Linke Bühne, Rechtes Publikum?

Eine Umfrage aus Bonn zeigt: Das deutsche Theaterpublikum ist weitgehend konservativ und in Teilen rassistisch. Wie sollen aufgeklärte Theatermacher damit umgehen? Ein Kommentar.

Von Axel Brüggemann

Das war ein bedrückendes Gespräch, das Christiane Florin kürzlich im Deutschlandfunk mit Regisseur Volker Lösch geführt hat. Es ging um eine Aufführung von Lessings Religionsparabel „Nathan der Weise“. Bei Lösch prangert ein Bürgerchor aus jungen Muslimen dabei den „bürgerlichen Rassismus“ in Deutschland an. Florin will wissen, ob nicht viele dieser bürgerlichen Rassisten auch im Publikum der deutschen Theater sitzen würden. Die Antwort von Lösch ist erschreckend: „Wir haben in Bonn eine Umfrage zu dem Thema gemacht und nach Vorstellungen im Schauspiel und in der Oper Fragebögen verteilt. Die Ergebnisse sind schon recht ernüchternd. Wenn man bedenkt, dass so etwas wie eine intellektuelle Elite einer Stadt dort verkehrt, eine Klientel, die sich als aufgeklärt betrachten würde – was da dann rüberkommt. Das ist schon irritierend.“

Das Ergebnis der Bonner Umfrage: Der Anteil von Fremdenfeinden und latenten Rassisten im Publikum ist unerwartet hoch. Löschs Resümee: „Ich glaube nicht, dass man derzeit sagen kann, dass es irgendwo in der Gesellschaft einen Ort oder einen Hort von besonders gutwilligen, toleranten, aufgeklärten Menschen gibt, die der Sache, die derzeit verhandelt wird (die Flüchtlingspolitik), gelassen entgegensteht.“ Für Lösch haben rassistische und fremdenfeindliche Bewegungen im kulturellen Establishment längst Fuß gefasst. Auch Theater, die lange den Mythos der Aufgeklärtheit ihres Publikums pflegten, haben ihre Unschuld inzwischen verloren. „Die sind nicht so weit von dem, was aus Pegida-Kreisen kommt“, sagt der Regisseur, „es sind Ängste vor Überflutung, Überfremdung, von dem Verlust der eigenen kulturellen Identität.“

Konservative ins Theater, Linke auf die Straße!

Tatsächlich scheinen an deutschen Theatern derzeit zwei Fronten aufeinander zu prallen: Auf der einen Seite die Theatermacher, für die das Fremde zunächst einmal spannende Geschichten bereit hält, die gewohnt sind, dass an ihren Musik-Sparten Sänger aus Japan, Korea, Amerika, der Türkei und Deutschland jeden Abend französische, italienische und russische Opern aufführen. Regisseure, die es als Aufgabe des Theaters sehen, die Angst vor dem Fremden wegzuerzählen, die – in alter Nathan-Tradition – aufklären wollen, für die das Theater auch ein Raum des politischen Dialogs ist, ein Ort der Polemik, der Ideologie und der Provokation. Sie verstehen ihre Inszenierungen als Statements und als Reibungsflächen.

Auf der anderen Seite steht ein Großteil des bürgerlichen Publikums, das sich daran gewöhnt hat, besonders das Musiktheater als gesellschaftliche Tapete zu verstehen, als Unterhaltung, als Hintergrundmusik, als Abwechslung von eben jenem realen Alltag, in dem dauernd über Flüchtlingsströme, über Kriminalität, über Köln und Clausnitz debattiert wird. Sie kommen, ins Theater, um von all dem abzuschalten. Es ist ein Publikum, für das Oper und Schauspiel Alternativ-Programme zu „heute“ und „Tagesschau“ sind, das Kultur sagt und Unterhaltung meint – ein Publikum, das keine Konfrontation mit der Wirklichkeit sucht, sondern Entspannung von ihr.

