John Neumeier: Die Träume, die Sehnsucht

John Neumeier: Die Träume, die Sehnsucht

John Neumeiers 2003 kreierte Adaption von Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig erzählt uns die Geschichte des alternden Gustav von Aschenbach, der in der Liebe zum blutjungen Tadzio seinen Kopf verliert und schließlich den Tod findet.

Auftritt Edvin Revazov und wir wissen, wieso. Der Tadzio wurde ihm auf seinen schönen Leib geschneidert, und es liegt eine naive Lust in seinen Bewegungen, deren knabenhafter Übermut sich in wilder Virilität en l’air entlädt. Mit seinem Blick in die Weite und den glühenden Wangen eines tobendes Kindes kann man nicht anders, als ihn zu verklären. Lloyd Riggins als Aschenbach ist der Zerrissene par excellence. Es ist weniger sein pantomimisch-geometrisches Bewegungssystem, das zu uns spricht, als sein Ausdruck, sein Gesicht, das vergeht, zerfließt und erstarrt – für diese Close-ups können wir dankbar sein. Sie geben Einsichten in sein Innenleben, von Zweifel, Trauer, Wut bis Eitelkeit. Auch der Film von Norbert Beilharz (Bonusmaterial) gewährt durch Probenausschnitte und ein Interview mit Neumeier wertvolle Einblicke in den Subtext des Gefühls, in die Träume, die Sehnsucht. Zu Bach und Wagner wechseln die Bilder von Realität, Fiktion und Projektion. Am besten ist dieses Ballett ohnehin, wenn es träumt und wir ihm dabei zusehen dürfen.

John Neumeier: „Death in Venice“, Hamburg Ballett
(Arthaus)
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