konzertsaal fast heraushacken“, erinnert er sich lachend; dank des grandiosen Einsatzes aller Mitarbeiter sei man aber bestens versorgt worden. „Eigentlich hätte ich unter diesen Umständen die Winterreise aufnehmen sollen.“

Schubert ist dem Weltklassemusiker Zimerman sehr nahe, auch wenn zwei Jahrhunderte zwischen den Künstlern liegen. Die Zeiten haben sich in manchem nicht geändert. „Schubert war gegen das Militär. Wenn er Militärmusik schrieb, dann war das sarkastisch“, sagt er, „das ist mir sehr sympathisch.“ Er habe sich nie in die vorgegebenen Wiener „Kästchen“ eingefügt. Das scheint auch für den im besten Sinne eigensinnigen Zimerman zu gelten. „Die Phonographie ist genauso ein Denkfehler wie die Gründung von Nationen“, sagt der Pole – „eigentlich bin ich Schlesier“ –, der seit über 20 Jahren im schweizerischen Basel lehrt und lebt, aber von sich sagt: „Ich bin in keinem Land zu Hause, ich bin Weltbürger und lebe auf drei Kontinenten gleichzeitig.“

Die Vereinigten Staaten stehen momentan nicht auf dem Tourneeplan. Nein, nicht wegen der Flügelaffäre, betont er. Im Jahr 2001, kurz nach den Anschlägen vom 11. September, hatte man seinen Flügel in den USA wegen Terrorverdacht zeitweise beschlagnahmt und untersucht. „Ich bekam von der Post einen riesigen Sack mit Tasten zurück“, bemerkt er mit buddhahafter Gelassenheit. „Es wurden in respektablen Medien falsche Informationen über mich verbreitet und bis heute nicht rechtlich geklärt. Somit sind für mich die Voraussetzungen für Konzertreisen in die USA derzeit nicht gegeben.“ Sein letztes Konzert in Amerika war 2009, wo er mit einer Bemerkung gegen die US-Stationierung in Polen für einen Eklat sorgte. „Ich bin kein Anti-Amerikaner, ich mache nur meine Klappe auf“, betont er. „Mir ist Komplexität sehr wichtig. Die Welt ist eben nicht nur schwarz-weiß! Und komplexe Dinge mit nur vier Wörtern erklären zu wollen – das ist eine Tragödie!“
Ein Nonkonformist ist Zimerman auch bei der Gestaltung des Programms für seine Konzerte. Oft gibt es nämlich keines. „Der Veranstalter fragt: Was spielst du? Ich antworte: Weiß ich nicht!“, lacht er. „Ich habe ein fantastisches Publikum! Die kommen einfach trotzdem, vertrauen mir. Das geht seit Jahren bis heute so – wunderbar!“

Aktuelle CD:

Krystian Zimerman:
“Piano Sonatas D 959 & D 960″

(Deutsche Grammophon)
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