Verstoßene Kreatur: Das Royal Ballet mit Frankenstein

Verstoßene Kreatur: Das Royal Ballet mit Frankenstein

Liam Scarletts Frankenstein für das Londoner Royal Ballet ist kein Billig-Grusel-Stück. Der Choreograf hielt sich für sein ehemaliges Ensemble an die Urvorlage: Mary Shelleys schauerromantischen und zugleich den Wissenschaftsdrang ihrer Zeit spiegelnden Roman von 1818. Bei Scarlett tanzt, getragen von Lowell Liebermanns filmischer Komposition, eine Szene in die andere über: die Geselligkeiten der gutbürgerlichen Familie Victor Frankensteins, die Liebe zur jungen Elizabeth, das Anatomiestudium, die künstliche Erschaffung eines lebendigen Wesens. Kostüm und Gestus haben ein 19.-Jahrhundert-Flair, subtil neoklassisch zeigt sich Scarletts Tanzstil, den die Royals traumwandlerisch leicht beherrschen. Der Kernpunkt jedoch ist die fast expressionistisch gehaltene Auseinandersetzung zwischen der Kreatur und Frankenstein: Der Labor-Mensch wird durch sein Ausgegrenztsein, sein Leiden an verweigerter Zuwendung zum Mörder an der Familie seines Erschöpfers. Und Steven McRae und Federico Bonelli machen diese Tragik einer Wissenschaftsutopie so eindringlich fühlbar.

Von Malve Gradinger

„Frankenstein”, The Royal Ballet
(Opus Arte)
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