Lobet den Gesang!

(Luther Illustration)

Martin Luther hat jedem Menschen eine Stimme gegeben. Die Musik war für ihn so wichtig wie der Buchdruck. Ein Erbe, das wir nicht aus der Hand geben sollten.

Was sagt es eigentlich über die Musik in der Kirche aus, wenn – wie neulich in Malmö – der Papst, ein katholischer Kardinal und zwei protestantische Pfarrer im weißen Golf-Car vorfahren, um Martin Luther zu ehren und aus den Boxen der Song You’ll Never Walk Alone gespielt wird? Zugegeben, Rodgers & Hammerstein ist damit ein Gänsehaut-Stück gelungen, aber es macht schon in unseren Fußballstadien wenig Sinn, etwa wenn Dortmund-Fans ihrem Verein auch in der Krise Treue schwören. Als Soundtrack der Ökumene, in der Katholiken und Protestanten Seite an Seite marschieren wollen, wirkt er fast absurd. Denn im Original, dem Musical Carousel, geht es eigentlich um eine schwangere Frau, der Trost versprochen wird, weil ihr Mann gestorben ist.

Es scheint aber auch nicht ganz leicht zu sein, Musik für das Miteinander der christlichen Konfessionen zu finden. Irgendwie scheinen jene Zeiten noch nicht überwunden zu sein, in denen die Kirchentrennung auch die Trennung des liturgischen Soundtracks bedeutete. Während die Protestanten Bach spielten, wurde in katholischen Kirchen Mozart gespielt. Und tatsächlich gibt es Historiker, die behaupten, dass der Gesang für den Protestantismus mindestens so bedeutend war wie die Erfindung des Buchdrucks. Schließlich haben sich die großen protestantischen Komponisten immer auch der Philosophie Luthers verschrieben: deutsche Texte, eine musikalische Durchdringung der biblischen Geschichte – und vor allen Dingen: Jedes Gemeindeglied bekam eine eigene Stimme.

Luther selbst wusste um die emotionale Bedeutung der Musik für die Messe und für die Massen. Lieder wie Ein’ feste Burg ist unser Gott wurden, wie Heinrich Heine es formulierte, zur „Marseiller Hymne der Reformation“, zu Revolutionsliedern, hinter denen sich die Ablassgegner im Namen Gottes vereinten. Die Musik war eine wesentliche Säule in der Propaganda der Kirchenspaltung, ein Distinktionsmerkmal zwischen protestierenden Protestanten und konventionellen Katholiken.

Egal, ob wir Johann Walter, den Urvater der protestantischen Musik, dessen Chorgesangbuch die Ideen Luthers in die Gemeinden trug, nehmen, Michael Praetorius, der für Herzog Heinrich Julius von Braunschweig Luther-Lieder vertonte, ob wir Heinrich Schütz verehren oder Johann Sebastian Bach, der ausgerechnet mit seiner Johannes-Passion ein Meisterwerk protestantischer Musik schuf und den Satz von Luthers Tischreden in Klang übersetzte, wonach „die Noten den Text lebendig machen“ – für sie alle war die Musik nicht allein der Geist der Kirche, sondern auch die Illustration des Fleisches Jesu und Klang-Kitt im Glauben an das Gute, Schöne und Hehre.

Es dauerte Jahrhunderte, bis wenigstens die musikalische Ökumene besiegelt war. Bereits in seinem Büchlein „Aus dem Geiste der Liturgie“ machte der damalige Bischof Joseph Ratzinger keinen Unterschied mehr zwischen dem Katholiken Mozart und dem Protestanten Bach – beide, so der spätere Papst, seien für ihn eine Art Gottesbeweis und ihre Musik die Möglichkeit, einen direkten Draht zum Herrn aufzunehmen. Das Musizieren, so Ratzinger, sei eine Form des Gebetes, der Kommunikation mit Gott. Ob dieser Gott nun protestantisch oder katholisch sei, spielte für ihn zunächst keine Rolle – Hauptsache, Gott werde Klang. Und damit war Ratzinger vollkommen auf der Linie Luthers, der bereits sagte: „Der Teufel braucht nicht alle schönen Melodien für sich.“ Vielleicht ist es eine Frage der Zeit, bis dieser Pragmatismus des Schönen auch als Grundlage für ein gemeinsames Abendmahl dienen kann.