All das ist zunächst einmal nur eine Analyse – ganz ohne Wertung. Aber aus diesen Fakten ergibt sich eine ebenso naheliegende wie notwendige Debatte: Welche Rolle spielen unsere Theater derzeit in unserer Gesellschaft? Ist ihr Auftrag die politische Positionierung oder – genau das Gegenteil – eine unterhaltsame Ablenkung von unserem hochpolitischen Alltag? Und, ja, die Bonner Umfrage bricht mit einem guten Glauben vieler Theatermacher, nämlich jenem, dass sie ihre Stücke in einem inhärenten Kosmos vorführen, in dem das Publikum ihre aufgeklärten Positionen weitgehend teilt. Tatsächlich ist die Wahrheit eine andere: Das deutsche Stadttheater hat es in den letzten 60 Jahren nicht geschafft, sich vom Nimbus des bürgerlichen Theaters zu befreien. Im Gegenteil: Je größer die Subventionsstreichungen ausfallen, je mehr Häuser auf jene Art  und Weise wie die in Rostock oder in Bielefeld zusammengespart werden, desto wichtiger wird für sie die Unterstützung durch das alteingesessene und zahlungskräftige Publikum, durch bürgerliche und oft eben auch konservative, wenn nicht gar reaktionäre Zuschauer. Es ist politisch gezwungen, den Publikumserwartungen zu entsprechen.Und dDerzeit bilden gerade die Konservativen oft die letzte gesellschaftliche Stütze, die viele Häuser noch haben. Denn die Wahrheit ist auch: Es sind die eher Bürgerlich-Konservativen, die heute ins Theater gehen, die Linken gehen lieber auf die Straße.

Und es ist unerträglich zu beobachten, wie Parteien wie die AfD diesen Umstand längst für sich ausschlachten und in ihren Wahlprogrammen fordern, dass unsere Theater gefälligst die Kultur des Vaterlandes zu vertreten hätten – und damit unausgesprochen ein Regietheaterverbot im Sinne haben. Die Rechtspopulisten buhlen mit billigen Versprechen und kunstfeindlichen Forderungen um jenes Publikum, das sich an deutschen Theatern seit Jahren nicht mehr verstanden fühlt: Die AfD verspricht dem Biedermeier, der die Schnauze voll von Unterhosentheater hat, ein für alle Male mit Blut-Schweiß-und-Sperma-Theater aufzuräumen und will stattdessen wieder museales Blut-und-Boden-Theater etablieren. So geht billiger Kultur-Populismus 2016.

Diskussion statt Provokation!

Und was ist die Konsequenz aus alldem? Klar ist: Provokationstheater ist in der heutigen Situation nur wenig hilfreich. Regisseure, die sich auf die Bühne stellen und ihr Publikum beschimpfen werden dafür sorgen, dass dieses Publikum abwandert – und es in die Hände der AfD treiben. Ein derartiges Theater würde den gesellschaftlichen Nicht-Diskurs, mit dem wir es derzeit in Deutschland zu tun haben, lediglich widerspiegeln: Zwei Parteien, die einander nicht zuhören wollen.

Aber in dieser Situation liegt auch eine Chance: Die Analyse der Ängste eines Großteil des Theaterpublikums auf der einen und die soziale und ästhetische Vorliebe vieler Theatermacher auf der anderen Seite können im aufgeklärten Raum des Theaters in Dialog gebracht werden. So könnten die Theater zu Räumen werden, die eine Annäherung möglich machen. Die Debatten eröffnen, die in anderen deutschen Öffentlichkeiten gerade nicht stattfinden. Das Theater kann das sture Gegeneinander unterschiedlicher Gruppen in Deutschland in ein Zuhören verwandeln – und mit Glück den Anfang eines neuen Miteinanders etablieren. Es wird in den nächsten Spielzeiten eben auch darum gehen, einen Teil konservativ-bürgerliches Publikums nicht als verloren abzuschreiben, sondern um seine Akzeptanz zu kämpfen. Und zwar nicht in deutschnationaler AfD-Rhetorik, sondern indem das Theater die Ängste seines Publikums ernst nimmt und darauf setzt, dass die Menschen, die noch in die Theater kommen, in Grunde durchaus Interesse an Diskurs und Dialog haben. Kurz gesagt: Es muss um eine Entideologisierung des Theaters gehen. Denn Ideologien haben wir jenseits der Bühne genug, und sie führen derzeit nicht zu einer Entschärfung, sondern zu einer andauernden Verschärfung der Zerrissenheit des Landes. Wir brauchen Inszenierungen als Ring-Parabel, die an den gemeinsamen Kern der Kunst erinnern: die Freiheit des Denkens.

Kluge Theatermacher werden das erkennen und verstehen, ihren Raum, den Raum der Kunst, gerade jetzt als einen Raum zu definieren, in dem das Zuhören und Debattieren möglich wird, in dem das entsteht, was in großen Teilen der deutschen Gesellschaft – besonders in den sozialen Medien und an den Stammtischen –  gerade unmöglich scheint: eine offene, ästhetische Debatte über Ängste und Sehnsüchte, über die Tradition der Aufklärung, die internationalen und grenzenlose Tradition der Kunst und die offenbar real existierenden, irrationalen Ängste bei einem großen Teil des Publikums. Denn auch das zeigen die Bonner Fragebögen: Bei einem Großteil des Theaterpublikums handelt es sich noch immer um die sogenannten „Meinungsmacher“ einer Stadt oder einer Region. Sie für mehr Toleranz zu gewinnen, für einen offenen Dialog, dafür, ihre Ängste formulieren zu können, ihnen zuzuhören und argumentative Alternativen vorzustellen, würde sich auch auf den politischen Diskurs innerhalb einer Stadt auswirken.

Gemeinsam gegen die AfD-Idiotie

Darin liegt die Chance des Theaters und seines Publikums. Weltoffenheit bedeutet schließlich nicht nur, dem Fremden gegenüber offen zu sein, sondern gleichzeitig auch ein offenes Ohr für den ängstlichen Teil der eigenen Bevölkerung zu haben. Ein derartiges, dialogbereites Theater würde zudem jedem AfD-Idioten den Garaus machen, der allen Ernstes meint, dass sich ein konservativ-bürgerliches Publikum gewinnen lässt, wann man im Theater Quoten und Zensur einführen will. Nein, es geht darum, für das Theater als Freiraum zu kämpfen, in dem die Künstler ebenso wie ihr Publikum miteinander streiten können. Diese Offenheit und Freiheit gilt es in jeder Aufführung zu feiern!

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Kommentare

  1. Manfred Zalfen
    1. März 2016 at 21:54

    Sehr lesenswert! macht nachdenklich!

  2. Emilio Pons
    1. März 2016 at 22:01

    Sind die angeblich “aufgeklärte” deutsche Regisseure nicht in der Lage zu verstehen, dass der Islam keine Rasse ist? Oder das vielleicht die befragte Zuschauer doch klug genug sind, um zwischen Rasse und Religion zu differenzieren, und dass sie lediglich kein Interesse daran haben, eine Religion zu verteidigen, welche Frauen, Homosexuellen, Atheisten und “Ungläubige” feindlich ist?!
    Was für politisch-korrekter, pseudo-intellektueller Blödsinn!

  3. 1. März 2016 at 22:19

    Emilio, wir wissen ja leider beide aus Erfahrung, dass Künstler oft zu den ahnungslosesten, weltfremdesten Menschen gehören und es um den Intellekt von Regisseuren meist nicht so gut steht, wie diese es gerne vorgeben.

    Wer es für einen unvereinbaren Widerspruch hält, dass jemand gerne einem koreanischen Opernsänger lauscht, gleichzeitig aber über primitive, homophobe, antisemitische, kriminelle, frauenverachtende und aggressive Horden von Muslimen nur bedingt glücklich ist, dem kann mit Argumenten leider kaum mehr geholfen werden.

  4. Ingo Piess
    2. März 2016 at 09:28

    @Helmut @Emilio
    aha. Künstler, Regisseure sind ahnungslos und weltfremd. Zu großen Teilen. Nettes Pauschalurteil. Ziemlich billig, nicht wahr?

    Und, nochwas, gleiche Kerbe: Menschen (von mir aus auch Horden), die primitiv, homophob, antisemitisch, kriminell, frauenverachtend und aggressiv daherkommen, sind in erster Linie Idioten. Nicht Muslime.

    Merkt ihr den Unterschied? Bitte merkt ihn.

  5. Volker Rose
    3. März 2016 at 10:31

    Ohne Frage ein wichtiger Artikel!
    Aber wie sah denn diese Umfrage aus?
    Auf welcher statistischen Grundlage/welche
    Methode wurde verwendet?
    Rassismus messen zu wollen hat eine lange
    Tradition und kommt aus den USA /

  6. Carola Arnold
    4. März 2016 at 17:31

    Oh je!!! Wir hantieren in gebildeten und intellektuellen Kreisen ohne Ende mit Instrumenten der respektvollen Kommunikation, aber offenbar nur an der Oberfläche. Entscheidend hinderlich in der Praxis sind demnach im Menschen tief verinnerlichte Mechanismen des Urteilens und Sich-selbst-aufwertens gegenüber anderen. In der Krise, im Stress, in unsicheren Konstellationen bricht das auf. Das ist vielleicht der Gewinn der Flüchtlingssituation: Wir erleben, wo wir wirklich stehen und wie sehr wir uns vielleicht neu entdecken oder erfinden müssen – wir alle in dieser deutschen Gesellschaft und in der ganzen Welt. Hoffentlich schaffen wir Menschen das.

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