Luther komponiert

(Luther Illustration)

Er hat es auch selbst getan: Luther spielte nicht nur die Laute, sondern dichtete und komponierte.

Martin Luthers Wertschätzung kam nicht von ungefähr. Schon in der Lateinschule in Eisenach (ab 1497) lernte er Musiktheorie und sang im Chorus Musicus der Georgenkirche. Das Chorgestühl, auf dem der damals 14-Jährige saß, ist noch dort. Und er sang im Schülerchor Eisenacher Kurrende. Mit anderen Sängern zog er zu reichen Bürgern, um „Parteken“ zu erbetteln, Kleingeld. „Partekenhengste“ hat Luther die Kurrendesänger später genannt. Er gehörte auch zum Schülerkreis um die Patrizierfamilie Cotta, wo man in geselliger Runde Lieder und mehrstimmige Motetten sang. Später studierte Luther in Erfurt Theologie und Musik. Er spielte die Laute. Ein Kommilitone pries ihn als gelehrten Musiker und Philosophen.

Kein Wunder, dass Luther schon 1523 die Musik im Gottesdienst aufzuwerten begann – nachdem ihn 95 Thesen, diverse Disputationen und ein mutiger Auftritt vor dem Kaiser in Worms berühmt gemacht hatten. 1523 forderte er „deutsche Gesänge, die das Volk unter der Messe singe“. Die führte er in Wittenberger Gottesdiensten ein. Schon bald druckte man hierfür Gesangbücher – mit Gebeten, Liturgie und Erläuterungen.

Markenzeichen der Evangelischen wurde jedoch der Protestsong. Am 1. Juli 1523 wurden in Brüssel reformatorisch gesinnte Augustinermönche verbrannt. Luther war schockiert. Im Stil fahrender Sänger erklärte er die Gequälten zu Helden. Sein Lied machte die Runde: „Mit Freuden sie sich gaben drein, / mit Gottes Lob und Singen. / Der Mut war den Sophisten klein / für diesen neuen Dingen, / dass sich Gott ließ so merken.“ Gesang erwies sich als starkes Werbemittel. Weitere Lieder folgten: „Nun freut euch lieben Christeng’mein / Und lasst uns fröhlich springen, / dass wir getrost und all in ein / mit Lust und Liebe singen“ – erschienen Ende 1523 im Nürnberger Achtliederbuch, der ersten reformatorischen Liedsammlung. Vier der acht Lieder darin sind von Luther.

In den nun folgenden zwölf Monaten dichtete Luther 24 Lieder, darunter Aus tiefer Not schrei ich zu dir (nach Psalm 131). Auch die Melodie stammt von ihm. Sie bezeugt sein musikalisches Gespür. Mit dem zweiten Wort „tiefer“ fällt die Melodie eine Quinte abwärts, um mit „Not“ auf einen klagenden Halbton über dem Ausgangston anzusteigen. Johann Walter setzte die Lieder mehrstimmig und veröffentlichte sie 1524 in einem Chorgesangbuch. Ein feste Burg ist unser Gott schrieb Luther 1529 als Trostlied zur Vergewisserung der Gläubigen: Gottes Wort stürzt den Teufel, Christus behält das Feld. Eine Schweinfurter Gemeinde soll 1532 mit ihm einen altgläubigen Priester während der Messe niedergesungen haben. Die Jugend skandierte das Lied in Schweinfurts Straßen. Bald darauf wurde die Reformation eingeführt.

Auch sonst dienten Lutherlieder als Protestsongs. Ein altgläubiger Prediger wurde mit Luthers Ach Gott, vom Himmel sieh darein überstimmt. Göttinger Handwerker übertönten an Fronleichnam das Kyrie-eleis einer Prozession mit deutschen Psalmliedern. Hildesheim verbot Straßengesänge 1524. In Braunschweig wurden 1526 Schustergesellen beim Priester angezeigt, weil sie evangelische Lieder sangen. Luther nutzte auch weltliche Vorlagen. Vom Himmel hoch, da komm ich her (1535) lautete zuvor „Ich kumm aus fremden Landen her / und bring euch viel der neuen Mär. / Der neuen Mär bring ich so viel, / mehr dann ich euch hie sagen will.“ Luther macht den fahrenden Sänger zum Verkündigungsengel. 1539 fügte er eine eigene Melodie hinzu. In einer Oktave vom höchsten bis zum tiefsten Ton beschreibt das Lied die Niederkunft der Engel auf die Erde. Kein anderer Dichter ist in evangelischen Gesangbüchern so stark vertreten wie Luther.

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