Und dennoch unterschied Ratzinger die Musik durchaus in Kompositionen des Himmels und der Hölle: Während das Barock und die Klassik für ihn einen direkten Draht nach oben darstellen, weil sie uns zur Besinnung führen, verabscheut er Rock und Pop als musikalische Formen der Zerstreuung und der Ablenkung.

Es ist spannend, zu sehen, wie in der Kirche noch immer um Musik gestritten wird, während die Geistlichkeit des Klangs in einer aufgeklärten Gesellschaft immer weniger Bedeutung zu haben scheint. Einer der spannendsten Interpreten Bachscher Musik ist sicherlich der Organist Cameron Carpenter – ein ausgesprochener und kämpferischer Agnostiker. Für ihn ist die Orgel schon lange kein Instrument mehr, das die Allmacht Gottes verkörpert, sondern lediglich eine perfekte Maschine, die nötig ist, um den perfekten Klang zu erzeugen. „Es mag sein“, sagt Carpenter, „dass der Glaube Bach inspiriert hat, aber letztlich ist alles, was wir heute haben, seine Noten – und die sind auch jenseits der biblischen Botschaft deutbar.“ Das Orgelspiel ist für Carpenter kein Gottesdienst, sondern eine postmoderne Show, in der Mensch und Maschine miteinander verwachsen.

Allein daran, aber auch daran, dass Protestanten und Katholiken sich zur Feier Luthers ausgerechnet auf ein Musical verständigen, lässt sich erkennen, dass die Bedeutung und die einst selbstverständliche Zuordnung der Musik zu einer Konfession heute keine gesellschaftliche Bedeutung mehr haben. Ist die Musik also willkürlich geworden, kann sich jeder den Klang zu Eigen machen? Ist an der aktuellen Bedeutung und der Lesart der Musik nur der Zustand unserer Welt, die in viele Einzelgruppen zerfallen ist, abzulesen?

Sicher nicht! Martin Luthers Idee der Musik als Sinnstiftung für die Massen und als Identifikation des Einzelnen mit einer Gruppe ist heute so aktuell wie je. Das einzige Problem: Diese Erkenntnis wird inzwischen auch von jenen genutzt, denen es nicht unbedingt um das Gute, um das Humanistische, um die Menschenliebe und die Liebe zu allen Menschen geht, so wie Jesus sie predigte. Es ist schon absurd, wenn ausgerechnet Gruppen wie Pegida sich versammeln, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen und damit die Werte des „christlichen Abendlandes“ hochhalten wollen. Ausgerechnet die Rechte beruft sich dabei auf eine im Grunde lutherische Idee: Die Ungehörten, jeder Einzelne, sollen eine eigene Stimme bekommen. Dass die Umsetzung der protestantischen Idee widerspricht, stört die Rechte wenig: Ihr Chorgesang auf den Plätzen in Dresden ist nicht der Gesang individueller Geister, sondern der Wutgesang einer Masse, deren Chorleiter den Weg diktiert – die Weihnachtslieder der Pegida haben vielleicht christlichen Ursprung, sind aber ein Verrat an ihrer christlichen Idee.

Es ist viel über Angela Merkel gelacht worden, darüber, dass sie in einer Rede sagte: „Man muss ja nun wirklich nicht zu Pegida und AfD gehen, um christliche Weihnachtslieder singen zu dürfen.“ Merkel fragte zu Recht: „Wie viele von uns tun denn das noch auf den Weihnachtsfeiern unserer Kreisverbände? Und wo läuft (statt christlicher Lieder) irgendein Tammtammtamm oder Schneeflöckchen, Weißröckchen? All das erinnert ein bisschen an den alten Ratzinger, für den Helene Fischer vielleicht ebenfalls aus der Hölle kommt. Aber Merkel fragt durchaus zu Recht: „Wie viele christliche Weihnachtslieder bringen wir denn unseren Kindern und Enkeln bei?“ Ihre Befürchtung ist, dass uns durch den Verlust unserer christlichen Tradition auch „ein Stück Heimat verloren geht“.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das Christentum gehört, egal, ob wir glauben oder nicht, zu unserer Tradition, hat unsere Kultur und unsere Moral geprägt – Bach ebenso wie Mozart, Luther ebenso wie der Papst. Und Merkel hat nicht ganz Unrecht, wenn sie beobachtet, dass derzeit ausgerechnet Menschen mit weitgehend unchristlichem Hintergrund (Menschen, die Menschenrechte allein auf Deutsche beziehen, bei denen Mitmenschlichkeit stets in nationalen, ethischen und geografischen Grenzen gedacht wird) Luthers Idee des gemeinsamen Singens kapern.

Hier wäre es auch an der Zeit, dass sich die Kirchen selbst mit der Bedeutung der Musik und ihrer Tradition auseinandersetzen. Sicher, noch immer singen über 800.000 Menschen in über 30.000 Kirchenchören. Gleichzeitig aber steckt die Kirchenmusik in einer Krise: Kantoren, Organisten und andere Kirchenmusiker müssen inzwischen oft mehrere Gemeinden parallel betreuen; während vor 20 Jahren noch 85 Prozent der Kirchenmusikstellen Vollzeitstellen waren, sind es heute nur noch 40 Prozent, sowohl an der Spitze der sogenannten A-Stellen als auch in der breiten Masse, dort, wo besonders viele Menschen in den Gemeinden mit Musik in Berührung kommen würden, wird gespart. Die Verflachung der musikalischen Qualität ist gerade in protestantischen Gottesdiensten zu beobachten, und es ist erschreckend, dass die Kirchen, die einst Horte für Uraufführungen waren, Orte, an denen nach dem Klang unserer Zeit geforscht wurde, heute lieber Popsongs auf Gitarre zupfen. Mit Ausnahme von Penderecki, Pärt und Gubaidulina sind in den letzten Jahren kaum wegweisende Kompositionen entstanden. Kein Wunder, dass Kirchen, die so sträflich mit ihrer eigenen Tradition umgehen, für einen Festakt der Ökumene nichts anderes einfällt als You’ll Never Walk Alone!

Wenn wir in diesen Wochen und Monaten also nicht nur das Weihnachtsfest begehen, sondern auch den Geburtstag Luthers feiern, könnte das Anlass sein, dass wir die Bedeutung der Musik wieder ins Zentrum christlicher, aber auch gesellschaftlicher Werte rücken: Luther hat erkannt, dass das gemeinsame Singen eine Möglichkeit ist, jedem Menschen eine Stimme zu geben. Bereits vor Jahrzehnten haben die christlichen Konfessionen festgestellt, dass Musik – egal, ob sie von Bach oder Mozart stammt – Einheit stiften kann, und ja: Selbst für Atheisten und Agnostiker spielt christliche Musik zumindest eine traditionelle Rolle. Angela Merkel hat Recht: All das sollten wir uns nicht von anderen aus den Händen nehmen lassen. Musik bedeutet Menschlichkeit – und es ist christlicher und nicht-christlicher Auftrag, mit diesem Erbe verantwortungsvoll, demokratisch und humanistisch umzugehen.

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Kommentare

  1. Stephan Thieme
    7. April 2017 at 10:43

    Sehr geehrter Herr Brüggemann,
    vielen Dank für Ihren Artikel. Ich stelle mir ähnliche Fragen. Unter folgendem link finden sie unseren Versuch erläutert, wie wir mit solchen Fragen umgehen.
    http://www.schraege-musik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=313&Itemid=91

    https://www.kirchentag.de/programm/programmsuche.html#session/366060101/V.KMU-012 auch das könnte Sie interessieren.

    Beste Grüße

    Stephan Thieme, Pastor der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Kirche in Steinbek, Bezirk Mümmelmannsberg (Hamburg)

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