Lucia Aliberti: Die Sizilianerin

(Foto: Bob Coat)

Sopranistin Lucia Aliberti veröffentlicht ein Album mit Liedern des ganz jungen Verdi. Warum sie ausgerechnet eher diese unbekannten Stücke auswählte und weshalb sie sich als Musikerin sieht, verriet sie uns im Interview.

crescendo: Frau Aliberti, Sie sangen bereits vor Papst Johannes Paul II. oder Prinz Charles von England. Welche Erfahrungen nimmt man mit aus solchen Auftritten?
Lucia Aliberti: Es sind alles wunderbare, interessante und wichtige Menschen. Das Wichtigste aber für mich ist etwas anderes: Ich möchte mir selbst treu sein und bleiben, egal, vor wem ich singe. Ich habe meinen eigenen Charakter, meine Persönlichkeit.

Bereits bei Ihrem Debut hatte man Sie ja schon mit der Callas verglichen. War das nun gut oder schlecht für Sie?
Heutzutage wird jeder mit der Callas verglichen. Und in meinem Falle auch, weil es eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit gab, schauen Sie mich an: unser beider Profil ist sizilianisch-griechisch. Auch musikalisch gibt es Parallelen: wir haben einen ähnlichen Stimmumfang eines Koloratur-Soprans, sind aber unterschiedlich in der Klangfarbe. Die Callas war mehr ein Soprano drammatico-spinto, ich bin eher lyrisch und erst dramatisch in der Höhe. Ich weiß genau, wo mein Ort ist. Zunächst war ich natürlich geehrt über den Vergleich. Wenn es dann aber zum Klischee wird, verliert die Aussage für mich die Bedeutung. Ich habe viel gearbeitet in meinem Leben, spiele Gitarre, Akkordeon, Violine, Mandoline und  habe für Klavier, Klarinette, Flöte und Gesang komponiert. Und das tue ich seit über vierzig Jahren mit viel Freude und Leidenschaft. Talent, schön und gut. Aber obendrein noch eine gute Musikerin zu sein? Das kommt nicht vom Himmel!

In welchen Verhältnissen sind Sie aufgewachsen?
Ich wurde in Messina geboren. Meine Kindheit war sehr hart, ich lernte, lernte und sah nur die Schule und das Konservatorium, das Konservatorium und die Schule. Meine Mutter war eine Lehrerin für Griechisch und Latein und sehr kultiviert. Mein Vater war Anwalt und Inspektor und sehr prägend für meine Erziehung.

Inspektor in Sizilien. Erzählen Sie bitte mehr darüber …
Mein Vater hatte tatsächlich diese typisch sizilianische Art, sehr fürsorglich, aber auch sehr bestimmend und sehr diszipliniert. Er schützte und hütete mich, begleitete mich überall hin, einfach zu viel, wie ich heute merke. Ich mag die Mentalität in Deutschland. Die Kinder emanzipieren sich früher von ihren Eltern. Sie werden so stark, ich bin erst später stark geworden.

Aber die Unterstützung der Eltern macht einen doch auch stark, oder?
Ja. Dennoch sollte man als Kind eigene Erfahrungen machen dürfen, denn nur so lernt man später, das eigene Leben zu managen. Ich wurde zu sehr protegiert, musste und sollte immer die Beste sein. In meiner Familie gab es viele Musiker. Man spielte Violine, Gitarre, Klavier; mein Großvater war Musikprofessor und Dirigent, ein sehr großes Talent. Meine Großmutter hatte eine gute Stimme, sang aber nicht öffentlich. Auch mein Vater spielte viele Instrumente, war sehr belesen. Ich habe mich ihm immer sehr verbunden gefühlt.

Aber Ihr Lehrer war schließlich Luigi Ricci …
Ja! Ricci (Anm. der Red.: Jahrgang 1893) hatte noch mit Puccini (1858–1924) und mit Mascagni (1863–1945) gearbeitet, war Freund des großen Benjamino Gigli (1890–1957). Er starb leider 1981. Er brachte mir das bei, was wahres Belcanto heißt.

Und was heißt das?
Belcanto heißt: „schöner Gesang“, wie wenn man sanft von einer Blume aus Samt berührt wird. Meine Stimme ist eine Belcanto- Stimme. Man muss das singen, was der Komponist vorschreibt. Viele Sänger singen heute Dinge, die nicht in der Partitur stehen. Sie schneiden dort, garnieren dort, und viele aus dem Publikum wissen das nicht. Das macht mich traurig, ich leide darunter, ich bin sehr ehrlich gegenüber der Musik. Dann sollen diese Menschen doch andere Sachen singen! Aber wenn sie Belcanto singen, dann haben sie sich an die Regeln zu halten. Aber diese muss man erst einmal kennen. Viele Journalisten wissen das übrigens nicht.

In diesem Jahr reden alle über Verdi. Was bedeutet Ihnen seine Musik?
Ich war vier oder fünf Jahre alt, als mein Großvater Enrico zuhause auf der Geige immer Verdi spielte. „Va pensiero“ aus „Nabucco“ und „Brindisi“ aus „La Traviata“. Mein Vater spielte Gitarre. Und ich spielte als kleines Kind dann die Melodien auf einem Akkordeon. Ich konnte es zwar nicht halten, weil es viel schwerer war als ich, doch mit Hilfe von beiden Seiten ging es gut.

Auf Ihrer CD mit frühen Verdi-Arien personifizieren Sie den Charakter von 12 Verdi-Heldinnen. Mit welcher Partie identifizieren Sie sich am meisten?
Die Werke des jungen Verdi sind musikalisch sehr reich, und das Publikum kennt sie kaum. Da ist viel zu entdecken. Ich habe dieses Repertoire aber auch ausgewählt, weil es so schöne Melodien und mitreißende rhythmische Steigerungen enthält. Bei Bellini und Donizetti sind die Frauen einem sehr romantischen Ideal verpflichtet. Verdis Heldinnen sind näher an der Realität und mit mehr Körperlichkeit ausgestattet. Bei Verdi wird Leidenschaft gelebt, und das hört, spürt und genießt man in seiner Musik. Nehmen Sie die Cabaletta „O patrizi, tremati“ aus „Due Foscari“, einfach toll.

Verraten Sie uns, wie Sie eine Partie einstudieren?
Der erste Schritt: ich gehe zum Klavier und spiele die Melodie der Arie und sehe, ob sie zu mir passt. Dann studiere ich den Text, die Geschichte, die sich dahinter verbergen könnte. Viele sagen, ich würde zu viel Aufwand darum machen. Aber ich muss wissen, wie die Oper in ihrer Zeit geklungen haben könnte. Wichtig ist dabei, dass man nicht die Stimme darüber verliert, sprich, die Ursprünglichkeit, der sängerische Trieb, das Klangtimbre darf einem nicht abhanden kommen. Alfredo Kraus ist eines meiner großen Vorbilder. Ich wünschte, ich könnte so lange singen wie er. Kraus sagte mir immer: „Du musst deine Stimme behalten, bei dir bleiben. Wenn du jung bist, hast du wenige Erfahrungen, wenn du dann Erfahrungen sammelst, helfen sie dir in der Stimme, auf der Bühne usw., um sicherer vor dem Publikum zu stehen. Doch lasse es nicht zu, dass deine Stimme deformiert wird!“ Wenn ich also merke, dass mir etwas nicht gut tut, dann hört das meine Stimme, und ich lasse es.

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *