Luthers Vermächtnis

(Luther Illustration)

Welche Funktion hatte eigentlich die Musik im Kontext der Reformation?

Lutherische Musik: Bei diesem Stichwort werden vielen Musikbegeisterten auf Anhieb einige Werke in den Sinn kommen, besonders von Johann Sebastian Bach (traditionell bevorzugt die Matthäus-Passion und das Weihnachtsoratorium) oder von Heinrich Schütz (etwa aus der Geistlichen Chor-Music von 1648). Mit dem Jahr 1517, auf das sich das Reformationsjubiläum 2017 bezieht, hat diese Musik kaum mehr zu tun, als dass sich das Luthertum eben allgemein von dem Datum her definiert, an dem Martin Luther seine 95 Thesen in Wittenberg veröffentlichte. Welche Funktion die Musik in diesem Kontext hat, ist erstaunlich schwer zu klären.

Ohnehin lässt sich die Reformation nicht an einem einzigen Ereignis festmachen, denn der reformatorische Prozess, der das westliche Christentum ebenso prägte wie die mit ihm verknüpften Gesellschafts- und Kultursysteme, überspannt das gesamte 15. und 16. Jahrhundert. Auf dem Konstanzer Konzil (1414–1418) wurde Johann Hus wegen seiner reformatorischen Haltungen verbrannt; die Ideen gärten in den folgenden Jahrzehnten weiter, und noch im Frühjahr 1517 ging in Rom ein Konzil ergebnislos zu Ende, dessen Ziel erneut eine Reform der katholischen Kirche gewesen war. Diese Bestrebungen fanden dann endlich 1563 ihren Abschluss, mit dem Trienter Konzil; es bewirkte keine „Gegenreformation“, sondern hatte einen modernen Katholizismus zur Folge. Gleichfalls 1563 wurde der Heidelberger Katechismus als Bekenntnisschrift der Calvinisten formuliert; wie ein Schlusspunkt all dieser Entwicklungen wirkt die „Konkordienformel“ der Lutheraner, die erst 1577 entstand und für Sachsen sogar zu einer verfassungsähnlichen Staatsgrundlage wurde. All diese Entwicklungen hatten immense kulturelle Folgen: Italienische Barockkunst ist ohne die reformatorischen Entwicklungen ebenso wenig denkbar wie die Orgelmusik, die im niederländischen Calvinismus blühte. Erstaunlich nun: Das, was man als „lutherische Musik“ begreift, ist Resultat nicht nur des Luthertums, sondern auch Frucht dieser sehr viel breiter gelagerten, multikonfessionellen „Reformation“. Mit Blick auf die Musik greift der Begriff „Luther-Jahr“ also zu kurz.

Ohnehin geht es 2017 weniger um Luther selbst als um jene grundstürzenden Entwicklungen des 15. und 16. Jahrhunderts. Sicher, sie haben die Kirche gespalten, und mit Glaubensfragen wurden Krieg und Unterdrückung – mit furchtbaren Folgen – begründet. Erst ein mühevoller und blutiger Weg führte aus jenem „reformatorischen Prozess“ zu den europäischen Individual- und Freiheitsrechten. Dasselbe gilt für das kulturelle Erbe dieser Länder. 1517 ist lediglich ein plausibles Schlüsseldatum dieser Entwicklungen, Luther selbst einer der entscheidenden Akteure. Im Kulturellen und Gesellschaftlichen ist dieses Reformationsjubiläum aber ein Fest, das Katholiken und Reformierte genauso betrifft wie Lutheraner.

Die Musik nun macht dies besonders deutlich. Nur muss man sich von manchen liebgewonnenen Bildern lösen, die uns das 19. Jahrhundert in puncto „lutherische Musikkultur“ vererbt hat. Damals wurde in Preußen der (in seiner Zeit revolutionäre) Versuch unternommen, ein gemeinsames kulturelles Erbe zu definieren. Zu diesem Staat gehörten seit 1815 mit Wittenberg, Eisleben und Erfurt wesentliche Luther-Orte, und das Reformationsjubiläum 1817 war eines der ersten Ereignisse, die diese Kulturkonzepte prägten. In sie wurde auch die Musik eingebettet, die damals erst allmählich als „kulturelles Erbe“ begriffen wurde. Doch niemand kam auf die Idee, Luther habe Gottesdienst und Kirchenmusik anders erlebt, als es damals üblich war: also deutschsprachig und mit vielfältigem Gemeindegesang. Tatsächlich war beides aber zu Luthers Zeit kaum entwickelt. Luther pflegte bis zu seinem Tod 1546 eine Messfeier, in der die alten, aus dem Mittelalter tradierten Gesänge (wie Introitus und Alleluja oder Kyrie und Gloria) das Gerüst bildeten. Je größer ein Ort war, desto häufiger waren die Elemente lateinisch: Das Bildungsbürgertum der Zeit verstand sie, ebenso die nachwachsenden Generationen an den „lutherischen Latein(!)-Schulen“. Dort lag der Lateinunterricht bei den Kantoren, die außerdem für die Musik verantwortlich waren. Um 1800 war diese Verbindung gerade abgeschafft worden; Sprach- und Musikunterricht waren fortan zweierlei. Nur dieses Aktuelle prägte also die preußischen Kulturvorstellungen, nicht das historisch Korrekte.

