Luxemburg – aus der Sicht einer Musikerin

Das musikalische Zentrum: Die wunderschön beleuchtete Philharmonie auf dem Kirchberg. (Foto: Alfonso Salgueiro)

Der kleine Staat im Herzen Europas leidet unter dem Vorurteil, ein reiner Finanzplatz zu sein. Dabei ist Luxemburg auch eine kulturelle Hochburg.

Wenn man Luxemburg erleben will, setzt man sich am besten in den Zug. Denn für unschlagbare zwei Euro kann man einmal durch das ganze Land fahren: ganz aus dem Norden, den luxemburgischen Ardennen, durch die pulsierende Hauptstadt hindurch in den Süden, bis zur französischen Grenze.

Wer an Luxemburg denkt, hat oft Vorurteile im Kopf: Luxemburg steht zum Beispiel für „günstig tanken“, weil der Staat wenig Steuer auf Luxusgüter erhebt. Für manche ist es nur Durchfahrtsland auf dem Weg nach Belgien. Es gibt eine große Finanzindustrie und Jean-Claude Juncker, den Europa-Politiker. Und klar, ein bisschen Glanz und Gloria gibt es auch, im einzigen Großherzogtum der Welt. Prinzessin Stéphanie von Luxemburg, die schöne Erbgroßherzogin an der Seite des Thronfolgers Guillaume, ist gerade 30 Jahre alt geworden. Gefeiert habe sie aber nur im kleinen Rahmen, liest man in den Klatschzeitungen. Aber stolz sind die Luxemburger schon auf ihre Erbmonarchie. Postkarten der großherzöglichen Familie gibt es nahezu an jedem Kiosk zu kaufen.

Aber der kleine Staat, mit 2500 Quadratkilometern Fläche der zweitkleinste Mitgliedsstaat der Europäischen Union und eines der kleinsten Flächenländer überhaupt, ist auf den zweiten Blick reich an Überraschungen. Denn die etwas über 500.000 Einwohner des Ländchens – davon rund 200.000 Ausländer – sind ein weltoffenes Volk. Freundlich, international und sprachgewandt sind Adjektive, die einem in den Sinn kommen, wenn man mal einen Tag in Luxemburg-Stadt verbracht hat. Der besonderen geographischen Lage in Europa – zwischen Belgien, Deutschland und Frankreich gelegen – sei Dank, ist Luxemburg nämlich ein dreisprachig geprägtes Land. Die Amtssprachen sind Deutsch, Französisch und Luxemburgisch – ein zumindest für das deutsche Ohr einigermaßen verständlicher, sprachlicher Mix aus deutschen und französischen Begriffen, eine „moselfränkische Sprachvarietät des Westmitteldeutschen“, heißt es im Lexikon.

So ist es aber kein Wunder, dass man in Luxemburg ständig Leute trifft, die mindestens drei Sprachen fließend sprechen, oft sogar mehr. Auch die Benutzung ist hier eine andere, denn das Wechseln zwischen den unterschiedlichen Sprachen, manchmal gar mitten im Satz, gehört für die Luxemburger zum ganz normalen Alltag. Seine Croissants bestellt man beim Bäcker auf Französisch, die Nachbarin grüßt man auf dem Heimweg auf Luxemburgisch und mit dem Kollegen auf der Arbeit, der jeden Tag aus Saarbrücken pendelt, wird fließendes Deutsch gesprochen. Das hat natürlich auch rein praktische Auswirkungen: Verkehrsschilder sind oft mehrsprachig, das Jahresprogramm der Luxemburger Philharmonie ist ein dickes Büchlein mit Programmtexten in unterschiedlichen Sprachen, die Hinweisschilder für Touristen erklären uns, dass im Tal sowohl die „groe Schleek“ (luxemburgisch) als auch die „petit-gris“ (französisch) als auch die „gesprenkelte Schnirkelschnecke“ (deutsch) lebt.

Das musikalische Zentrum des Landes liegt in seiner gleichnamigen Haupstadt. Luxemburg Stadt ist das quirlige Zentrum eines doch eher ländlich geprägten Landes. Eindrucksvoll erhebt sich die Stadt auf dem Fels, gebaut aus dem Tal, dem sogenannten „Grund“. Früher lebten dort unten Handwerker und ärmere Leute, weil weniger Sonnenlicht hineinfällt in die kleinen, hohen, aber schmalen Häuschen, die dort stehen. Heute ist der „Grund“ ein Trend-Viertel Luxemburgs, mit schönen Bars und Cafés und eine Feier-Meile.

Wer allerdings das musikalische Wunderwerk der Stadt besuchen will, der wagt sich auf den „Kirchberg“. Inmitten von großen Bürogebäuden und Bankenzentralen steht die 2005 eröffnete Luxemburger Philharmonie, eines der wohl schönsten Konzerthäuser, das in den letzten Jahren in Europa gebaut wurde. Der französische Architekt Christian de Portzamparc hat ein tropfenförmiges, weißes Gebäude geschaffen, das von 823 jeweils 20 Meter hohen Säulen dominiert wird. So wie sich die Philharmonie, besonders wenn sie im Dunkeln beleuchtet ist, von den anderen Gebäuden des Viertels abhebt, hat sie echten Wahrzeichencharakter. Aber auch innen gibt es einiges zu bestaunen: Das große Auditorium, der größte Saal des Gebäudes, ist einer großen Piazza nachempfunden. Die Bühne – die sich übrigens komfortabel auf 14 verschiedene Höhen verstellen lässt – ist der Mittelpunkt des Raumes, aus rund um den großen Platz aufgestellten, fast Wohnhaus-artigen Türmen schauen Besucher wie von Balkonen auf das Bühnengeschehen. Ist der Saal mit seinen rund 1300 Plätzen vollbesetzt, dann spürt man diesen trubeligen Tummel, den sich der Architekt bei seinem Entwurf vorgestellt und gewünscht hat. Ein kleines, aber entscheidendes Detail fällt erst bei genauem Hinsehen auf: Im großen Auditorium gibt es keine geraden Linien! Alles ist etwas schief, verschoben, gewellt – die Sitzreihen ähneln einem dahinrinnenden Meer. Scheinbar hatte es der Architekt mit maritimen Themen, denn der ebenfalls zur Philharmonie gehörende Kammermusiksaal ist in einem muschelförmigen Bau untergebracht, und er hat nicht nur einen atemberaubend schönen, über der Bühne angebrachten „Sternenhimmel“, sondern noch dazu eine fantastische Akustik.

Auch rein programmatisch ist die Luxemburger Philharmonie ein echtes Erlebnis: Der Konzertplan ist bis obenhin gefüllt mit Konzerten der internationalen Klassik-Stars, Konzerten des hauseigenen Orchesters Orchestre Phiharmonique du Luxembourg sowie engagierten Musikvermittlungsreihen. Besonders beliebt sind die Kinderkonzerte mit Musik- und Bastelateliers, die für den Nachwuchs in unterschiedlichen Altersstufen angeboten werden – typisch luxemburgisch: mehrsprachig.

Aber was ist musikalisch eigentlich typisch luxemburgisch? Ein wirklicher „Nationalstil“ hat sich im Großherzogtum nicht herausgebildet. Im 19. Jahrhundert gastierten zwar immer mal wieder bekannte Komponisten dort – Franz Liszt hatte in Luxemburg seinen letzten öffentlichen Auftritt –, aber davon abgesehen brodelten die Klassik-Zentren woanders.

Luxemburg ist, das zeigt die Tradition, ein singendes Land. In der Klassik spielte die Sinfonik bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts kaum eine Rolle, viel ausgeprägter war die Chor- und die Gesangstradition. Am ehesten als Nationalkomponisten kann man Edmond de la Fontaines, genannt Dicks, bezeichnen, der in seinen Operetten luxemburgische Traditionen verarbeitete und seine Stücke in luxemburgischer Sprache schrieb. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht: Dicks Lieder können die Luxemburger heute noch mitsingen!

Heute erzählt man sich außerdem noch die Anekdote, wie Maurice Ravel einmal in den einzigen Badeort Luxemburgs gekommen sei, bloß um eine Probe mit dem Orchester von Radio Luxemburg, das 1933 gegründet wurde und schließlich doch noch den Siegeszug der sinfonischen Musik antreten konnte, zu hören – und um mit den Musikern Karten zu spielen. Das Orchester (das später dann zum Orchestre Philharmonique du Luxembourg wurde) machte Luxemburg erstmals einen echten Namen in der europäischen Klassik-Szene: Die vom luxemburgischen Radio übertragenen Konzerte des Orchesters hörten teilweise 15 Millionen (!) Menschen.

Das Motto des Großherzogtums „Mir wölle bleiwe wat mir sin“ (Wir wollen bleiben, was wir sind) lässt sich auf die aktuelle Position des Landes in der europäischen Klassikmusikszene nur bedingt anwenden. Auffällig ist nämlich, dass die Luxemburger sich stark für die musikalische Zukunft interessieren und in punkto Neue Musik mit allerhand bemerkenswerten Projekten aufwarten können. Die jungen Künstler des Landes profitieren von Staatsförderungen und haben folglich viel Raum für musikalische Experimente – mit Francesco Tristano und Cathy Krier sind bereits zwei im internationalen Klassikzirkus angekommen.
Wer seine musikalische Reise außerhalb der Hauptstadt fortsetzen will, der wird jenseits der vielen Berge und Hügel des Landes fündig. Denn auch auf dem Land blühen immer mehr kulturelle Stätten auf: Das Kulturzentrum „Trifolion“ in Echternach und der „Cube 521“ in Marnach sind nur zwei erfolgreiche Beispiele für Konzertstätten mit engagierten und innovativen Musik- und Kulturprogrammen inmitten der erlebenswerten luxemburgischen Landschaft.

Also: Investieren Sie zwei Euro, setzen Sie sich mit offenen Ohren und offenen Augen in den Zug, und fahren Sie einmal auf kultureller Mission quer durch Luxemburg – es lohnt sich!

Tipps, Infos & Adressen

Wichtige Reiseinformationen rund um einen Besuch in Luxemburg Stadt,
empfohlen von Pianistin Cathy Krier.

Autorin Anna Novák mit der Luxemburger Pianistin Cathy Krier (re.), die uns ihre Lieblingsplätze verriet.

Konzerte & Festivals
Das umfangreiche Programm der Luxemburger Philharmonie (www.philharmonie.lu) bietet für jeden Luxemburg-Besucher etwas: Neben hochkarätigen Klassik-Konzerten gibt᾽s auch Jazz und Weltmusik-Konzerte. Statten Sie vor dem Konzertbesuch unbedingt dem MUDAM (www.mudam.lu) einen Besuch ab, rät Cathy Krier: „Das Museum für zeitgenössische Kunst Luxemburg hat immer sehr interessante Ausstellungen und die Architektur des Gebäudes ist faszinierend. Hier spürt man die Energie und Dynamik, die der Luxemburger Kulturszene entspringt.“ Die Pianistin empfiehlt außerdem das Festival International Echternach (echternachfestival.lu): „Dieses Festival hat die musikalischen Erinnerungen meiner Kindheit geprägt.“ Ebenfalls lohnenswert: Das Festival de Wiltz (www.festivalwiltz.lu) mit beeindruckender Amphitheater-Kulisse.

Wo übernachten?
Direkt im Zentrum von Luxemburg liegt das Hotel Simoncini (6, Rue de Notre Dame, www.hotelsimoncini.lu): für Kultur-Interessierte der ideale Ausgangspunkt einer Luxemburg-Reise, denn zum Hotel gehört eine Kunstgalerie, die man sich unbedingt anschauen sollte, bevor man sich ins Kultur-Getümmel der Stadt stürzt. Die großen Zimmer sind relativ schlicht gehalten, aber die Kunstwerke aus den Bereichen Lyrik, Graphik, Malerei und Bildhauerei setzen sich auf den sechs Etagen des Hotels fort, wobei zusätzlich auch direkte Verbindungswege zwischen dem Hotel und der Galerie bestehen – das macht die Hotelübernachtung zum Galeriebesuch.

Essen
In Luxemburg kann man vielfältig und gut essen (der Einfluss der französischen Nachbarn ist unverkennbar!). Cathy Krier empfiehlt einen Besuch in ihrem Lieblingscafé Konrad Café & Bar (7, Rue du Nord): „Ein toller Ort, um Zeit zu verbringen, eine Kleinigkeit zu essen, mit Freunden zu plaudern“, und abends nach dem Konzert einen Abstecher ins Ristorante Dal Notaro (149, Rue de la Tour Jacob, www.notaro.lu): „Tolle Pasta, gute Weine. Tolles Lokal!“

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