Ähnlich steht es auch um das „lutherische Gemeindelied“, das mit Luther kaum etwas zu tun hat. Seine Gemeinde hörte im Gottesdienst vorwiegend zu und sang gerade einmal das Glaubensbekenntnis (Wir glauben all an einen Gott); „Lieder“ jüngeren Verständnisses erklangen während des Abendmahls, aber gesungen von den Lateinschülern, nicht von der Gemeinde (die sich viel eher auf das Abendmahl selbst konzentrieren sollte). Kurz: Die Rolle der Musik im Gottesdienst Luthers war nicht wesentlich anders als vor 1517 – und völlig anders, als das 19. Jahrhundert uns dies übermittelt hat.

Zu diesen Irrtümern des 19. Jahrhunderts gehört auch, dass die Kirchenmusik des Luthertums eigentlich erst nach der Lösung von katholischen Gebräuchen entstanden sein könne – als eine eigene Kulturform. Richtig ist zwar: Die Musik hatte im Luthertum eine herausragende Bedeutung, denn sie war für das Lob Gottes theologisch unverzichtbar. Weil durch den Kreuzestod Jesu die Sünden der Welt hinweggenommen sind (sodass sich niemand vom Fegefeuer freikaufen müsse), ist jeder Gläubige Gott zu Dank verpflichtet. Gott selbst ist ewig; also muss auch das Gotteslob ewig sein. Lobpreis aber ist gleichbedeutend mit Musik. Und die dankerfüllte „ewige Musik“ des Himmels muss ihren Widerschein schon auf Erden haben: nicht zuletzt in der „großen“ Kirchenmusik.

Sie aber entstand nicht in Abgrenzung vom Katholizismus, sondern in Orientierung an ihm. Große Kirchenmusik der Luther-Zeit war ohnehin dieselbe wie im Spätmittelalter – mit einer Schlüsselfunktion bei Josquin Desprez (gestorben 1521), den Luther bewunderte. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde die lutherische Musik dann von Ideen völlig umgekrempelt, die in der nachreformatorisch-katholischen Praxis entstanden waren: Dort waren leicht fassliche Text-Musik-Beziehungen populär geworden. Dass dies auch für Lutheraner (mit der Bedeutung des Bibelwortes in der Verkündigung) attraktiv war, liegt auf der Hand. Thüringen, Augsburg und Hamburg wurden zu ersten Fixpunkten dieser Kunst; Sachsen folgte in einigem Abstand. Dort profilierte sich dann Heinrich Schütz als Musiker, der sich die Pflege dieses neuen italienischen Stils zur Lebensaufgabe machte: eines Stils, dessen Verbreitung von der „katholischen Reformation“ besonders gefördert worden war.

Ähnlich italienisch-katholische Anregungen prägten die mitteleuropäisch-lutherische Musik auch im gesamten so konfessionellen 17. Jahrhundert. Den wesentlichen Anstoß zur explosionsartigen Erweiterung des lutherischen Liedgutes gab die weltliche italienische Aria mit ihren strophischen Texten und leicht fasslichen Melodien. Sie ließen sich leicht nachsingen – und mitsingen wie später im lutherischen Gottesdienst. Und die moderne lutherische Kirchenmusik des späteren 17. Jahrhunderts verdankt der Musikpflege römischer Jesuiten ihre entscheidenden Impulse. Das größte Werk, das in der Nachfolge entstand, sind die Membra Jesu Nostri von Dieterich Buxtehude; und ohne diese Anregungen hätte es eine lutherische Kirchenkantate Bachs nicht gegeben.

Diese Perspektiven waren für das 19. Jahrhundert nicht absehbar. Entsprechende Einblicke verdanken wir erst dem späteren 20. Jahrhundert: der Grundlagenforschung zu italienischer Renaissance- und Barockmusik und der Aufgeschlossenheit der Alte-Musik-Bewegung. Für das alte Preußen dagegen hatte die Musik des katholischen Italien jenseits des Horizonts gelegen, ähnlich die Orgelmusik des nordwestlichen Mitteleuropa. Doch beide waren für die lutherische Kultur und ihre traditionellen Musikstars ideale Orientierungspunkte: für Schütz wie für Bach.

Und so schließt sich der Kreis. Die „lutherische“ Musik macht verständlich, warum das Reformationsjubiläum 2017 kein Luther-Jahr ist, sondern – ausgehend vom Brennpunkt 1517 – ein zentrales Gedenkjahr europäischer Kultur. In evangelischen Kirchen erklingen heute katholische Oratorien des französischen 19. Jahrhunderts, ebenso Musik von Arvo Pärt, der sich zur russischorthodoxen Kirche bekennt, oder auch das Lied Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren‚ dessen Schöpfer (Joachim Neander) Calvinist war. Diese überkonfessionelle Offenheit bestand nur im 19. Jahrhundert nicht; ansonsten hatte lutherische Musikkultur dauernd eine „ökumenische“ Dimension (ob nun gewollt oder nicht). So lädt das Reformationsjubiläum2017 dazu ein, Einengungen des Konfessionellen abzustreifen und viel eher das vielfältige Miteinander westlicher Kirchenmusikströmungen in den Blick zu nehmen: von der Reformationszeit bis in unsere Gegenwart.

Der Autor Konrad Küster schrieb auch ein Buch zum Thema:

Musik im Namen Luthers
– Kulturtraditionen seit
der Reformation

Konrad Küster

(Bärenreiter)
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Kommentare

  1. 6. Dezember 2016 at 13:06

    Ein starker Artikel! Dank, Herr Küster. Und ein Hoch auf den “Erfinder” der deutschen Musik. Friederike Wißmann widmet in ihrem Buch “Deutsche Musik” ein herausragendes erstes Kapitel. Dieses Buch möchte ich gerne an dieser Stelle weiterempfehlen.

  2. 6. Dezember 2016 at 13:07

    …widmet in ihrem Buch dem Theologen ein herausragendes erstes Kapitel…

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